Seine Fußmärsche durch Stuttgart nutzt Michael Rocktäschel auch, um Widersprüche aufzudecken. Denn obschon Gehen als simpelste Form der Fortbewegung gilt, ist das Auto nach wie vor der Platzhirsch in der Stadt.
Michael Rocktäschel steht an einem Vorzeigeknotenpunkt und sagt verschmitzt: „Mal schauen, ob es diesmal reicht.“ Als die Ampel vom roten aufs grüne Männchen hüpft, gibt er Sohlengummi. Er weiß, er muss sich sehr beeilen, um noch bei Grün auf der anderen Seite anzukommen. Er ist hier oft unterwegs. „Sehen Sie, und schon ist wieder Rot.“ Er schafft hier drei von vier Übergängen gerade so in der Grünphase. „Eine klassische Stuttgarter Kreuzung“, sagt Rocktäschel über die Stelle, an der die vielspurige Wolframstraße die noch großspurigere Heilbronner Straße schneidet. Hier lässt sich gut zeigen, dass jemand sein Versprechen nicht hält.
Das Versprechen lautet: Fußgänger sollen es künftig leichter haben. Dieses Ziel gibt es nicht nur in Stuttgart. Doch Tatsache ist: Lag die Strecke, die ein Mensch an einem typischen Wochentag per Fuß zurücklegt, anno 1910 noch bei 20 Kilometern, bringen wir es hundert Jahre später auf keinen halben Kilometer mehr. Der Fußverkehrsanteil liegt bei gut 20 Prozent, der des Autos bei knapp 60 Prozent. Angesichts dieser Zahlen wirken die Versprechen für einen besseren Fußverkehr momentan eher leer.
Mit der Kamera deckt er Widersprüche auf
Michael Rocktäschel, 41, hat es sich zum Sport gemacht, diese Widersprüche zu enthüllen – mit Bildern, die der Hobbyfotograf seit etwa einem Jahr bei seinen Fußmärschen in Stuttgart sammelt und über die sozialen Netzwerke teilt. Er will den Entscheidern damit sagen: „Es passt nicht zusammen, was ihr sagt und was ihr tut.“ Er hat inzwischen eine Fangemeinde – oder Feindgemeinde, je nach Standpunkt. Wenn er Parker in einer Fußgängerzone vor der Stadtbibliothek knipst, verirrt sich schon mal ein fieser Spruch in seine Richtung.
Er sagt, er wolle nicht als Blockwart rüberkommen, sondern mit einer Prise Humor dokumentieren, was verkehrt läuft im Verkehr. Ein bisschen ist es auch eine Mutmachkampagne in eigener Sache. „Man muss es mit Spaß angehen“, sagt er. Und er freut sich auf seinen Fotos auch über neue Poller gegen Falschparker, es nennt die Absperrpfosten „beste Freunde“. Rocktäschel freut sich über jede positive Veränderung. Den Radstreifen an der Kopenhagener Straße beim Milaneo zum Beispiel. Der ist zwar keine hundert Meter lang. „Aber besser als nichts.“
15 000 Euro gespart am Tiefgaragenstellplatz
Der Mann mit dem Pferdeschwanz und Vollbart ist Unternehmensberater. Dass er seit zehn Jahren kein Auto mehr hat, war mehr eine ökonomische als ökologische Entscheidung. „Ich brauche in Stuttgart keins“, sagt er. Der Wagen war für ihn eher „emotionaler Ballast“. Er musste sich kümmern, Inspektion, Winterreifen, Pipapo. „Ich versuche insgesamt, weniger zu besitzen“, sagt Rocktäschel. Beim Wohnungskauf habe er sogar satte 15 000 Euro gespart, weil er keinen Tiefgaragenstellplatz braucht. Er fährt viel Rad. Und er geht.
Dass das andere anders machen, weiß er. Er erzählt vom Nachbarn mit seinen vier Autos. Oder von Freunden, die fürs bezahlbarere und weitläufigere Haus raus aus der Stadt sind – und zu Pendlern wurden. Er hat die Gegenrichtung eingeschlagen: Vor zweieinhalb Jahren ist er mit seiner Frau und den zwei Kindern in eine 100-Quadratmeter-Eigentumswohnung näher ans Zentrum gezogen, der kurzen Wege wegen.
Um klimaschädliche Emissionen zu reduzieren, wäre bei der Art, wie wir unterwegs sind, einiges zu ändern. Das heißt vor allem: weniger Fahrten mit dem Auto, dafür mehr mit Bus, Bahn oder Rad. Und hier offenbart sich eine Besonderheit des Unterwegsseins. Um von A nach B zu gelangen, steigt ein Autofahrer in aller Regel bei A ein und bei B aus. Die Füße bewegen sich dabei kaum. Wer aber öffentlich pendelt, kennt es so: Von A über in der Regel eine Zwischenstation nach B. Und bei diesem Hopping kommen – manchmal gemächlich, manchmal eilend – auch die Füße in Schwung.
In der App gibt man Gehzeit und Geschwindigkeit ein
Das Gehen ist die älteste Form der Fortbewegung, der aufrechte Gang hat den Menschen zu dem gemacht, was er ist. Zum Laufen braucht es keinen Tropfen Sprit, nur die eigene Puste, vielleicht ein wenig Wasser und den Verzicht auf Stöckelschuhe. In den Apps für ÖPNV-Verbindungen kann man angeben, wie viele Minuten man bereit ist, zu Fuß zurückzulegen – und ob „langsam“, „normal“ oder „schnell“. Die Schrittgeschwindigkeit, die auf Straßenschildern vier bis sieben Kilometer pro Stunde meint, findet zur herkömmlichen Bedeutung zurück.
