Wie lange ein Mann in Elternzeit geht, entscheidet mit darüber, wie gleichberechtigt ein Paar sich auch danach die Kinderbetreuung aufteilt. Foto: imago/Westend61/Zeljko Dangubic

Immer mehr Paare wollen sich die Kinderbetreuung und die Hausarbeit fifty-fifty aufteilen. Aber solange Männer gar nicht oder nur zwei Monate daheim bleiben, wird es nichts mit der gleichberechtigten Elternschaft, sagen Forscher. Warum ist das so?

Es ist kurios und auch ein bisschen erschreckend: Offenbar wissen Väter und Mütter sehr genau, wie sie leben, wie sie gemeinsam Kinder großziehen und die Aufgaben drum herum aufteilen wollen – machen es dann aber häufig ganz anders.

 

Auch der aktuelle Väterreport des Familienministeriums, der diese Woche vorgestellt werden soll, belegt es: Jeder zweite Mann würde gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen, aber nur jeder fünfte tut es dann auch. Ein paar weitere Befunde: In einer Befragung des Instituts für Demoskopie in Allensbach aus dem Jahr 2022 wünschte sich fast die Hälfte der befragten Mütter und Väter ein Modell, in dem beide in Vollzeit oder beide in Teilzeit arbeiten und sich die Arbeit daheim teilen.

Frauen machen mehr als abgesprochen war

In der Realität allerdings schlägt sich das bislang kaum nieder. In knapp 60 Prozent der Familien arbeitet er in Vollzeit, sie in Teilzeit, in weiteren 15 Prozent arbeitet die Mutter gar nicht. Die Betreuung der Kinder sowie die Hausarbeit bleibt in zwei von drei Familien vor allem an ihr hängen – obwohl es offenbar oft anders abgesprochen war. 40 Prozent der Frauen sagten den Allensbacher Forschern, dass sie in der Familie mehr übernehmen, als sie vorher erwartet hätten oder „mit dem Partner abgesprochen war“. Kein Wunder also, dass sich jedes dritte Paar über die Aufgabenverteilung zankt.

Was ist da los? Warum wird aus Wünschen und Plänen oft keine Wirklichkeit? Oder warum verharren Familien in einem Modell, dass ihnen auf lange Sicht nicht gefällt?

Ein Grundstein dafür wird laut Forschern schon früh gelegt, bei der Aufteilung der Elternzeit. Es ist eine Entscheidung, die nachwirkt. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) fand 2022 heraus: Erst wenn ein Vater drei Monate oder länger in Elternzeit war, teilt sich das Paar dauerhaft Kinderbetreuung und Hausarbeit gleichberechtigter auf. Das gilt übrigens auch dann, wenn der Mann wieder voll ins Berufsleben einsteigt. Nimmt er hingegen zwei Monate Elternzeit, habe das dieselbe Wirkung, wie wenn er durcharbeite, so ein BIB-Ergebnis: Der Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit bleibt an der Mutter hängen.

In der ersten Zeit scheiben sich Rollen fest

In dieser ersten Zeit mit Baby, in der für Vater und Mutter alles neu ist, in der sie so vieles lernen müssen, werden offenbar Muster gelegt, die weiter wirken. So betrachtet ist die Statistik der L-Bank zum Elterngeld, das Männer und Frauen während der Elternzeit beziehen können, umso ernüchternder. Die Hälfte aller Väter in Baden-Württemberg beantragte 2022 kein Elterngeld. Von der anderen Hälfte nutzten fast 80 Prozent diese Möglichkeit für zwei Monate. Die Zahl derer, die eine längere Auszeit nahmen, erhöhte sich in den vergangenen zehn Jahren um nicht mal vier Prozent von 17,6 auf 21,3.

Je länger in Elternzeit, umso weniger Verdienst vorher

Dass er eben mehr verdiene, hört man von Paaren oft als Argument dafür, dass sie länger daheim bleibt. In Umfragen sorgen sich viele Männer aber nicht nur ums Geld, sondern befürchten auch berufliche Nachteile und wollen die Kollegen nicht „länger im Stich lassen“. Antworten, die nicht gerade auf ein familienfreundliches Klima in deutschen Betrieben hinweisen.

Dass das Einkommen einen Einfluss auf die Dauer der Elternzeit hat, darauf weisen auch die Daten der L-Bank hin: Je länger ein Vater 2022 Elternzeit nahm, desto geringer war sein Durchschnittseinkommen zuvor.

Wilhelm Haumann, Projektleiter am Allensbacher Institut, bewertet das monetäre Argument dennoch ambivalent. Seine Studien zeigen, dass auch Familien das klassische Rollenmodell leben, in denen die Frau vor der Geburt mehr verdiente als ihr Mann. Wirkmächtig seien eben auch Werte und Einstellungen. Und diese wiederum sind mitunter gelernte und abgeschaute: 40 Prozent der Mütter und Väter nannten Haumann und seinen Kollegen als Grundlage ihrer Rollenentscheidung Folgendes: „Viele Eltern in unserem Umfeld haben es sich auch so aufgeteilt.“

Paare gucken, wie es andere machen

Haumann weist noch auf einen anderen, durchaus überraschenden Befund hin. Auf die Frage, warum er sich für diese Dauer entschieden habe, erklärte fast jeder dritte Vater: „Weil ich mich nach den zwei Partnerschaftsmonaten richten musste.“ Viele Paare wüssten also offensichtlich nicht, dass sich die Elternzeit anders aufteilen lässt.

Dass Väter nicht länger in Elternzeit gehen, liegt also an einem komplexen Zusammenspiel verschiedenster Ursachen, die einander gegenseitig bedingen. In der Summe treiben sie viele Familien in ein Lebensmodell, das ihnen mitunter anfangs als alternativlos erscheint, mit dem sie später aber unzufrieden sind. Viele Frauen wollen dann mehr, Männer weniger arbeiten, der Wunsch nach ähnlich viel Zeit mit den Kindern und finanzieller Unabhängigkeit beider Partner wächst. Der dann bereits etablierte Alltag wird zu einem schwer abzulegenden Korsett.

Schweden belohnt Eltern, die sich Elternzeit teilen

Was bedeutet das? Wenn sich Politik als Wegbereiterin für ein zufriedenes Leben in Familien versteht, sollte sie das Thema Elternzeit und Elterngeld in den Blick nehmen und seine Bedeutung für gleichberechtigte Partnerschaft in der Öffentlichkeit klarer machen. Das ginge über finanzielle Anreize, ähnlich wie Schweden zeigt. Dort ist die Länge des Elterngeldbezugs an die Anzahl der Monate, die der Vater nimmt, gekoppelt. Je mehr, umso besser fürs Paar. Helfen könnte auch, den Höchstbetrag des Elterngelds von 1800 Euro monatlich, der sich seit 15 Jahren nicht verändert hat, anzuheben.

Was ist Paaren Gleichberechtigung wert?

Jede Mutter und jeder Vater sollte aber auch wissen, wie wichtig langfristig die Aufteilung in der frühen Phase ist. Gleichberechtigte Elternschaft beginnt in der Elternzeit. Das kann Verzicht bedeuten. Für sie: auf Zeit mit dem Kind, weil sie früher wieder in den Beruf einsteigt. Für ihn: auf Geld, weil er länger zu Hause bleibt. Das ist ein Preis, den beide bereit sein müssen zu zahlen.