An der Heilbronner Straße wächst das Europaviertel. Foto: Bahnprojekt Stuttgart–Ulm e. V.

Während Handelshäuser und Wohngebäude hinterm Hauptbahnhof in den Himmel schießen, hat sich die Stadt bis auf weiteres von dem Gedanken einer Kita auf dem A1-Areal verabschiedet. Darüber sind die Ratsfraktionen nun verärgert.

Während Handelshäuser und Wohngebäude hinterm Hauptbahnhof in den Himmel schießen, hat sich die Stadt bis auf weiteres von dem Gedanken einer Kita auf dem A1-Areal verabschiedet. Darüber sind die Ratsfraktionen nun verärgert.

Stuttgart - Städtebauliche Verträge regeln unter anderem, in welcher Höhe Investoren die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen in einem Viertel mitfinanzieren. So zum Beispiel die Bahn, der das A1-Areal einst gehört hat. Die Bahn sollte, so Pressesprecher Reinhold Willing, „für die Grundstücksbereitstellung und den Bau einer Kita“ eine Million D-Mark bereitstellen.

Die Stadt fordert den Bau aber nicht mehr ein, das ist das „Ergebnis von Gesprächen im vergangenen Jahr“, bestätigt Willing. Finanzbürgermeister Michael Föll formuliert es etwas anders: In den Planungen für das Gelände war kein Standort ausgewiesen. Die Stadt hat die Bahn mehrfach darauf hingewiesen, den Bedarf an Kita-Plätzen zu berücksichtigen.“ Auf dem A1-Areal hat die Bahn diesem Wunsch offenbar nicht entsprechen können. Deshalb bezahlt sie die für Grundstück und Bau vereinbarte eine Million D-Mark nun in Euro (rund 500 000) an die Stadt, als Ablöse gewissermaßen.

„Im Plan war auf dem Areal nur eine zweigruppige Kita, unserer Bedarfsprüfung nach brauchen wir für die geplanten 1300 Wohnungen aber mindestens zwei Kitas mit jeweils sechs Gruppen“, sagt Jugendamtsleiter Bruno Pfeifle. Weil sich der Anteil von Wohnungen im Neubaugebiet von einst 15 auf inzwischen 29 Prozent erhöht hat, wäre die Kita mit zwei Gruppen fürs Europaviertel ohnehin zu klein geworden.

„Das hätte uns die Verwaltung schon am 28. Januar im Ausschuss für Umwelt und Technik sagen können“, ärgert sich Peter Pätzold, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Gemeinderat. In dieser Sitzung waren die Infrastrukturbeiträge für Kitas durch Investoren ohnehin ein Thema auf der Tagesordnung, und zwar auf Antrag der Grünen. Sie bemängeln, dass die geltende Infrastrukturplanung oftmals gar nicht umgesetzt werde – wie aktuell die Kita auf dem A1-Area, die man „einfach vergessen“ habe. „Eine funktionierende Stadtplanung sieht anders aus.“ Die SPD ist ebenfalls unzufrieden mit dem Ablauf der Entscheidung. „Politisch klug wäre eine Absprache mit dem Gemeinderat gewesen“, sagt Stadtrat Andreas Reißig. Die Stadträte sehen nun einen großen Betrag durch die Lappen gehen: Der Kauf eines Grundstücks auf dem A1-Areal koste circa 3300 Euro pro Quadratmeter. Reißig: „Fölls Verzicht ist intransparent, widersprüchlich und nicht bedarfsgerecht.“ Der Pressesprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm sagt: „Ich habe der Pressemitteilung der Stadt nichts hinzuzufügen.“

Die Bahn ist nicht der einzige Investor, der eine Ablösesumme bezahlt. Erst jüngst hat die Verwaltung im Ausschuss für Umwelt und Technik darüber informiert. Beim Südtor am Marienplatz flossen 102 000 Euro, beim Gerber 188 000 Euro und auf dem Herma-Gelände in Wangen im Stuttgarter Osten werden maximal 102 923 Euro verlangt. Am Marienplatz schafft man Ersatz mit Hilfe eines freien Trägers, der in der Mörike­straße eine zweigruppige Einrichtung eröffnet, beim Gerber baut die Württembergische Versicherung in der Sophienstraße eine Kita, in Wangen wird die städtische Einrichtung in der Ravensburger Straße erweitert.

Fürs Europaviertel unterbreiten Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer und Michael Föll folgende Alternative: Das Jugendamt baut bis Herbst 2014 im benachbarten Gebiet Prag/Rosenstein eine Fertigbau-Kita mit acht Gruppen. In der Heilbronner Straße 162 wird eine Kita mit acht Gruppen bis Ende 2015 fertig sein, auf dem Auto-Staiger-Gelände in der Nordbahnhofstraße soll 2017 eine achtgruppige Kita eröffnen. An diesen Bauvorhaben beteilige sich die Bahn mit der genannten Ablösesumme. Die genannten Standorte seien vom A1-Areal aus mit der Stadtbahn beziehungsweise zu Fuß zu erreichen.

Weil all diese Einrichtungen Kinder aus dem Europaviertel aufnehmen würden, „besteht aktuell kein Bedarf an einer zweigruppigen Kita auf dem Gelände“, befinden Föll und Fezer in ihrer Pressemitteilung. Ein Baufeld sei dort ohnehin erst verfügbar, „wenn Stuttgart 21 fertiggestellt ist“.

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