Für Wildtiere wie diese Zebras und Kamele beim diesjährigen Weltweihnachtscircus wird es eng in Stuttgart: Im Winter 2019/2020 wird man sie auf dem Cannstatter Wasen nicht mehr sehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Grüne, SPD und SÖS/Linke haben ernst gemacht: Das Wildtierverbot für Zirkusse in Stuttgart wird auf den Cannstatter Wasen ausgedehnt, der bisher ausgenommen war. Bis Ende März 2019 dürfen sie aber noch in die Manege.

Stuttgart - Wildtiere wird es in Stuttgart von April 2019 an zwar noch im zoologisch-botanischen Garten zu sehen geben, aber nicht mehr in Zirkusvorstellungen. Der Wirtschaftsausschuss des Gemeinderats hat am Freitag beschlossen, das seit 2011 auf fast allen Veranstaltungsplätzen bestehende Wildtierverbot auf den Cannstatter Wasen auszudehnen. Neun Stadträte von Grünen, SPD und SÖS/Linke-plus setzten den Beschluss gegen sieben Vertreter von CDU, Freien Wählern und AfD durch. Sibel Yüksel (FDP) enthielt sich.

In dieser Sache müsse auch noch die Vollversammlung des Gemeinderats abstimmen, sagte der Erste Bürgermeister Michael Föll (CDU). Das wird frühestens am 26. Januar sein. Niemand zweifelt aber daran, dass die Fraktionen des öko-sozialen Spektrums auch dort knapp obsiegen werden.

Treuebekenntnis vom Weltweihnachtscircus

Die Mehrheit werde am Ende den beliebten Weltweihnachtscircus nach Ludwigsburg oder Esslingen verjagen, hatte Bernd Klingler (AfD) gewarnt. Doch Henk van der Meijden, Produzent des Weltweihnachtscircus’, gab nach der Sitzung Entwarnung: Auch nach der Weihnachtssaison 2018/2019 werde es beim Standort Stuttgart bleiben. Der Circusmacher: „Ich bedauere diesen Beschluss zwar sehr, aber was soll ich dagegen machen? Die Zusammenarbeit mit der Stadt, mit der Hausherrin auf dem Wasen und vor allem mit dem Publikum ist so gut, die Tradition so groß, dass man das nicht aufgibt.“ Europas erfolgreichster Weihnachtscircus werde von Besuchern, auch solchen aus Frankreich und der Schweiz, mit Stuttgart verbunden.

Tröstlich findet van der Meijden, dass wenigstens Pferde weiterhin in die Manege dürfen, denn Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) hatte angekündigt, die Verwaltung werde sich bei der Definition der Wildtiere an dem 2011 in Kraft gesetzten Regelungen für die Festplätze ohne Cannstatter Wasen orientieren. Wenn Pferde zugelassen bleiben, sagte van der Meijden, könne der Zirkus Knie weiter dabei sein, der bisher auch auf Zebras, Kamele und Lamas zurückgreift: „Für Pferdenummern gibt es noch große Variationsmöglichkeiten.“

Verwaltung spricht von Klagerisiko

Zum Glück gebe es eine Übergangsfrist und die Chance zu Übergangslösungen, reagierte Andreas Kroll, Chef der städtischen Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Er sei überzeugt, dass van der Meijden auch ohne Wildtiere „eine hohe Programmqualität hinbekommt“. Zum Glück deute nichts auf eine Abwanderung des Weltweihnachtscircus’ hin, denn der sei „Stuttgarter Alleinstellungsmerkmal“. Ob am Ende ein irgendein Unternehmen klagen werde, wisse man nicht, sagte in.Stuttgart-Sprecher Jörg Klopfer.

Die Verwaltung könne das Klagerisiko „nicht verlässlich abschätzen“, hatte Föll zuvor gesagt. Klar sei, dass man das Willkürverbot und das Prinzip der Verhältnismäßigkeit von Entscheidungen beachten und abwägen müsse – und Verstöße gegen das Tierschutzrecht seien vom Wasen nicht zu berichten. Dort gebe es auch viel Platz für die Tiere. Joachim Rudolf (CDU) appellierte daher an die Antragsteller, wenigstens eine Frist bis 2021 zu wählen. Die Grünen und die SPD entschieden sich aber für Ende März 2019. Ihr Mitstreiter Christoph Ozasek (Linke) hatte sogar angestrebt, dass man bei allen neuen Verträgen Wildtiere ausschließt.

Heftige Debatte über Sinn oder Unsinn

Wie sinnvoll das Verbot ist, war umstritten. Wildtiere könne man auch anderswo erleben, sagte Dejan Perc (SPD), im Zirkus werde ein falsches Bild von ihnen vermittelt. Beim Tierschutz müsse mehr getan werden, meinte Andreas Winter (Grüne). Die Würde der Tiere, sagte Ozasek, werde verletzt.

Obwohl viele Städte bereits ein Verbot haben, wandte CDU-Stadtrat Rudolf ein, Stuttgart müsse nicht auch noch hier Vorreiter sein. Wildtiere kämen oft nicht aus der freien Wildbahn, sondern seien im Zirkus geboren. Rose von Stein (Freie Wähler) fand: „Wildtiere gehören zu Zirkussen.“ Wer sich daran störe, könne sich auch fragen, wie man mit der Wilhelma, Hauskatzen, Hunden und der Pferdehaltung umgehen müsste. „Und ist es artgerecht, dass Menschen in Hochhäusern leben?“ AfD-Stadtrat Klingler warf ein, in der Savanne würden Wildtiere sogar „von Stärkeren aufgefressen“.

Im Widerstreit mit sich war FDP-Stadträtin Yüksel. In Käfigen seien Großwildkatzen nicht artgerecht gehalten. Es gebe aber das Recht auf freie Berufsausübung auch für Dompteure – und kein Wildtierverbot vom Gesetzgeber. Deshalb würde die Anwältin es lieber sehen, die Platzmieten zu variieren.

Für das Verbot hatten anlässlich der Sitzung fünf Vertreter der Linksjugend demonstriert, die Tiermasken trugen. Gegen die Neuerung wandten sich am Nachmittag beim Schlossplatz rund ein Dutzend Demonstranten von der Gesellschaft der Circusfreunde.

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