In Deutschland werden 200 Verwundete aus der Ukraine behandelt – für hiesige Ärzte eine neue Herausforderung. Manch ein Patient zieht nach der Genesung wieder in den Krieg.
Tak, tak, tak, tak, tak: Fünf Gewehrkugeln durchschlagen den Körper des Berufsmusikers Sergej Iwanchuk am 3. März auf einer Straße im ostukrainischen Charkiw, als er mit seinem Privatauto auf einer Evakuierungsfahrt ist, den Wagen voll mit vier Zivilisten und zwei Katzen. „Der erste Schuss traf mich in ein Bein, der zweite zerfetzte meine Finger“, erinnert sich Sergej Iwanchuk, „es war wie im Film, ein Albtraum“. Trotz der Verletzungen konnte er einen halben Kilometer weiter zu einem Checkpoint der ukrainischen Armee fahren. Da zog man ihn aus dem Wagen, eine Mitfahrerin habe ihre Hand auf eine Wunde bei der Lunge gedrückt, das rettete sein Leben, sagt er. „Die Ärzte in der Ukraine sagten mir, ich werde sterben“, erinnert sich Sergej Iwanchuk in seinem Patientenzimmer im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm, in dem er nun behandelt wird.
Geschosse trafen beide Beine, mitten in den Bauch und den rechten Rippenraum, am schlimmsten aber, dass eine Kugel die Hälfte des kleinen Fingers der linken Hand abriss und den Ringfinger schwer schädigte. „Ich singe als Bariton in der Oper. Und ich spiele Pianoforte, meine linke war die stärkste Hand“, sagt Sergej Iwanchuk. Er ist guter Dinge, seine Freundin ist mit dem Handy aus seiner Heimatstadt Poltawa zugeschaltet, und wenn Iwanchuk durchs Zimmer läuft, erkennt man nicht, dass er ein Kriegsverletzter aus der Ukraine ist – einer von mindestens 200, die derzeit in deutschen Hospitälern behandelt werden. Erst wenn er sein T-Shirt hochzieht, sieht man die großen Narben an Bauch und Beinen, wie mit Kreuzstichen aus der Nähstube zusammengeflickt.
Die typischen Kriegsverletzungen treten auf
Das medizinische Handwerk der Militärchirurgen ist wieder gefragt in Deutschland, und es ist vielleicht ein passender Zeitpunkt und Zufall, dass derzeit der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) ein Sanitätsoffizier der Bundeswehr ist: Professor Benedikt Friemert, Klinischer Direktor der Unfallchirurgie am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus und behandelnder Arzt von Sergej Iwanchuk. „Wie geht’s nach der OP?“, fragt Friemert den Patienten, der am Montag noch einen letzten Eingriff am Ringfinger hatte: „Alles in Ordnung, nur die Wunde schmerzt noch etwas.“ Aber dies sei kein Vergleich zu den wochenlangen brennenden und stechenden Schmerzen nach den Schüssen. „Ich spürte jede Wunde, sie brechen deinen Körper“, sagt Iwanchuk.
Professor Friemert, Jahrgang 1963, hat viele Jahre der Auslandseinsätze auf dem Balkan und in Afghanistan hinter sich, er kennt die typischen Krankheitsbilder des Krieges: zerfetzte Knochen und zerrissene Eingeweide, Infektionen. „Für uns Chirurgen gehört der Tod eigentlich zum Berufsalltag“, sagt Friemert. Aber das Retten von Leben ebenso. Bei einer Explosion oder bei einem Bombenanschlag – sei es durch Terror oder im Krieg – rechne man bei einem Toten mit einer zehnfach höheren Zahl an Verletzten. Bei Beschuss durch Gewehrfeuer sei das Todesrisiko höher, aber in der Regel nur auf die Getroffenen begrenzt.
Genesen und dann zurück an die Front
Deutsche Mediziner kommen mit Kriegsverletzungen eher wenig in Berührung. Friemert zitiert Zahlen des Traumaregisters der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, wonach von 35.000 bis 40 .000 schweren Verletzungen im Jahr nur fünf Prozent auf Explosionen und Schüsse entfallen. „Darunter sind Suizide und Jagdunfälle sowie viele Explosionen mit Kesseln in der Industrie.“ Mit den Folgen militärischer Explosionen sei das überhaupt nicht zu vergleichen: „Da haben Sie viel höhere Druck- und Hitzewellen sowie damit verbundene mechanische Schädigungen.“
Ohne Zweifel ist der Bedarf an deutscher Hilfe für ukrainische Verletzte höher, als die Zahl von 200 Patienten derzeit signalisiert. Aber nicht alle Kriegsverletzten hierzulande sind erfasst, einige kommen über private Wege und nicht über das offizielle Verteilsystem des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in die Bundesländer. Friemert vermutet, dass bei einem etwaigen Waffenstillstand und wieder geordneten Transportrouten die Ankunft von Kriegsversehrten massiv ansteigen werde. Die Schwierigkeit liege derzeit in der mangelnden Transportfähigkeit von frisch Verletzten in der Ukraine in den Westen. Sie werden zuerst im Heimatland behandelt. Erst nach einiger Zeit werden sie – häufig mit Wund- oder Knocheninfektionen sowie Defekten an Knochen und Weichteilen – zur Weiterbehandlung mit einem speziellen Airbus A310 Medevac oder dem A400 M Medevac – fliegenden Intensivstationen – nach Deutschland geflogen.
