Venezuela und der Petro Online-Währung mit staatlichem Segen

Von Barbara Schäder 

Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro ist auch im eigenen Land umstritten. Foto: imago stock&people
Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro ist auch im eigenen Land umstritten. Foto: imago stock&people

Das hoch verschuldete Venezuela will vom Bitcoin-Hype profitieren und bringt virtuelle Münzen auf den Markt. Der „Petro“ soll mit den Ölreserven des südamerikanischen Staates besichert werden. Auch andere Länder denken über staatliche Digitalwährungen nach.

Frankfurt - Erst vor wenigen Tagen hat ein Stromausfall in Venezuela sechs Neugeborene das Leben gekostet. Trotzdem sieht sich die Regierung von Präsident Nicolás Maduro an der Spitze der technologischen Innovation: Am Dienstag begann sie mit dem Vorverkauf der weltweit ersten elektronischen Währung (E-Währung) mit Staatsgarantie, des Petro. Die nach Regierungsangaben mit den venezolanischen Ölreserven abgesicherte Devise soll dem von Hyperinflation und Mangelwirtschaft geplagten Land neue Einnahmen verschaffen. Die erste Verkaufsrunde, die einen Monat dauern soll, richtet sich nur an ausgewählte Investoren. Über deren Identität wurde zunächst nichts bekannt.

Inspirieren ließ sich Venezuela von Krypto-Währungen wie Bitcoin. Auch dabei handelt es sich um virtuelle Münzen, die über das Internet ausgetauscht werden. Das Prinzip von Bitcoin und anderen Krypto-Währungen wie Ether ist allerdings gerade, ohne staatliche Autorität auszukommen. Sie funktionieren auf Basis mathematischer Algorithmen, die Zahlungsvorgänge verschlüsseln und dadurch unumkehrbar machen. Der Haken: Der Wert dieser Krypto-Währungen beruht letztlich allein darauf, dass genug Menschen an den Erfolg des jeweiligen Systems glauben.

Behörden sollen Petros als Zahlungsmittel akzeptieren

Der Petro dagegen soll laut einem von der Regierung im Internet veröffentlichten „White Paper“ zu einem Kurs ausgegeben werden, der sich am Ölpreis orientiert. Später könnten die virtuellen Münzen, deren Menge vorerst auf 100 Millionen begrenzt werden soll, dann auf staatlich zertifizierten Online-Marktplätzen gehandelt werden, heißt es dort. Die heimischen Behörden würden Petro als Zahlungsmittel akzeptieren.

Angesichts der hohen Schulden Venezuelas räumen Experten dem Projekt kaum Chancen ein: „Maduros Regierung genießt keinerlei Vertrauen“, schrieb Martin Chorzempa vom renommierten Peterson Institute for International Economics in einem Kommentar. Und die Besicherung der Petro mit Öl nütze Investoren wenig, wenn sie ihre Ansprüche auf den Rohstoff in „Venezuelas wackeligem Rechtssystem“ durchsetzen müssten. Obendrein warnte die US-Regierung potenzielle Investoren, sie würde den Kauf von Petro als Verstoß gegen die über Venezuela verhängten Sanktionen betrachten.

Auch Schweden denkt über eine Digitalwährung nach

Doch auch wenn der Petro scheitern sollte – die Idee einer staatlich garantierten elektronischen Währung beschäftigt noch mehr Länder. Die schwedische Notenbank Riksbank denkt über die Einführung einer „E-Krone“ nach, im Herbst veröffentlichte sie eine Studie dazu. Anders als in Venezuela ist der Grund für die Überlegungen nicht eine dramatische Entwertung der analogen Scheine und Münzen – sondern der Rückgang der Bargeldnutzung. Laut Riksbank werden in Schweden nur noch 15 Prozent der Zahlungen im Einzelhandel bar getätigt. Viele kleinere Geschäfte nehmen Münzen und Scheine gar nicht mehr an.

Sorgen bereitet diese Entwicklung der Notenbank nicht, nur mit Blick auf Ältere oder die wenigen Schweden, die keinen Zugang zu einem Bankkonto haben. Sie stellt sich vielmehr die Frage nach der Krisenfestigkeit einer bargeldlosen Gesellschaft. Denn Bankguthaben sind nur so lange sicher, wie die Geldhäuser stabil sind. Zwar gibt es auch in Schweden eine gesetzliche Einlagensicherung. Aber diese schützt nur Guthaben bis umgerechnet 100 000 Euro. Das Verschwinden von Bargeld könnte deshalb eine Vertrauenskrise auslösen, warnte Riksbank-Chef Stefan Ingves im Dezember. Daher also die Überlegung, es durch eine von der Zentralbank abgesicherte E-Krone zu ersetzen.

Wiedmann befürchtet digitalen Bank-Run

Das hieße allerdings, dass die Bürger Konten bei der Riksbank bräuchten. Und damit entstünde ein anderes Problem, warnte kürzlich Bundesbank-Präsident Jens Weidmann: Schon beim kleinsten Anzeichen einer Krise würden den Geschäftsbanken die Kunden weglaufen. Schließlich könnte jeder seine Ersparnisse einfach „per Mausklick auf das eigene Konto bei der Notenbank überweisen“. Das mag für manchen durchaus attraktiv klingen. Weidmann warnt indes eindringlich vor einer Abschaffung des privaten Finanzsystems: „Die historischen Erfahrungen mit einer zentralen Kreditvergabe durch die Notenbank sind ernüchternd. Die ehemaligen Zentralverwaltungswirtschaften haben gezeigt, dass der Staat oder die Notenbank nicht die besseren Banker sind.“

Auch Weidmanns estnischer Kollege Ardo Hansson reagierte alles andere als begeistert, als in seiner Heimat Rufe nach einem digitalen „Estcoin“ laut wurden. Der Initiator der Estcoin-Debatte, Kaspar Korjus, schrieb dazu in einem Blog-Eintrag, die virtuelle Münze sollte zunächst nur in einer geschlossenen Gemeinschaft genutzt werden: von den Teilnehmern des sogenannten E-Residency-Programms. Dieses von Korjus geleitete Regierungsprogramm ermöglicht Unternehmern aus aller Welt, online eine Firma mit Rechtssitz in Estland zu gründen. Premierminister Juri Ratas reagierte zurückhaltend – erteilte dem Est­coin aber keine endgültige Absage: „Estland ist offen für Herausforderungen“, sagte er vor einem Monat der Nachrichtenagentur Bloomberg.

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