50 000 Menschen müssen die Petition unterschreiben, damit sie Gehör findet. Foto: Stoppel

Viele Jungverwitwete müssen sich um ihre finanzielle Situation sorgen. Die Hinterbliebenenrente ist klein, die Abzüge sind hoch. Betroffene aus dem Rems-Murr-Kreis kämpfen mit einer bundesweiten Petition für eine Reform der Regelungen.

Schorndorf - Michaela Saravanja ist als Ehefrau ins Bett gegangen und als Witwe aufgewacht. 44 Jahre war sie alt, als ihr Ehemann eines abends für immer einschlief. Der gesunde, sportliche Mann ließ sie mit den zwei gemeinsamen, volljährigen Kindern zurück. „Am Anfang ging es darum, zu überleben, zu funktionieren, die Pflichten als Mutter, als Mitarbeiterin zu erfüllen“, erzählt die heute 46-Jährige.

Als seien Trauer und Schmerz nicht schlimm genug, kamen auch noch die Sorgen über die finanzielle Situation hinzu. Heute kann Michaela Saravanja über den ersten Bescheid ihrer Witwenrente lachen, damals war ihr zum Heulen zu Mute: Ganze 33 Cent blieben ihr damals von der kleinen Witwenrente übrig. „Da haben Papier und Porto mehr gekostet“, sagt sie.

Ab einem Nettoeinkommen von 845,49 gibt’s Abzüge bei der Witwenrente

Wie dieser absurde Betrag zustande kommt? Zum einen erhalten Frauen oder Männer, deren Ehepartner relativ früh sterben, schon einmal grundsätzlich eine kleinere Hinterbliebenenrente, weil kürzer eingezahlt wurde. Im Durchschnitt sind es etwa 500 Euro. Frauen unter 45 Jahren und sieben Monaten erhalten, wenn sie kein minderjähriges Kind haben, noch weniger: Die kleine Witwenrente beträgt nur 25 Prozent. Und diesen Betrag bekommen Verwitwete wiederum nur, wenn sie nicht mehr als 845,49 Euro netto verdienen.

Für jeden mehr verdienten Euro wird die Hinterbliebenenrente um 40 Prozent des Mehrverdienstes gekürzt. Zu den Einkünften zählen neben dem Lohn auch Zinsen, Mieteinnahmen oder Einkünfte aus einem 450-Euro-Minijob. Hinzu kommt, dass Verwitwete spätestens zwei Jahre nach dem Tod ihres Partners in die Lohnsteuerklasse 1 oder 2 rutschen. „Ich bekomme seit diesem Jahr netto 400 Euro weniger“, berichtet Michaela Saravanja.

Ziel: Reform der Hinterbliebenenrente und eigene Steuerklasse

In einer Trauergruppe hat sie im vergangenen Jahr Birgit Ceko getroffen. Zusammen und inzwischen verstärkt durch andere betroffene Frauen aus dem Rems-Murr-Kreis kämpfen die beiden für eine Reform der Hinterbliebenenrente und dafür, dass Verwitwete eine eigene Steuerklasse erhalten. Sie haben sich mit Inga Krauss aus dem Allgäu vernetzt, die eine Petition an den Bundestag gestartet hat. 50 000 Unterschriften müssen gesammelt werden, damit die Petition Gehör findet.

Die Frauen beteiligen sich aus unterschiedlichen Gründen: „Das kann jedem passieren, der verheiratet ist. Einer geht immer als erstes“, sagt Birgit Ceko. Die 53-Jährige aus den Berglen will nicht all ihr Hab und Gut verkaufen müssen, um irgendwie überleben zu können: „Ich will leben“, sagt die Floristin und berichtet mit brüchiger Stimme, wie ihre Tochter ihr Geld angeboten habe: „Eltern sollen Kinder unterstützen und nicht andersrum“, sagt Birgit Ceko.

Witwen haben Angst vor Altersarmut

Die Mitstreiterin Sonja Härer erzählt, dass sie Angst vor Altersarmut hat. Die 64-Jährige geht Ende des Monats in Rente und denkt jetzt schon wieder ans Arbeiten: „Ich werde einen 450-Euro-Job annehmen, auch wenn das Abzüge bedeutet“, erzählt sie. Das Haus, das sich die Schorndorferin und ihr Mann einst vom Mund abgespart haben, ist bereits verkauft. Zu den ständigen Sorgen ums Geld kommt die Einsamkeit hinzu: „Ausflüge sind zu teuer. Ich gehe walken oder Rad fahren, aber eben allein“, erzählt Sonja Härer. Die anderen Frauen nicken: „Ich habe die Tageszeitung abbestellt, bin aus allen Vereinen ausgetreten“, sagt Birgit Ceko.

Bisherige Regelung der Witwenrente sei leistungsabgewandt

Die Frauen wollen sich nicht zurücklehnen, sie möchten arbeiten – und finden es ungerecht, dass sie sich ihren Einsatz eigentlich sparen könnten: „Das ist ein vollkommen leistungsabgewandter Ansatz“, meint Barbara Schunter. Keine der Frauen will oder kann sich auf ihrer Hinterbliebenenrente ausruhen. Aber es lohne sich schlicht nicht, mehr Stunden zu arbeiten: „Wir gehen unter Mindestlohn nach Hause“, sagt dazu Birgit Ceko.

Kontakt: Die Betroffenen sind erreichbar per Mail an witwen-witwer-renten@gmx.de. Am Samstag, 13. April, gibt es von 7 bis 13 Uhr einen Infostand auf dem Winnender Wochenmarkt. Die Witwen und Witwer werden zudem an der Stuttgarter 1.-Mai-Demo mitlaufen, Treffpunkt ist um 9.30 Uhr am Marienplatz.

Die Petition findet sich im Internet.

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