Die Oehler-Kreuzung wird bestimmt von der viel befahrenen Landesstraße, aber auch Rad- und Fußwege verlaufen hier. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)

Zu lange Ampelphasen, zu enge Wege, zu viele Autos: Wer als Fußgänger in Marbach am Neckar unterwegs ist, stößt auf Hindernisse. Diese zu entdecken und womöglich sogar zu entschärfen, ist das Ziel des Fußgänger-Checks.

Reisender, kommst du nach Marbach, kannst du was erleben. Nämlich eine hübsche Altstadt samt den bekannten Sehenswürdigkeiten – von Schillers Geburtshaus bis zu den Museen und bald noch eine ziemlich schick sanierte Fußgängerzone. Doch dieses Juwel erschließt sich nicht gleich, wenn man zum Beispiel mit dem Rad oder mit dem Schiff unten am Neckar ankommt. Da ist erst einmal ziemlich viel Straße und Verkehr.

 

Der Weg von der Oehlerkreuzung hinauf ist mühsam und nicht gerade einladend. Das gilt für Touristen und Einheimische gleichermaßen. Letztere sind nun dazu aufgerufen, sich im Rahmen eines Fußgänger-Checks mit den Wegen ihrer Stadt zu beschäftigen. Was ist gut? Und vor allem: Was ist nicht so gut? Welche Probleme gibt es? Wo kann man gut und sicher zu Fuß gehen? Wo fehlt Platz? Wo könnten Querungshilfen eingerichtet werden?

Der Gehweg ist alles andere als idyllisch

Am Treffpunkt am Neckarsteg gibt es beim Ortstermin am Dienstag dazu schon einiges zu sagen. „Wenn man hier steht und sagt: So, jetzt geh ich in die Innenstadt – dann ist das schwierig“, mit diesen Worten brachte es Marcel Schwarz vom städtischen Bürger- und Ordnungsamt auf den Punkt. Für Fußgänger gibt es zwei Routen. Die eine führt auf einem engen Gehweg wenig idyllisch an der stark befahrenen Bottwartalstraße entlang. Die andere – ganz hübsch, aber ziemlich holprig – steil den Mühlweg hinauf.

Aber die Probleme fangen schon unten an. Beim beschränkten Platz zum Beispiel. Zum einen ist der Neckarsteg an sich relativ schmal, sodass es an sonnigen Sonntagen bei regem Radverkehr ziemlich eng wird. Oder wenn die Benninger Schüler auf dem Weg zum Marbacher Schulzentrum sind.

Zum anderen ist die Kreuzungssituation vor dem Steg „nicht glücklich“, wie es ein Marbacher Bürger beim Ortstermin formulierte. Viele Wege führen in viele Richtungen: Der Radweg kreuzt die Wege zur Landesstraße, zwei weitere Abzweige machen die Lage ziemlich unübersichtlich. Besonders bunt wird es, wenn sich in dieses Gefüge noch eine Schiffsladung voller Besucher mengt.

Diese – und alle anderen – müssen, so sie in die Altstadt wollen, erst einmal die Landesstraße überqueren. Hier ist die Ampelschaltung wenig fußgängerfreundlich. Die Grünphase ist so schnell vorbei, dass es eine größere Gruppe schwer hat, gemeinsam über die Straße zu kommen. Aber auch jemand, der nicht gut zu Fuß ist, hat seine Schwierigkeiten, zumal die Straße sehr abgenutzt und entsprechend holperig ist. Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie zu einer Brücke über die Straße.

90 Sekunden Wartezeit

Hat man den Übergang überwunden und auch die abgasgeschwängerte Luft beim Nach-Oben-Weg an der Bottwartalstraße verschnauft, steht man am Cotta-Platz. Und auch hier zeigt sich ein Eingang zur Stadt, der noch Luft nach oben hat. Und auch hier gibt es eine Ampelschaltung, die Fußgängern bisweilen wenig Freude bereitet. Denn drückt man den Knopf zum falschen Zeitpunkt, muss man annähernd 90 Sekunden warten, bis grün ist. 40 Sekunden sollten eigentlich das Maximum an Wartezeit sein, haben Untersuchungen gezeigt, danach nimmt die Zahl der Rotläufer stark zu.

Der Schilderwald am Cottaplatz sowie an anderen Plätzen der Stadt erscheint der Fußgänger-Gruppe ebenfalls verbesserungswürdig. „Die Touristen irren hier nur so durch“, hat eine Bürgerin beobachtet. Die Wegweiser sinnvoll zu erneuern, steht aber schon auf dem Plan der Verwaltung.

Apropos Schilder. Auf der anderen Seite der Altstadt zieht es regelmäßig viele Autos in den verkehrsberuhigten Bereich, um ihr Glück nach einem Parkplatz auf dem Kelterplatz zu suchen. Ob da eine digitale Anzeige mit der aktuellen Parkplatz-Anzahl Abhilfe schaffen könnte? Oder ob man gar auf die 13 Stellplätze auf dem Kelterplatz ganz verzichten könnte – zugunsten einer kleinen Parkanlage mit Spielgeräten?

Die Diskussionen, die darüber bereits geführt wurden und die die Idee auch innerhalb der Fußgänger-Gruppe auslösen, zeigt: Die Parkplätze am Kelterplatz abzuschaffen, wäre eine Art Revolution. Das war es aber auch, als vor einigen Jahrzehnten die Autos aus der Marktstraße verschwinden mussten. „Dass man nicht mehr unter dem Torturm durchfahren konnte, war damals unvorstellbar“, erinnert sich eine Marbacherin. „Aber es hat funktioniert. Wir sollten also mutiger sein.“

Nadelöhr Kronenkreuzung

An einem weiteren Eingangspunkt zur Innenstadt – am oberen Ende der Fußgängerzone – drückt der Schuh bei den Fußgängern einmal mehr an der Ampelschaltung. Aber auch am Schwerverkehr. Immer wieder rollen Lastwagen beim Abbiegen über den Gehweg und bringen damit die Fußgänger in Gefahr. Die Behörden finden seit Jahren keine Lösung. Eine Marbacher Bürgerin hofft, dass sich an dem Nadelöhr endlich etwas tut: „Das ist die Abkürzung von München Richtung Heilbronn. Das einzige, was den Lastwagen da im Weg steht, sind die Fußgänger in Marbach.“

Der Fußverkehrs-Check

Begehungen
  Ziel des Fußverkehrs-Checks in Marbach ist es, dass unterschiedliche Akteure die Belange des Fußverkehrs aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Kern des Projekts sind zwei Begehungen, bei denen vor Ort die Situation der zu Fuß Gehenden analysiert wird. Auf dieser Basis werden im Anschluss Vorschläge zur Fußverkehrsförderung entwickelt, die im Rahmen eines Abschlussworkshops im Dezember vorgestellt und erörtert werden.

Mehr Fußgänger
 Die Fußverkehrs-Checks werden vom Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg unterstützt. Gemeinsam wollen das Land und die Stadt mehr Verkehr auf die Füße verlagern, denn zu Fuß gehen ist die natürlichste und unabhängigste Form der Fortbewegung, dazu umwelt- und sozialverträglich und es fördert die Gesundheit. In der Umsetzung des Projekts wird die Stadt vom Fachbüro Planersocietät in Karlsruhe unterstützt.