Dennis Scheffel mit Freundin Nele im Stadion beim Saisonauftakt gegen Bochum. Foto: privat

Dennis Scheffel erkrankte an ME/CFS. Eine Krankheit, die kaum erforscht ist und sich durch chronische Erschöpfung ausdrückt. Scheffel durchläuft eine schwere Leidenszeit, ist ans Bett gefesselt. Jahre später geht es endlich aufwärts.

Als Hypochonder ist Dennis Scheffel einst von seinem Arzt bezeichnet worden. Der 26-jährige Reutlinger ist am chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS erkrankt. Die Medizin ist ratlos. Die Behandlung teuer. Die Heilung schwierig. VfB-Fan Scheffel, seine Familie und seine Freundin Nele initiieren im Netz eine Spendenaktion, die irgendwann viral geht. Medien berichten. Der VfB Stuttgart schaltet sich ein, über 100 000 Euro kommen 2020 zusammen.

 

Scheffel ist guter Dinge, probiert ein neuartiges Medikament aus, testet einen anderen Behandlungsansatz. Es beginnt eine Achterbahnfahrt. Verbesserungen stellen sich ein, teils große Fortschritte werden erzielt. Ein Umzug hilft die Gesamtsituation zu verbessern. Nachdem er lange Zeit in einem abgedunkelten Dachzimmer liegen und immer die gleiche Stelle an der Wand anstarren musste, kann er nun einen Blick in den Garten werfen. Es sind die kleinen Dinge.

Doch Ende 2022 stand er wieder mit dem Rücken zur Wand. Sein Gesamtzustand war sogar noch schlechter als vor dem neuen Medikament. Scheffel stellt alles auf den Kopf. „Ich habe begonnen, alles zu hinterfragen und bei entsprechendem Analyseergebnis zu ändern sowie neue nützliche Gewohnheiten zu implementieren“, blickt er zurück. Er geht die Änderungen mit „absoluter Überzeugung und Disziplin“ an. Die ersten bemerkbaren Fortschritte stellen sich schon nach einer Woche ein.

Dennis Scheffel ist dankbar für die Unterstützung

Geholfen hat ihm und seinem engsten Kreis auch die unglaubliche Solidarität, die sich durch die Kampagne gezeigt hatte. Für Scheffel bis heute „unglaublich ermutigend“ in einer dunklen Zeit, in der er „keinerlei Hoffnung hatte, an die ich mich klammern konnte. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung von so vielen Leuten“, so Scheffel weiter. Doch trotz aller Verbesserungen ist die Lage immer noch kompliziert. So konnte er jahrelang nur weißes Fleisch und Brokkoli zu sich nehmen, alle anderen Nahrungsmittel lehnte sein Körper ab. Täglich 1,3 kg Bio-Hühnerbrust und 1 kg Brokkoli waren für sein Überleben notwendig.

Mittlerweile sind die Verbesserungen so groß und auch nachhaltig, dass er nicht mehr ans Bett gefesselt ist, tägliche Routinen durchlaufen und auch wieder über längere Zeiträume Gespräche führen kann. „Das schönste Erlebnis war mein erster Ausflug in den Wald. Damals noch in einem Liegerollstuhl. So vieles war wahnsinnig schön, auch als ich wieder genug Kraft hatte, richtig zu sprechen“, blickt Scheffel auf die letzten Monate zurück. Seine Fortschritte dokumentiert er auf X, vormals Twitter.

„Ich genieße es. Aktuell kann ich wieder meine Freunde und Verwandten treffen, die ich sechs Jahre lang nicht sehen konnte.“ Ein emotionales Highlight der letzten Wochen war der unangekündigte Besuch bei seiner Freundin, die in Heidelberg studiert. Man kann sich kaum vorstellen, was für ein Gefühl das für beide gewesen sein musste. „Ich habe mich immer gefragt, wie ich auf die zurückliegende Zeit schauen werde, wenn es mir einmal deutlich besser geht. Ganz klar ist nun: Die Freude und Dankbarkeit, dass es nun anders ist, überwiegt. Ich habe so viel dazugelernt“, sagt Scheffel.

Rückkehr in Stadion

Mittlerweile geht es ihm sogar so gut, dass er wieder in das Stadion zurückkehren konnte. Gemeinsam mit seiner Freundin wohnte er dem 5:0-Saisonauftakt gegen Bochum bei. Scheffel hat sich sogar eine Dauerkarte für die laufende Saison zugelegt. „Seit ich nicht mehr im Stadion war, habe ich bei jedem Spiel zuhause mitgefiebert“, sagt Scheffel. „Die letzten Jahre VfB-Fan zu sein, bedeutete oft viel Stress, aber den habe ich gerne in Kauf genommen und im Prinzip hat man bei so einer engen emotionalen Verbundenheit zu einem Verein auch keine andere Möglichkeit.“ Jetzt wieder die Heimspiele besuchen zu können, genießt er dafür umso mehr. Ein anderes Etappenziel ist ebenfalls fest eingeplant. Im Herbst will er mit Nele zusammenziehen. Erst kürzlich haben die beiden den achten Jahrestag ihrer Beziehung gefeiert.

Pläne gibt es auch schon, was mit den gesammelten Spenden passieren wird. Das Geld ist trotz aller bisher aufgelaufenen Kosten für Behandlungen, Rezepte, Medikamente und Co. noch lange nicht aufgebraucht. „Die Hoffnung und auch die Möglichkeiten, die ich durch die Unterstützung der vielen lieben Leute bekommen habe, war unbeschreiblich wichtig. Ich möchte nicht daran denken, wo ich ohne nun wäre“, so Scheffel. Das nach seiner vollständigen Genesung noch übrige Geld will er spenden, damit „möglichst vielen von ME/CFS Betroffenen geholfen werden kann. Mein favorisiertes Projekt dafür habe ich schon im Hinterkopf.“

Mittelfristig plant er den Berufseinstieg. „Zwar konnte ich die letzten Jahre nicht studieren oder eine Ausbildung absolvieren, konnte mir aber durch meine Erfahrungen, Reflexion und Selbststudium viel Wissen und Kompetenz aneignen.“ Dieses würde er gern für sich nutzen, „möglicherweise durch eine Selbstständigkeit“, sagt Scheffel. Dass durch die Pandemie und Long Covid seine Krankheit deutlich präsenter in den Medien ist und dadurch das Bewusstsein für das chronische Erschöpfungssyndrom verbessert wird, registriert er wohlwollend. „Das Wichtigste wäre, dass Ärzte besser geschult werden, weil dadurch die meisten schlimmen Verläufe verhindert werden könnten. Das wäre bei mir auch so gewesen“, sagt der 26-Jährige.