Die Linie 75 von Böblingen nach Grafenau, Schafhausen und Aidlingen nutzten zuletzt 4700 Fahrgäste im Jahr. Foto: factum/Granville

In der Region ist die Zahl der Linien auf 47 angewachsen. Von Dezember an wird es auf der Route von Böblingen nach Renningen ein zusätzliches Angebot geben. Der Busfahrer Manfred Weimer von der Firma Pflieger erzählt von seiner Arbeit.

Böblingen - „Auf zum Wasen“ heißt derzeit die Devise von Vergnügungshungrigen. Bis zum Ende des Stuttgarter Volksfests wird auch Manfred Weimer mehr Gäste auf seinen nächtlichen Touren als üblich begrüßen. Der 53 Jahre alte Busfahrer der Firma Pflieger in Böblingen ist ein Mann der ersten Stunde. Er war mit von der Partie, als vor sechs Jahren die ersten Nachtbusse im Kreis Böblingen eingesetzt wurden. Seitdem ist der Bedarf überall enorm gestiegen. In der Landeshauptstadt und der Region verkehren inzwischen 47 Nachtbuslinien. Lediglich der Kreis Göppingen verfügt noch über kein solches Angebot.

Rappelvoller Bus

„Der Bus von Böblingen nach Renningen ist manchmal rappelvoll“, berichtet Weimer. Dann geht es turbulent zu mit den oft alkoholisierten Gästen. Rechnet man die Stehplätze dazu, fasst ein Bus bis zu 80 Personen. Für Weimer heißt es dann, einen kühlen Kopf zu bewahren. Auch wenn Fahrgäste behaupten, sie hätten ihr Portemonnaie verloren. Sie dürfen bei ihm trotzdem mitfahren: „Bevor ich sie in der Dunkelheit stehen lasse.“

Die Nachtbuslinien seien in den Kreisen rund um Stuttgart sukzessive ausgebaut worden, berichtet Horst Stammler, der Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS). Seit Juli diesen Jahres werden in Esslingen zwei neue Busse eingesetzt, insgesamt gibt es im dortigen Landkreis neun Linien – so viele wie derzeit im Kreis Böblingen. Vom Busbahnhof Böblingen aus wird es von Dezember an nach Renningen noch ein weiteres Angebot geben.

Nachttaxis oft ausgebucht

Überall dort, wo es früher keine Nachtbusse gab, seien die Nachttaxis oft völlig ausgelastet gewesen, berichtet Stammler. „Wenn vier bis fünf Nachtschwärmer von einem Taxi mitgenommen werden konnten, dann mussten andere bisweilen schauen, wie sie nach Hause kamen.“ Deshalb hat der Kreis Ludwigsburg mittlerweile 14 Buslinien. Im Rems-Murr-Kreis verkehren lediglich drei Buslinien, dafür aber 28 Ruftaxilinien, die oft genutzt werden, um in die mitunter abgelegenen Orte zu kommen. Auch Manfred Weimer kurvt in die hintersten Winkel des Landkreises, etwa in die Weil im Schönbucher Teilorte Breitenstein und Neuweiler. „Wenn jemand nicht an der Haltestelle, sondern woanders aussteigen will, geht das auch“, sagt der Gärtringer.

Er legt sich vor seinen Nachtfahrten um 20 Uhr schlafen, wenn um zwei Uhr morgens sein vierstündiger Dienst beginnt, wie er erzählt. „In den frühen Morgenstunden kann man gut fahren, weil es kaum Verkehr gibt“, so der 53-Jährige. Im Winter allerdings, bei Eis und Schnee, „wenn noch kein Streufahrzeug im Einsatz war, heißt es besonders aufpassen“.

Busse sind ein Minusgeschäft – die Kreise zahlen drauf

Weimer ist in Tagschichten im Stadtverkehr Böblingen-Sindelfingen im Einsatz und fährt im Kreis Böblingen vier Nachtbusstrecken. Bisweilen werde es ihm mulmig, wenn er nur einen Fahrgast zu befördern habe und dieser sich direkt hinter ihn setze. Er sei allerdings noch nie angegriffen worden, sagt Weimer. Zur Not kann er eine Taste drücken und per Funk in seiner Firmenzentrale Hilfe anfordern.

„Für die Kreise, die Nachtbusse einsetzen und diese auch finanzieren, ist das Angebot Teil ihres Engagements für mehr Verkehrssicherheit“, sagt der VVS-Chef Stammler. Auch wenn sich das unter dem Strich nicht rechne. Barbara Dortenmann, zuständig für den öffentlichen Personennahverkehr im Landratsamt Böblingen, spricht zwar von einer „guten bis sehr guten Auslastung der Nachtbusse“: Auf fünf der sechs in der Verantwortung des Kreises betriebenen Linien nutzten im Jahr zwischen 4500 und 7000 Fahrgäste die Nachtbusse, bilanziert sie. Für den Kreis schlugen aber zuletzt insgesamt 88 000 Euro an Kosten zu Buche. Über die Fahrtickets wurden allerdings nur Erlöse von rund 25 000 Euro erzielt. „Das Nachtbusangebot wird vor allem von Schülern und Studenten genutzt, Sie haben oft vergünstigte Jahresfahrscheine“, erklärt Stammler. Die Busse seien so gesehen ein Minusgeschäft. „Doch tragen sie dazu bei, dass sich weniger Nachtbummler alkoholisiert hinters Steuer setzen“, so der VVS-Chef.

Bahnen, Busse, Taxis

Zusatzangebot: 
Damit Nachtschwärmer ohne Auto an den Wochenenden möglichst sicher nach Hause kommen, gibt es seit der Einführung von Nacht-S-Bahnen im Jahr 2012 die Möglichkeit, auf Nachtbusse umzusteigen, die an zahlreichen Bahnhöfen in der Region stehen. Zudem bringen die Nachtbusse und auch Nachttaxis die Fahrgäste an Orte, die nicht direkt an den S-Bahn-Linien liegen. Bei den Ruftaxis muss die Fahrt rechtzeitig angemeldet werden. Der Nachtbus der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) fährt in Stuttgart auch von Donnerstag auf Freitag.

Kosten:
In allen Nacht-S-Bahnen und Nachtbussen gelten die Tickets des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) und VVS-Tarife. Das Tagesticket gilt bis Betriebsschluss um 5 Uhr am Folgetag. In den meisten Ruftaxis wird ein Zuschlag fällig. Dieser ist unterschiedlich und unterliegt nicht dem VVS-Tarif.

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