Je nach App-Einstellungen kann es sein, dass man zu Fuß schneller am Ziel ist und keine Zeit beim Warten an Haltestellen verplempert. Wobei zu klären wäre, ob Schnelligkeit immer als Argument taugt. Bekanntlich ist doch auch der Weg das Ziel. Beim Pilgern will man ja auch nicht möglichst rasch in Santiago de Compostela oder Rom eingetroffen sein. Man will das Gehen spüren.
Jenseits von mehrspurigen Autokreuzungen im Stadtverkehr gibt es eben auch diesen ganz anderen Blick. Die Internet-Suchmaschine spuckt etliche Beispiele aus, wohin einen das führen kann: zu Fuß durch Tibet, zu Fuß über die Alpen oder zu Fuß um die ganze Welt. Der Walk wirkt woke im World Wide Web. Der Barfußschuh macht dem Sneaker Konkurrenz.
Das Zu-Fuß-Gehen gilt auch schlicht als gesund. Laut einer Analyse im „European Journal of Preventive Cardiology“ können schon 4000 Schritte am Tag dazu beitragen, dass man länger lebt. Im Schnitt läuft der Mensch rund 5000 Schritte täglich. Vermutlich konnte man das nie genauer sagen als heute – bei all den smarten Armbanduhren, die neben der Zeit auch verbrauchte Kalorien oder zurückgelegte Schritte zählen – und meckern, wenn man zu viel herumsitzt. Sitzen, heißt es, sei das neue Rauchen.
Der Anfang des Schulwegs ist dem Vater zu heikel
Michael Rocktäschel muss von seiner Wohnsiedlung in Stuttgart-Nord keine zehn Schritte gehen, um zu zeigen, dass es noch ein ordentlicher Marsch ist zu einer fußgängerfreundlichen Stadt. Die Stichstraße bei ihm ums Eck wäre eigentlich der Beginn des Schulwegs seiner achtjährigen Tochter. Doch Michael Rocktäschel schickt sie lieber woanders lang. Dass an dem engen Sträßchen ohne Gehweg Parkverbot herrscht, „interessiert keinen“. Auch an diesem Vormittag ist der Straßenrand zugeparkt. Ein rangierendes Müllauto bleibt schier hängen, einer der Männer in Orange flucht laut. „Stellen Sie sich hier ein Kind vor“, sagt Michael Rocktäschel.
Wie schwer es ist, dem Fußverkehr auf die Sprünge zu helfen, weiß Eva Noller, die Baubürgermeisterin von Göppingen, nur zu gut. Gerade erst hat sie zu spüren bekommen, wie heikel das Thema wird, sobald man es konkret anpackt. Die Sache hatte Ende 2023 Schlagzeilen gemacht. In der Göppinger Innenstadt sind zwei kürzere Abschnitte Fußgängerzone. Alle anderen Straßen seien für Autos frei, und es gebe rund 700 oberirdische Parkplätze, erklärt Eva Noller. Die Kinder, die morgens zu den vier innerstädtischen Schulen gehen, quetschen sich laut der Baubürgermeisterin pulkweise über sehr schmale Gehwege. Für sie ein offensichtliches Ungleichgewicht, das beseitigt werden muss.
In diesem Frühjahr sollte ein Modellprojekt beginnen – für drei Monate. In der Zeit sollten manche Straßen zur Fußgängerzone werden. Vor Weihnachten ist die Sache dann hochgekocht. Vor allem die Einzelhändler und Gastronomen begehrten auf. Aus dem Plan wurde erst einmal nichts. Eva Noller versteht die Anspannung, die Coronakrise hat es diesen Branchen nicht leichter gemacht. Die Göppinger Rathausspitze will trotz des Gegenwinds einen neuen Anlauf nehmen. „Dass man etwas verbessern kann, ist allen klar“, sagt Eva Noller. Aber es brauche Fingerspitzengefühl. Oder eine stabile Brieffreundschaft.
Er heißt auch „der Mann vom Mailänder Platz“
Während Michael Rocktäschel die Friedhofstraße im Stuttgarter Norden entlanggeht, weiter auf den Spuren seiner Tochter zur Pragschule, erzählt er von den gelben Karten, die er der Stadt regelmäßig per Post schickt. Gut ein dutzendmal im Jahr muss er sie zücken. „Es ist das effizienteste Mittel, um eine Rückmeldung zu bekommen“, sagt er. Verschiedene Parteien hätten schon bei ihm angeklopft, ob er denn nicht bei ihnen mitmachen wolle. Er denkt, dass er aber auch als Einzelgänger viel erreichen kann: „Es steckt eine große Wirkungskraft in der Kontinuität. Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Als nächstes macht er vielleicht einen Falschparker-Kalender, mal sehen.
Wird es ein Kalender mit aktuellem Bildmaterial, dürfte der Mailänder Platz darin keine große Rolle mehr spielen. „Der ist eigentlich abgehakt“, sagt Michael Rocktäschel. Das Fotoarchiv des Parker-Paparazzi, der auch „der Mann vom Mailänder Platz“ genannt wird, ist voller Fotos von einem völlig zugeparkten Platz. Heute ist hier dank zahlreicher Maßnahmen wieder eine echte Fußgängerzone. Steter Tropfen . . .