Küchenstühle mit Rückholfunktion, Boxspringbetten mit Komfortschaumtopper, Überbauschlafzimmer und andere Raumwunder: Vasilios Metaxas ist Spezialist für gepflegte Wohnlichkeit. Ein Vormittag im Möbelhaus.
In einem der Jugendzimmer steht die Autobiografie von Pierre Brice. „Winnetou und ich“ gleich 18-mal in einer Reihe. Daneben Stephen Amidons „Der Sündenfall“ in fünffacher Ausführung. Die „Washington Post“ war ganz begeistert, als der Roman vor 20 Jahren erschien. Ob Herr Amidon froh oder traurig wäre, wenn er hier sein Werk entdeckte?
Früher gab es in Möbelhäusern vor allem hohle Attrappen, heute sind es meistens echte Bücher. Mit den Muster- und Mängelexemplaren wirkt die Einrichtung noch authentischer. Im nächsten Jugendzimmer stehen die „Enzyklopädie Erziehungswissenschaft“ und ein Band zur EU-Osterweiterung. Wie malt man sich einen 14-Jährigen aus, der so etwas liest? Die Stereoanlage im Zimmer ist auffallend leicht und wahrscheinlich innen so leer wie die CD-Hüllen. Aber zu genau muss man auch gar nicht forschen. Es geht ja um ein Gefühl. Dass da nicht einfach nur so nackt und kalt ein paar Schränke und Betten hingestellt werden. Dass der Kunde sich – wie bei einer Puppenstube im Maßstab eins zu eins – gedanklich irgendwie hineinspüren kann ins Private, wo jedes Möbel erst sein ganzes Wesen entfaltet.
Seine Eltern haben viel gearbeitet und auf alles verzichtet
Vasilios Metaxas, 51, ist Teamchef bei Opti-Wohnwelt in Backnang-Waldrems. Als stellvertretender Marktleiter hat er auch immer im Blick, wie sich die 30 000 Quadratmeter Gesamtverkaufsfläche präsentieren. Im Garderoben-Bereich hängen nonchalant ein Herrenhemd, ein Strohhut, ein farbenfroher Schal, eine schicke Frauenhandtasche. Dazu Vasen, Porzellanfigürchen und andere nette Sachen aus der Dekoabteilung. So könnte das doch bei modernen Leuten von heute daheim aussehen.
Von der Decke rieseln beschwingte Klänge auf das Interieur nieder. Die Musikauswahl wird von der Zentrale geliefert, im Hochsommer gibt es wieder eine andere Zusammenstellung, noch etwas frischer als im Frühjahr. In der Weihnachtszeit haben die Melodien eine besinnliche Note.
Metaxas ist im Remstal geboren. Seine Eltern stammen von der Peloponnes. In den 60er Jahren kamen sie nach Deutschland, um sich etwas Wohlstand zu erarbeiten. Ihre Kinder sollten es einmal besser haben. Der Vater fand eine Stelle bei einer Holzfirma in Geradstetten, die Mutter verpackte Ahoj-Brause bei Frigeo in Remshalden. Beide starben früh. „Sie haben immer viel gearbeitet und auf alles verzichtet“, sagt Metaxas.
Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann – „der Handel war schon immer meins“. Acht Monate diente er beim griechischen Militär, danach arbeitete er einige Jahre bei Möbel Walther in Leonberg und bei Hofmeister in Bietigheim. Irgendwann beantragte er auch den deutschen Pass, beantwortete Fragen zum Aufbau der Bundesrepublik und versprach schließlich feierlich im Waiblinger Landratsamt: „Ich gelobe, dass ich das Grundgesetz . . .“ Er fühle sich als griechischer Schwabe, sagt Metaxas.
Seit sieben Jahren ist er in Waldrems. Sein Arbeitstag beginnt um neun und hört selten vor halb acht auf. Er hat sich mit Fleiß hochgearbeitet. Seine Kinder sollten es auch gut haben. Früher machte die Familie immer Urlaub auf der Peloponnes, besuchte die Verwandtschaft. Mittlerweile ist das nicht mehr so zwingend. In den letzten Jahren waren sie öfters am Gardasee.
Im Regal des Überbauschlafzimmers „Luxor“ steht dreimal „Winnetou und ich“. Ein Stauraumwunder mit Klappe am Kopfteil und Schubladen unter dem Bett, erklärt Metaxas. Am Boxspringbett „Potsdam“ (inklusive integriertem Komfortschaumtopper mit abnehm- und waschbarem Bezug sowie Bonell-Federkernmatratze) lächelt Annette Frier in Pappe und Lebensgröße. Die Schauspielerin wirbt für einen Möbelhersteller und begegnet einem ständig.
Die inszenierten Schlafzimmer sind auch kleine Theaterbühnen. Die Handlung der Stücke kann man sich selber ausdenken. Zur Not lässt sich die Fantasie leicht mit den Büchertiteln im Regal füttern: „Unheimliche Gesellschaft“ oder „Uns wirft nichts mehr um“ oder „Winnetou und ich“.
Auf Nachttischen stehen gerahmte Fotos von imaginären Ehepartnern. Links eine lachende junge Frau. Ein vitaler Mann in Outdoorkleidung auf der anderen Bettseite. In Wirklichkeit sind es Models, die sich wahrscheinlich nie getroffen haben und erst recht nicht zusammen übernachteten. Trotzdem ein schönes Paar. Der Sektkühler mit zwei Gläsern, täuschend echte, halb gefrorene Weintrauben und Weißbrotschnitten aus Plastik neben dem Bett: Bestimmt sind sie glücklich.
