Was im Zusammenhang mit dem Bau der Südumfahrung seit Langem bekannt war, wird nun Realität. Für viele Plieninger kommt die Sperrung der Straße zwischen Plieningen und Ostfildern zum 1. April dennoch überraschend.
Im Sitzungssaal des Plieninger Bezirksrathauses blieb bei der jüngsten Sitzung des Bezirksbeirats kein Stuhl frei. Der Aufreger auf der Tagesordnung: die Pläne zur einspurigen Schließung des Flughafentunnels. Doch nicht nur deshalb waren so viele gekommen. Was die Bürgerinnen und Bürger zudem in Scharen ins Gremium trieb, war eine Bekanntmachung im Amtsblatt.
Darin kündigte die Stadt an, dass im Zuge des Neubaus der Südumfahrung, die bereits im Dezember 2022 für den Verkehr freigegeben worden war, nun der nächste Schritt zur Entlastung des Stadtbezirks vom Durchgangsverkehr folgt: die Umstufung der Scharnhauser Straße nach Ostfildern von einer Landesstraße zu einer Gemeindestraße und in der Folge ihre sogenannte Teileinziehung.
Hinter dem Fachbegriff steckt nichts weniger als die Schließung der Straße für den Auto- und Schwerlastverkehr. Fahren sollen auf dem rund 1,1 Kilometer langen Abschnitt zwischen der Einmündung Schachtelhalmweg und der Abzweigung nach Kemnat künftig nur noch Busse, Fahrräder und landwirtschaftlicher Verkehr.
Mit einem entsprechenden Urteil hatte das Bundesverwaltungsgericht bereits im Juni 2020 verfügt, dass die Freigabe der Südumfahrung (L 1192 neu) zwingend die Schließung der Scharnhauser Straße (L 1192 alt) zur Folge haben müsse. So bestätigte es auf Anfrage noch einmal das Regierungspräsidium Stuttgart (RP). Durch die Neuordnung ist die L 1192 (alt) laut dem RP „zwischen Plieningen und Scharnhausen für den Verkehr entbehrlich geworden“.
Klar war auch: Soll die Südumfahrung die Ortsmitte von Plieningen tatsächlich effektiv entlasten, verhindert nur die Schließung der L 1192 alt, dass Verkehrsteilnehmer aus Richtung Ostfildern weiterhin die Scharnhauser Straße nutzen, um zur Autobahn oder nach Echterdingen und zur B 27 zu gelangen. In umgekehrter Fahrtrichtung gilt Entsprechendes.
Der einstige Jubel über den Bau der Ortsumfahrung und damit der mutmaßlichen Verkehrsentlastung schlägt nun gleichwohl in Frust um: In der Sitzung am Montag ergriffen viele Zuhörerinnen und Zuhörer das Wort, um gegen die drohende Schließung der Direktverbindung nach Ostfildern zu protestieren. Eine Frau betonte, dass die Teileinziehung viele negative Aspekte habe: „Das führt für alle zu erheblichen Umwegen, die täglich nach Ostfildern oder Plieningen müssen“, sagte sie. Dies sei eine „unzumutbare Belastung für die Umwelt“.
Der Einzelhandel könnte leiden
Mit der Schließung könnten, so die weitere Kritik, die Waldparkplätze an der Scharnhauser Straße nicht mehr angefahren werden. Zudem würden Supermärkte in Scharnhausen von Plieningen abgeschnitten und der Weg zum Klinikum Ostfildern deutlich verlängert. Die Frau warnte auch davor, dass durch weniger Durchgangsverkehr der Plieninger Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen werde. Sie bezeichnete unter dem Applaus des übrigen Publikums die Scharnhauser Straße zuletzt als „Entlastung für die Südumfahrung“, die bei Staus auf der Autobahn an ihre Grenzen komme. Umgekehrte Welt: Zeitweise schien es fast so, als ob die Argumente, die einst für eine Ortsumfahrung ins Feld geführt wurden, nun gegen sie sprächen.
Dieter Fröschle, einer der wenigen Bürger, die bereits 2018 vor der Sperrung gewarnt hatten, forderte, die Scharnhauser Straße nur für Lastwagen zu sperren und eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern einzuführen. Zudem sollten die Menschen im Ort noch einmal Zeit für die Meinungsbildung erhalten.
Wie die Stuttgarter Stadtverwaltung mitteilt, sei ein Rückbau der Straße wegen des weiterhin zirkulierenden Busverkehrs nicht geplant. Die Umsetzung der Teileinziehung werde durch Beschilderung kenntlich gemacht. Da in der Bezirksbeiratssitzung deutlich wurde, dass durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts der Stadt bei der Teileinziehung der Straße die Hände gebunden sind, kündigten viele Plieningerinnen und Plieninger an, den Klageweg zu gehen.
Andere Startpunkte, ähnliche Route
Leinfelden und Filderstadt
Wer von Echterdingen nach Ostfildern-Kemnat will und dabei den vorgeschlagenen Routen des Navigationsgeräts folgt, wird nach wie vor entweder durch die Plieninger Ortsmitte zur Scharnhauser Straße gelotst oder über die Mittlere Filderstraße Richtung Scharnhauser Straße. Die neue Südumfahrung, obwohl auf den digitalen Karten verzeichnet, wird (noch) ignoriert.
A8 und B27
Auch alle Verkehrsteilnehmer, die auf der A 8 in Fahrtrichtung München unterwegs sind oder von der B27 kommen und Richtung Kemnat wollen, werden vom Navi am Echterdinger Ei ausgefädelt, um über Plieningen Zentrum oder die Mittlere Filderstraße die Scharnhauser Straße zu erreichen. Das dürfte sich mit der Schließung der Straße am 1. April schlagartig ändern.