Ein Mann aus der Nähe von Sindelfingen will sich seinen Kinderwunsch alleine erfüllen. Über eine Leihmutter in den USA wird er Vater. In Deutschland wäre das verboten. Was hat ihn dazu gebracht?
Die Ärzte drücken Martin Spaich eine Schere in die Hand, er ist kurz überfordert, dann drückt er die beiden Klingen zusammen und durchtrennt die Nabelschnur, die den kleinen Jungen vor ihm noch mit seiner Mutter verbindet. Es ist das Jahr 2021, er ist in Los Angeles, 10 000 Kilometer von seiner Heimat entfernt. Im Krankenbett liegt eine Frau, die er kaum kennt, aber soeben seinen Sohn zur Welt gebracht hat. Martin ist 60 Jahre alt, alleinstehend, und gerade zum ersten Mal Vater geworden. Ein langer Weg. Und ein teurer.
Alleinstehender Mann, Leihmutterschaft – das sind große Tabus
Martins Kind wurde von einer Leihmutter ausgetragen. In Deutschland ist das verboten. Wer trotzdem auf diesem Weg Kinder bekommen will, dem bleibt nur das Ausland: USA, Kanada, Ukraine zählen zu den beliebtesten. Etwa 500 bis 1000 Paare, ungefähr zehn Mal so viele wie vor zehn Jahren würden in Deutschland jedes Jahr eine Leihmutterschaft in Anspruch nehmen, schätzt der Ulmer Rechtsanwalt Thomas Oberhäuser, mit gewisser Dunkelziffer. Er ist einer von etwa sechs Anwältinnen und Anwälten in Deutschland, die mit Rechtsfragen in Bezug auf Leihmutterschaft erfahren sind.
Unter den Menschen, die Leihmutterschaft nutzen, sind heterosexuelle Paare, die aus medizinischen Gründen keine Babys bekommen können, homosexuelle Paare und Solo-Frauen mit Kinderwunsch. Alleinstehende Männer – wie Martin Spaich – machen darunter eine kleine Minderheit aus.
Martin Spaich, groß, schlank, rahmenlose Brille, will davon erzählen. Auch, weil es sonst fast niemand macht. Er will nicht mit seinem echten Namen und genauem Wohnort auftauchen; Leihmutter, alleinerziehender Vater, das sind große Tabus. An einem grauen Montag im November öffnet er die Tür zu seiner Wohnung etwas außerhalb von Sindelfingen. Links sind die Spielsachen seines mittlerweile zweijährigen Sohnes sauber verstaut, er ist seit ein paar Monaten tagsüber bei einer Tagesmutter. Rechts steht schon eine Flasche Wasser auf einer abwaschbaren Tischdecke bereit. Lange Zeit, erzählt Martin, sei der Wunsch Vater zu sein, nicht drängend gewesen.
Der Kinderwunsch kostet ihn einen sechsstelligen Betrag
Kinder hätten sich in früheren Beziehungen nicht ergeben, und für ihn sei das auch okay gewesen, sagt Martin. Trotzdem stellt er sich Fragen: Wie sieht es am Ende des Tages aus, was bleibt von mir? Wem gebe ich meine Lebenseinstellung weiter? Werde ich alleine sein, wenn ich alt bin? 2013 informiert er sich erstmals darüber, wie es wäre, ein Kind über eine Leihmutter in den USA zu bekommen, reist rüber, besucht eine Agentur, die Leihmütter vermittelt. Aber es entsteht nicht das richtige Gefühl.
Als Martin 2019 aus seinem Job aussteigen und eine Abfindung mitnehmen kann, sieht er das als neue Chance. Er hat jetzt Zeit und die finanziellen Mittel – Martin spricht von einem niedrigen sechsstelligen Betrag – um sich den Kinderwunsch zu erfüllen und sich ganz der Vaterrolle zu widmen. Er findet eine Agentur für Leihmutterschaften in Kalifornien, deren Vorsitzende Deutsche ist, so lässt sich vieles leichter klären. Anfang 2020 fliegt er wieder in die USA, bespricht mit den Leuten der Agentur die Möglichkeiten. Dieses Mal passt das Gefühl. Er hinterlässt gleich schon mal eine Samenprobe für die spätere Befruchtung.
Wird er das alles packen?
Trotzdem hat Martin viele Bedenken. Ist es ethisch vertretbar, was er hier macht? Wie werde ich das dem Kind kommunizieren? Wie wird es für das Kind sein, einen eher älteren Vater zu haben? Wird er das alles überhaupt packen? „Ich habe das alles durchgedacht“, sagt Martin. „Da hatte ich auch mal schlaflose Nächte.“ Es vergehen mehrere Monate.
Am Ende entscheidet er sich dafür. Mitte 2020 überweist er das Geld, nun läuft der Prozess. Die Agentur legt ihm eine Liste mit möglichen Eizellenspenderinnen vor, inklusive Bild und kurzem Vorstellungstext. „Man verlässt sich auf die Beschreibung und das Bauchgefühl“, sagt Martin. Die Eizellen der Spenderin werden dann mit Martins Samen befruchtet. „Dann sucht man sich eine Leihmutter“, sagt Martin. Denn: Eizellenspenderin und Leihmutter müssen verschiedene Personen sein, so will es das Gesetz in Kalifornien. Er findet eine Frau, die schon ein eigenes Kind hat, auch das ist so vorgeschrieben. Im Januar 2021 ist es soweit, die Embryonen werden der Frau aus den USA eingesetzt.