Annette Frier im Boxspringbett
Wer sich nicht an die Pfeile am Boden hält, die durch den Rundgang führen, den überkommt hier bald ein Labyrinth-Gefühl. Komfortzimmer „Inge“? Da war man doch erst vor fünf Minuten. Kein Kunde auf weitem Flur an diesem Mittwochmorgen. Oder kniet da vorne jemand im Bett? Nein, ist nur Annette Frier. Ein Verkäufer sitzt inmitten der menschenleeren Wohnwelt am Schreibtisch. Das hat etwas von der Einsamkeit eines Edward-Hopper-Gemäldes.
Energiepreise, Inflation, Wirtschaftsflaute – die Kundenfrequenz sei schon niedriger in letzter Zeit, das merke man. „Aber noch gibt es viele große Firmen in der Region und viele Leute, denen es gut geht und die sich hochwertige Möbel leisten wollen“, sagt Vasilios Metaxas. Esszimmerstühle für 700 Euro pro Stück von Bert Plantagie zum Beispiel, mit Dreh- und Rückholfunktion.
Er kommt gerade vom Eingang zurück, wo er eine Gruppe Realschülerinnen begrüßte, nachher werden sie noch ins hauseigene Restaurant eingeladen. Vielleicht kann Metaxas ja wenigstens bei einer von ihnen Interesse an einem Beruf im Möbelhaus wecken. Für ein Praktikum vielleicht. „Gute Verkäufer suchen wir immer“, sagt er. Aber das Unternehmen kann auch Leute für die Montage brauchen, fürs Lager, Mediengestalter, Fachinformatiker, Gestalter für visuelles Marketing – „Dekorateure“, übersetzt Metaxas.
Handwerk und Handel tun sich sehr schwer mit dem Nachwuchs. Er verstehe gar nicht, wo die jungen Leute eigentlich arbeiten wollen, sagt Metaxas. „Es können ja nicht alle zu Kärcher oder Daimler oder Stihl. Und es kann ja auch nicht nur Ingenieure geben.“ Vor ein paar Jahren hatte er noch 15 Lehrlinge im Haus, aktuell sind es vier.
Sein Spezialgebiet: Schlaf- und Esszimmer. Sein Einsatzort: der zweite Stock im klassischen Möbelhaus mit den etwas gediegeneren Produkten im Vergleich zum Abholmarkt auf der anderen Straßenseite. Früher hat er Bäder, Büromöbel, Wohnzimmer verkauft. Er kann alles. Er mag den Beruf. „Jeder Tag ist anders, jeder Kunde anders.“
In Trainingskursen führt Metaxas Auszubildende in seine Verkaufsphilosophie ein. „Wann kann ich einen Kunden ansprechen?“, fragt er sie. „Wenn ich ein gutes Bauchgefühl habe und ein Lächeln im Gesicht“, antwortet er dann. Mit diesem Lächeln geht er auf die Kunden zu. Es sagt schon ohne Worte: „Schön, dass Sie da sind.“ Das sei Professionalität, das gehöre zum Beruf: „Die Kunden interessiert es nicht, welche Probleme ich habe, ob ich gerade schlecht drauf bin.“
Zunächst beobachtet er. Die Leute gleich anzusprechen, das wäre aufdringlich und auch viel zu früh. Sie müssen sich ja erst orientieren. Bleiben sie dann länger vor dem Schlafzimmer „Corinna“ oder dem Polsterbett „Messina“ stehen, nähert er sich entgegen der Pfeilrichtung.
Emotionaler Verkauf
Warum gleich mit Produktinformationen ins Haus fallen? Warum nicht zum Beispiel erst mal sagen: „Das ist aber ein hübscher Hund, wie heißt er denn?“ Emotionaler Verkauf nennt es Metaxas. „Wenn sich die Kunden erst einmal geöffnet haben, fällt es leichter, sie gut zu beraten.“ Es hat auch gar keinen Wert, ihnen ein Dutzend Schlafzimmer zu zeigen. Lieber erst mal genau raushören, was sie wollen, und dann zwei verschiedene vorstellen. Manchmal lässt er eine Skizze der aktuellen Wohnsituation zeichnen: Was soll das neue Schlafzimmer haben, was das alte nicht hat? Was soll es haben, was das alte auch hat? „Die Kunden wollen sich hier einen Traum erfüllen. Ich bin ihr Entscheidungshelfer.“
Bei Paaren achtet er schon in der Kontaktphase darauf, wie sie aufeinander reagieren. Sind sie sich später uneinig, kann es hilfreich sein, wenn er ein Gefühl dafür gewonnen hat, wer der eigentliche Entscheider ist. Bahnt sich ein veritabler Ehekrach an, zieht Metaxas sich diskret zurück: „Sie können ja eine Weile untereinander beraten.“
So dreht sich sein Alltag um Drehtürschränke, Aufsatzschränke, Falltürschränke. Massivfront Erle und Birke Nachbildung. Glanzlack-Optik und Polarweiß-Dekor. Balkenbetten und Klappbetten. Annette Frier und Winnetou. „Klappbetten sind gefragt“, sagt Metaxas. „Ideal für Apartments oder Zweiraumwohnungen, wo die Eltern im Wohnzimmer schlafen müssen.“ Die massiven Balkenbetten gefallen ihm auch persönlich sehr gut, „hochwertig verarbeitet, alles Unikate aus Wildeiche, jedes Bett ist anders“.