Antibiotika-resistente Keime als Problem
Die Versorgung ist dann zeitraubend. Friemert kann das beurteilen. Er erinnert daran, dass Deutschland schon seit geraumer Zeit über eine Vermittlung des Auswärtigen Amtes Kriegsverletzte aus dem „vergessenen“ Krieg im Donbass versorgt hat. Einer seiner Patienten – Mitte 20 – kam 2021 mit nach Beschuss und Infektion „fehlender Bauchdecke“ nach Ulm. „Die zu rekonstruieren gelang nur nach einem komplizierten Verlauf mit Hilfe der plastischen Chirurgie in Zusammenarbeit mit der Bauchchirurgie.“ Der junge Mann sei nun genesen – und in die Ukraine zurückgekehrt, um weiter gegen die Russen zu kämpfen.
Besonders übel spielen den Kriegsverletzten antibiotika-resistente Keime mit, beispielsweise die MRGN-4, denen vier verschiedene Antibiotikagruppen nichts anhaben können. Wenn sie die Knochen befallen, ist das fast noch schlimmer als bei Weichteilen, und es hilft nur ein operatives Entfernen. Professor Friemert schildert den Fall einer ukrainischen Soldatin – auch sie Mitte 20 – deren eines Bein nach einer Explosion nicht mehr zu retten war. Das zweite war schwer geschädigt und von einer Knocheninfektion befallen. Der infizierte Teil musste entfernt werden. Mithilfe des sogenannten Segmenttransports – die getrennten Knochenenden wachsen einen Millimeter am Tag wieder zusammen – wird der Patientin zumindest dieses Bein erhalten bleiben.
„Das ist ein langer Prozess, dauert ein halbes bis ein Jahr. Am Ende wird die Patientin links eine Prothese haben und rechts ihr Bein voll belasten können“, sagt Friemert. Fragt man den Berufssoldaten aber nach seinen schlimmsten Erlebnissen, fallen ihm zivile Kinderschicksale aus Afghanistan ein: Das 6-jährige Mädchen, dessen beide verbrannten Beine nach der Explosion eines gusseisernen Schnellkochtopfs amputiert werden mussten. Oder das eines 12-Jährigen Afghanen, der nach einer bösartigen Krebserkrankung im Knie beinahe am lebendigen Leibe verrottet wäre, weil die Eltern die Amputation ablehnten: „Wenn man so etwas sieht, wird man demütig. Die Probleme hierzulande werden klein.“
Die Zimmergenossen sind alle tot
Dass es neben der Linderung des Leidens der Ukrainer bürokratische Probleme gibt, das will Friemert nicht verleugnen. Für die Kosten der medizinischen Behandlung von Verwundeten aus der Ukraine sind die Kommunen zuständig, sie führen noch Gespräche darüber, inwieweit Bund und Land einspringen. Unklar ist auch, wer eines Tages für kriegsversehrte Ukrainer die Reha-Maßnahmen zahlen wird – normalerweise müsste die Rentenversicherung dafür aufkommen, nun sieht es so aus, als ob es an den Kommunen hängen bliebe, ebenso wie die Versorgung von hier gestrandeten Kriegsinvaliden, die nicht mehr erwerbsfähig sein werden.
Sergej Iwanchuk will sobald wie möglich wieder arbeiten in seinem Beruf – gerne in Deutschland. Vor der Corona-Pandemie hatte er in Italien gesungen, nur wegen der Pandemie war er in die Heimat zurückgekehrt. „Ich bin außerordentlich dankbar für die Hilfe in Deutschland, ich bin beeindruckt von der professionellen Arbeit des Bundeswehrkrankenhauses“, sagt der Ukrainer. Alles sei gut, von der Medizin bis zum Essen. In der Ukraine habe er 20 Kilo abgenommen, die habe er bald wieder drauf. Das Erzählen seiner Geschichte belastet und berührt den 29-Jährigen sichtlich: Im Reanimationsraum im Krankenhaus seien viele Leute mit ein oder zwei Schusswunden gewesen, sagt er: „Die sind alle gestorben. Es ist ein Wunder, dass ich überlebte. Die Doktoren gaben mir minimale Chancen.“