Freut sich über die neue Ausstellung im Etterhof: Reinhard Kubens vom ortsgeschichtlichen Verein Hemmingen steht in der Treiberstube. Foto: Simon Granville

Wie die Gemeinde Hemmingen einmal war? Warum sich ihre Nachbarn amüsierten? Das erfährt, wer den neuen Raum mit der ebenfalls neuen Ausstellung im Etterhof besucht.

Die Macherinnen und Macher des Etterhofs sind ganz schön umtriebig. Schließlich wollen sie möglichst viele Menschen in ihre alten Gemäuer in der Eisgasse locken. Nun haben die Mitglieder des ortsgeschichtlichen Vereins eigenhändig in der Scheune in der Dauerausstellung zum bäuerlichen Leben in Hemmingen einen neuen Raum geschaffen. Treiberstube nennen sie den Ort, benannt nach Walter Treiber.

 

Der Ortshistoriker war Ehrenmitglied im Verein. Er hielt Vorträge und schrieb Bücher. Im Februar 2015 ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Als Ortshistoriker – er sei der Motor der ortsgeschichtlichen Aufarbeitung der Hemminger Vergangenheit gewesen – hat Walter Treiber mit seiner Frau Margit einen Haufen Fotos zusammengetragen. Aus diesem Fundus, seinem Nachlass, schöpfen der Vereinschef Reinhard Kubens und sein Team jetzt. Die Bilder dokumentieren, wie Hemmingen einmal war. Außerdem sind Alltagsgeräte aus der damaligen Zeit zu sehen: die alten Zeiger der Kirchturmuhr und die Orgelpfeifen aus dem Bestand des Vereins.

Die Landwirtschaft akademisch angegangen

Reinhard Kubens meint, die vielen Fotos müssen gezeigt werden, bevor sie in Vergessenheit geraten. Rund 200 hängen unterm Scheunendach, wobei Walter Treibers Fundus um einiges umfangreicher ist. Die Bilder aus der NS-Zeit etwa habe er aussortiert, sagt Reinhard Kubens. Denn womöglich wollen die Leute darauf nicht offensichtlich damit in Verbindung gebracht werden. Gleichwohl liegen sie bereit für diejenigen Besucher, die sie anschauen mögen.

Die Geschichte Hemmingens ist Kubens’ Meinung nach verbandelt mit der Geschichte von Württemberg. Sie gehe eigentlich bis nach Preußen rein. Der kleine Ort war ab dem 14. Jahrhundert zweigeteilt. Er habe zur Hälfte Württemberg gehört, die andere Hälfte sei ein Lehensdorf gewesen: Erst war es im Besitz des Ortsadels, anno 1649 wurden die Freiherren Varnbüler von und zu Hemmingen mit dem Schloss und der Ortshälfte belehnt, zwischenzeitlich waren es die Nippenburger. Die von Varnbülers seien die Landwirtschaft akademisch angegangen, hätten auf Fortschritt gesetzt, berichten Reinhard Kubens und dessen Stellvertreterin Christel Raasch. So hätten sie aus der Drei- die Zehn-Felder-Wirtschaft gemacht oder verlangt, dass Kuhschwänze vor dem Melken gewaschen werden. Einer sauberen Milch zuliebe. Was die Nachbarn so sehr amüsierte, dass die Hemminger fortan als Hemminger Kuhschwänze bekannt waren. Die Kuh aus Bronze vor der Bibliothek zeugt davon.

Einzig Gasthäuser boten Abwechslung

Karl von Varnbüler, Staatsminister in Württemberg, habe eine reiche Frau geheiratet und das Schloss herausputzen lassen, erzählt Reinhard Kubens. Er fügt hinzu, alle drei deutschen Kaiser – also Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. von Preußen – hätten das Schloss besucht. Der Stuttgarter Baumeister Christian Friedrich von Leins, ein Stararchitekt, der auch für die Stuttgarter Villa Berg verantwortlich zeichnet, hat in Karl von Varnbülers Auftrag in den Jahren 1852 bis 1854 das Schloss umgebaut und ihm seine heutige Gestalt gegeben. Die Umgebung sollte optisch dazu passen. Aus diesem Grund bekam die Laurentiuskirche, Hemmingens ältestes Gebäude, zum Beispiel am Dach Pfeiler.

Die sind mittlerweile verschwunden, wie auch das Gasthaus Krone. Es kam weg, als die Bank errichtet wurde. Um 1850 gab es laut Kubens in Hemmingen acht Schildwirtschaften für etwa 1200 Einwohner. Die Gasthäuser waren damals der einzige Zeitvertreib. „Und eine Männerangelegenheit“, sagt Christel Raasch.

Wie Hemmingen die Selbstständigkeit erhielt

Auch der Gutshof gegenüber dem Schloss gehört der Vergangenheit an. Hemmingen sei ein bäuerliches Dorf gewesen, sagt Christel Raasch. Jeder habe ein Eckle gehabt, auf dem er etwas anbaute. Auf dem Gutshof wuchsen Rüben und Kartoffeln, aber auch Erbsen. Die seien großflächig angebaut worden, erinnert sich Christel Raasch, die früher bei der Ernte mit anpackte. Man sei aufs Feld gefahren worden und habe eine Reihe zugeteilt bekommen. Am Ende wurde der Sack gewogen, und es gab dafür ein paar Pfennige. Der Gutshof musste um das Jahr 1970 weichen, damit Hemmingen selbstständig bleiben konnte. Um die hierfür benötigten mehr als 5000 Einwohner zu haben, wurden die Hochhäuser aus dem Boden gestampft, und der Schauchert entstand.

Gut eineinhalb Jahre lang haben die Vereinsmitglieder die Scheune oben umgebaut. Mühe und Liebe stecken drin. Sie haben das frühere Lager ausgeräumt und direkt unters Dach verfrachtet, Treppen eingezogen, die Beleuchtung erneuert. Die Vitrinen sind aus Markgröningen, vom Briefmarkenclub, die Vorhänge aus Christel Raaschs ehemaliger Drogerie. Für den Moment bleibt den Macherinnen und Machern des Etterhofs nur ein Wermutstropfen: Hoch in die Treiberstube gelangt bloß, wer gut zu Fuß ist – zu den Treppen gibt es derzeit keine Alternative.

Verein lebt von Veranstaltungen

Etwa 80 Mitglieder zählt der Verein, der, wie Reinhard Kubens sagt, von seinen Veranstaltungen lebt. Es wird Butter gestampft, Brot gebacken, Kraut eingelegt, es werden Kaffeetreffs organisiert und Feste gefeiert. Die Veranstaltungen bringen nicht nur Geld, sondern offenbar auch viele helfende Hände. Was der Verein zu bieten hat, werde weitergetragen. Die Mund-zu-Mund-Werbung ist sehr wertvoll, so Raasch. Reinhard Kubens sagt: „Wir versuchen das schöne Ambiente des alten Hofs zu nutzen und als Treffpunkt, als Kommunikationszentrum zu etablieren.“

Der ortsgeschichtliche Verein Hemmingen öffnet die Treiberstube samt der neuen Fotoausstellung „Hemmingen – eine Zeitreise“ an diesem Sonntag, 26. Mai, um 14 Uhr. Erst gibt es Sekt, dann die Möglichkeit, Butter zu stampfen.