Martin lernt die Leihmutter bei ein paar Videocalls kennen, von der Vermittlungsagentur ist immer jemand dabei. Er bekommt Ultraschallbilder des heranwachsenden Babys geschickt. Als er einen Kinderwagen kauft, passiert das recht emotionslos. „Da bereitest dich halt vor“, sagt Martin. Das Vatersein ist noch weit weg.
Eine halbe Stunde nach der Geburt übernimmt Martin
Im Oktober 2021 ändert sich das. Er fliegt nach Los Angeles, seine Nichte kommt als Unterstützung mit, sie quartieren sich in der Nähe der Geburtsklinik ein. Als sich die Geburt seines Sohnes anbahnt, muss Martin erst mal vor dem Krankenhaus warten, es ist noch Coronazeit, erst eine halbe Stunde vor der Entbindung darf er zu der Frau, die gleich seinen Sohn gebären wird. Dann kommt der Moment, in dem er die Nabelschnur durchschneidet. Die erste halbe Stunde ist sein Sohn noch bei der Leihmutter, dann übernimmt immer mehr Martin. Seitdem ist er Vollzeitvater.
„Manchmal ist es ganz schön stressig“, erzählt Martin. Er lacht dabei, wahrscheinlich läuft er vor seinem inneren Auge gerade ein Film ab, wie sein Junge wieder mal alle Schubladen ausräumt. „Ausreichend Fürsorge kriegt er, da bin ich mir sicher“, sagt Martin.
Wie reagiert sein Umfeld auf ihn als alleinerziehenden Vater mit Kind einer Leihmutter? „Ich habe früh angefangen mit Kinderturnen und -schwimmen. Ich bin dort reingekommen und habe recht offen von meiner Geschichte erzählt. Die meisten – der Großteil Frauen – haben gesagt: ‚Ah, cool!’“ Zu etwa 90 Prozent seien die Reaktionen aus seinem Umfeld positiv gewesen. „Ich hätte es negativer erwartet“, sagt Martin. „Ich kann die Skeptiker auch verstehen.“ Er hat sich ja selbst mit Fragen gequält.
Wird das Verbot der Leihmutterschaft aufgehoben?
Martin würde auch in Deutschland gerne die Möglichkeit sehen, Kinder über eine Leihmutter austragen zu lassen. Die Bundesregierung hat tatsächlich im Frühjahr eine Kommission eingesetzt, die darüber beraten soll. Ob das Verbot der Leihmutterschaft aufgehoben werden könnte, bleibt aber offen – weder Mitglieder der Kommission noch die verantwortlichen Ministerien wollen sich zu den Zwischenergebnissen äußern. Ende März 2024 soll ein Abschlussbericht vorgelegt werden. Für Martin wäre das Ergebnis ohnehin zu spät gekommen.
„Meine Perspektive ist jetzt nicht mehr nur mein eigenes Leben, es geht weiter“, sagt Martin, er ist zufrieden. Auf einem Holzregal in seiner Wohnung liegt ein Fotobuch, das die ersten zwei Lebensjahre seines Sohnes dokumentiert: Kurz nach der Geburt, mit zerknautschtem Gesicht vor ein paar medizinischen Geräten. Mit einer Smarties-Torte beim ersten Geburtstag. Mit Brei im ganzen Gesicht nach einer Mahlzeit. Die Leihmutter ist darauf nicht zu sehen, aber: „Mein Sohn soll sie auch mal kennenlernen“, sagt Martin, „wenn er will.“
Leihmutterschaft – und mögliche rechtliche Probleme
Anerkennung
Martin Spaich musste seine Vaterschaft bei einem Gerichtstermin in Deutschland anerkennen lassen, ein Anwalt hat ihn betreut. „In den USA und Kanada ist es üblich, dass die Agenturen darauf hinweisen, dass die Wunscheltern auch in ihrer Heimat rechtliche Beratung brauchen“, sagt der Ulmer Anwalt Thomas Oberhäuser. Ein Komplettpaket kostet dort auch etwa 100 000 bis 200 000 Euro. Wer das Geld nicht hat, wendet sich daher – oft ohne weitere Rechtsberatung – an Agenturen in Griechenland, Zypern oder der Ukraine. „Oft sind die Menschen dann nach dortigem Recht Eltern, aber nicht nach deutschem Recht“, sagt Oberhäuser. Das führe mitunter dazu, dass die deutsche Botschaft vor Ort für das Kind keinen Pass ausstelle und damit schon die Heimreise zum Problem werde.
Kontrolle
„Der Weg über die Leihmutterschaft ist nach meiner langjährigen Erfahrung der allerletzte, den Wunscheltern gehen. Die meisten heterosexuellen Paare haben schon eine lange, sehr schmerzhafte Geschichte an Kinderwunsch-Behandlungen hinter sich“, sagt Oberhäuser. Und auch bei Leihmüttern könne man genau schauen, aus welchen Motiven sie es machen und so Missbrauch ausschließen. In den USA würden nur etwa sieben Prozent der Bewerberinnen tatsächlich als Leihmutter angenommen und potenziellen Wunscheltern vorgeschlagen.