Der Tübinger Pharmahersteller fordert eine „faire Entschädigung“ für seine jahrelange Entwicklungsarbeit. Eine Sprecherin erklärt, warum die Klage erst jetzt kommt.
Mit dem eigenen Corona-Impfstoff hat Curevac Schiffbruch erlitten, jetzt will das Tübinger Biopharma-Unternehmen am Erfolg des deutschen Konkurrenten Biontech teilhaben. Curevac hat am Dienstag mitgeteilt, dass es beim Landgericht Düsseldorf Klage gegen Biontech sowie zwei Tochterfirmen des Mainzer Unternehmens eingereicht hat. Die Tübinger sehen Patentrechte verletzt und wollen „geistige Eigentumsrechte aus mehr als zwei Jahrzehnten Pionierarbeit in der mRNA-Technologie geltend machen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Curevac. Man fordere „eine faire Entschädigung“.
Das zentrale Argument lautet, dass beim Design und der Entwicklung des erfolgreichen Impfstoffs Comirnaty von Biontech mehrere Erfindungen wesentlich gewesen seien, die Curevac in verschiedenen Patenten als geistiges Eigentum geschützt habe. Die Impfungen aber sollen nicht gebremst werden. Curevac strebe keine einstweilige Verfügung an und beabsichtige „keine rechtlichen Schritte, die die Produktion, den Verkauf oder den Vertrieb von Comirnaty behindern könnten“, so das Unternehmen.
Biontech macht Milliardengewinne, Curevac schreibt Verluste
Biontech weist den Vorwurf, Patentrechte verletzt zu haben, kategorisch zurück. Die Arbeit des Unternehmens sei „originär, und wir werden sie entschieden gegen alle Anschuldigungen der Patentverletzung verteidigen“. Es sei nicht ungewöhnlich, dass andere Pharmaunternehmen im Zuge des Erfolgs des Biontech-Vakzins nun behaupteten, der Impfstoff verletze möglicherweise ihre geistigen Eigentumsrechte.
Der Rechtsstreit spielt sich vor dem Hintergrund der höchst unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung der beiden deutschen Pioniere auf dem Feld der mRNA-basierten Impfstoffe und Therapien ab. Während das von den Medizinern Özlem Türeci und Ugur Sahin gegründete Unternehmen Biontech allein im ersten Quartal 2022 einen Gewinn von 3,7 Milliarden Euro verbuchen konnte, machte Curevac im selben Zeitraum 15,3 Millionen Euro Verlust. Die Tübinger tragen noch schwer am Misserfolg ihres ersten Corona-Impfstoffkandidaten (CVnCoV), dessen Erprobung sich länger hingezogen hatte als bei der Konkurrenz. Auch die Wirksamkeit blieb hinter den Präparaten von Biontech und Moderna zurück, das Zulassungsverfahren wurde im vergangenen Sommer gestoppt. Dies spiegelt sich auch im Aktienkurs: Am 4. Juni 2021 stand das Curevac-Papier bei 95 Euro, heute wird es an der Börse mit knapp 14 Euro gehandelt.
Curevac testet einen Corona-Impfstoff der zweiten Generation
Mittlerweile arbeitet Curevac gemeinsam mit dem britischen Pharmakonzern Glaxo-Smith-Kline an einem Impfstoff der zweiten Generation. Seit März 2022 wird CV2CoV in klinischen Studien getestet. Ergebnisse werden für die zweite Jahreshälfte erwartet.
Curevac gehört zu einem kleinen Kreis von Unternehmen, die schon früh an das medizinische Potenzial der Messenger-RNA geglaubt haben. Der Gründer Ingmar Hoerr hat es systematisch erforscht und entwickelt. Nun will sich das Unternehmen offenkundig eine Belohnung für die Grundlagenarbeit erstreiten. Mehrere Gespräche mit Biontech hätten keine Einigung erbracht, so Curevac.
Die angebliche Verletzung von Patenten sei Curevac schon länger bekannt gewesen. „Zum Höhepunkt der Pandemie aber wäre keinem von uns eingefallen, auf die Patentverletzung hinzuweisen. Jetzt, wo eine bessere Kontrolle über die Pandemie besteht, ist unserer Meinung nach der richtige Zeitpunkt dafür gekommen“, erklärte eine Curevac-Sprecherin gegenüber Reuters.