Die Zeichnung zeigt, wie die Lokomotive vor ihrem Untergang ausgesehen haben dürfte. Foto: Eisenbahnmuseum Kranichstein

Vor 166 Jahren versank eine Lokomotive im Rhein bei Germersheim. Ein Experten-Trio hat sie aufgespürt.

Germersheim - Es erscheint wie der Kindheitstraum eines jeden enthusiastischen Eisenbahners: eine verloren gegangene Lokomotive zu finden. Für Horst Müller dürfte so ein Traum nun wahr werden. Der ehemalige Lokomotivführer aus Cochem an der Mosel ist seit Jahrzehnten auf der Suche nach einer im Februar 1852 im Rhein bei Germersheim versunkenen Lokomotive. Am 21. Oktober könnte sie geborgen werden. Im gegenüberliegenden Philippsburg ist man auf Zuschauerandrang vorbereitet.

Sinnigerweise hieß die einst im Strudel des Oberrheins versunkene Lokomotive „Der Rhein“. Sie hatte drei Achsen, rund 20 Tonnen an Gewicht und sechs Meter Länge. Hergestellt wurde sie in einer Karlsruher Maschinenfabrik und sollte auf dem Wasserweg bis Köln geschippert werden, wo man sie auf ein bereits bestehendes Eisenbahnnetz verladen und nach Düsseldorf gebracht hätte. Doch nach 30 Kilometern auf dem Wasser war die Reise zu Ende: Ein Wintersturm brachte den Segelfrachter zum Kentern. Wenige Tage später versuchten 400 Mann die Lok mit langen Kettenzügen wieder an die Oberfläche zu ziehen. Vergebens.

Fast 30 Jahre lang hat ein Expertentrio nach der Lok gesucht

Der inzwischen 69-jährige Horst Müller hatte erstmals im Alter von 11 Jahren von der „versunkenen Lok“ gelesen. Seitdem ließ ihn die Geschichte offenbar nicht mehr los. In späteren Jahren suchte er Mitstreiter: Seit dem Jahr 1987 besteht der Kontakt zu dem ehrenamtlichen Leiter des Museums „Bahnwelt Darmstadt-Kranichstein“, Uwe Breitmeier. Nach der Wende kam der Geophysiker Bernhard Forkman aus Freiberg/Sachsen hinzu. Seit 1989 ist das Trio gemeinsam auf Suche nach der Lok – und steht nun möglicherweise vor dem großen Durchbruch.

Was sie da in den Tiefen des Rheins, etwa 6,5 Meter unterhalb des Wasserspiegels, tatsächlich erwartet – und vor allem in welchem Erhaltungszustand – erscheint völlig ungewiss. Es wäre die älteste Lok Deutschlands im Urzustand. Klar ist bislang aber nur, dass ein sechs Meter langer Eisenblock im Untergrund liegt. Das ergab die Ortung mit Magnetsensoren. Der Koloss liegt 50 Meter vom Germersheimer Ufer entfernt, auf Höhe des Philippsburger Stadtteils Rheinsheim, begraben unter 3000 Tonnen Kies, Sand und Geröll.

Mehrere kleine Hinweise ergänzten das Puzzle

Dabei war das Trio Müller, Breitmeier und Forkman 2006 schon kurz davor gestanden, die Suche aufzugeben. Mehrfach hatte es Sondierungen und Erdbohrungen auf der Germersheimer Landseite gegeben. „Wir waren damals im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Holzweg“, sagt Uwe Breitmeier, dessen Darmstädter Museum als Schirmherr dient, auch um die Chancen auf staatliche Unterstützung zu verbessern. Den ehemaligen Lokomotivführer Horst Müller bezeichnet der Museumschef als „spiritus rector“ des gesamten Unternehmens – die treibende Kraft.

Müller war es auch, der sich 2008 wochenlang im Landesarchiv im pfälzischen Speyer „in Akten eingegraben“ hatte. Der Unfall von 1852 war in fast allen deutschen Zeitungen vermeldet worden. Dabei stieß Müller auf neue Spuren – und einen Denkfehler: Die Rheinbegradigung des Karlsruher Ingenieurs Johann Gottfried Tulla, die zwischen 1817 und 1876 aus einem einst mäandernden Strom ein völlig verändertes Flussbett hinterließ, war einer der Hintergründe. Denn die zunächst von Müller eingesehenen Flusskarten zeichneten ein verfälschtes Bild – tatsächlich war der spätere Fundort im heute noch bestehenden Flussstrom zu verorten. „Mehrere kleine neue Hinweispunkte ergänzten das Puzzle“, erzählt Breitmeier. Nur wenig später ortete das Eisenbahner-Trio den Metallblock mit Magnetsensoren. Jetzt ging es auf Suche nach Sponsoren.

Die Bergung wird voraussichtlich 500 000 Euro kosten

„Seit zwei Jahren wissen wir, dass wir die Bergung stemmen können“, sagt Uwe Breitmeier. Inzwischen sei „genug Geld eingesammelt, um graben zu können“. Der ehemalige Lokomotivführer Horst Müller sieht sich „nur noch als Zuschauer“. Andere haben längst die Regie übernommen: ein kleines Hafen- und Flussbauunternehmen aus Au am Rhein,wenige Kilometer südlich von Karlsruhe habe „einen Teil der Bergungskosten erlassen“. Seit Wochen steht bereits ein Schiff der Firma OHF bei Rheinkilometer 387, also vor Ort. Es hat eine U-förmige, 30 Meter lange Spundwand in den Rheingrund eingedrückt. Sie soll die Arbeiten und geplanten Tauchgänge in der starken Strömung ermöglichen.

Im Frühjahr wurde erstmals ein Kostenrahmen bekannt: rund 500 000 Euro kostet demnach die Bergung. „Uns fehlten zuletzt noch etwa 100 000 Euro“, erzählt Breitmeier. Seit Juli 2018 läuft auch ein „Crowd-Funding“ über ein Spendenkonto in Darmstadt.

Der Südwestrundfunk, der die Suche nach der Lok lange medial begleitet, plant am 21.Oktober ab 14 Uhr eine Live-Übertragung von der Bergung. Am badischen Ufer im Philippsburger Stadtteil Rheinsheim bereitet man sich bereits auf einen Publikumsansturm vor. „Wir rechnen mit 10 000 Zuschauern“, sagt der Bürgermeister Stefan Martus. Für den Zugang zum Rheinufer plant er einen Shuttlebus.

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