Nostalgie im Skiort Telluride: Solche historischen Holzhäuser gibt es noch viele im Ortszentrum. Foto: Bendl

Feinsten Pulverschnee und perfekt präparierte Pisten bieten viele Skiresorts in Colorado. Die Städtchen Crested Butte und Telluride sind besonders charmant - und ziemlich unamerikanisch.

Telluride - Wer hier sein Glück finden möchte, sollte hoch hinaufsteigen. Höher und höher, bis es am Ende nicht mehr weitergeht und über einem die Spitze des Berges am Himmel kratzt. Hier darf man sich dann nämlich, ausgestattet mit einer Portion an Gottvertrauen und dem entsprechenden Know-how, einfach fallen lassen und den Hang hinuntersausen. Um per Ski oder Snowboard, Linien ziehend und Kurven schwingend, tief einzutauchen ins blendend aufstäubende Weiß. Im Licht der jungen Sonne stapft man also mit pochendem Herz den Hang hinauf, quer durch eine schockgefrostete Märchenwelt.

Hinter der Bergstation des Sessellifts wartet früh am Morgen ein Winterwunderland wie aus dem Bilderbuch: Wind und Eis haben die Bäume über Nacht wattig eingepackt und mit funkelnden Kristallen verziert. Etliche Viertausender wachen über der Szenerie, glitzernde Zacken in der Krone der Rocky Mountains. Unten im Tal liegt das Örtchen Telluride, hübsch wie der Schatz am Ende des Regenbogens, mit Dutzenden historischer Holzhäuschen und einer Main Street wie im Western. Die Luft scheint klarer, die Sonne gleißender, die Ruhe lauter, der Himmel mit seinem Ultramarinblau viel weiter zu sein als anderswo. Dazu kommt der berühmte „Powder“: Nach dem Sturm der vergangenen Tage liegt meterhoch feinster, trockener Pulverschnee. Trotzdem sind die Pisten leer: Das Skigebiet liegt etwas zu weit entfernt von der Metropole Denver, um von Tagestouristen überrannt zu werden.

„To Hell You Ride“

Vor dem Start auf den frisch präparierten Abfahrten, die freundlich sind zu Anfängern, aber auch die Cracks ins Schwitzen bringen, steht also stilles Staunen. Ganz oben in den Rockies ist die Atemluft ziemlich kostbar. Und angesichts des Panoramas fehlen einem ohnehin die Worte. Telluride war einst Schauplatz eines Booms, der hier seinen Anfang nahm und am Ende die ganzen Rocky Mountains erfasste. Glücksritter aus halb Europa zogen vor 150 Jahren in das enge Tal zu Füßen der San Juan Mountains, wo zuvor im Sommer nur ein paar Indianer Büffel gejagt und einsame Trapper Nachschub für die Fellhändler an der Küste organisiert hatten. Die Männer reisten in die Hölle auf Erden - „To Hell You Ride“, also nach Telluride -, um hier fernab der Zivilisation mit Pickel und Schaufel nach Gold und Silber zu suchen. Sie fanden die edlen Metalle tatsächlich, weshalb eine Bahnlinie gebaut wurde, mehr und mehr Geld im Umlauf war und deswegen auch der später legendäre Gangster Butch Cassidy vorbeikam, für seinen ersten erfolgreichen Banküberfall.

Doch dann war eines Tages Ende im Gelände, weil sich der Abbau der Erze nicht mehr rechnete. Der Ort wäre wohl zur Geisterstadt verfallen, hätten in den siebziger Jahren nicht Hippies und andere Lebenskünstler die ehemaligen Kneipen und Bordelle okkupiert, um hier ihre Träume zu träumen. Heute lieben Touristen das „authentische“ und so komplett unamerikanische Minenstädtchen: Hier gibt es immer noch keine gigantische Shopping-Mall, sondern nur kleine Läden, Cafés und Galerien in denkmalgeschützten Gebäuden. Fast-Food-Restaurants haben sich ebenfalls keine angesiedelt, weil ihnen die Kundschaft fehlt: Die Skifahrer verbringen den Abend lieber in einer der urigen Bars oder im Restaurant des New Sheridan Hotels, das schon seit 1885 gigantische Steaks auf den Teller bringt.

Telluride hat auch bei Hollywood-Stars einen guten Ruf: Viele besitzen in der Region ein Ski-Chalet und scheinen es zu genießen, dass sie hier unbelästigt durch die Straßen schlendern können. Besonders viele Prominente sind vor Ort, wenn die international bekannten Film- und Musikfestivals stattfinden. Die alternativen Freigeister von Telluride ticken auch in Bezug auf Rauschmittel etwas anders als der Rest der USA. „Die Leute hatten schon immer eine spezielle Meinung, was legal und was illegal sein sollte“, sagt Bürgermeister Stu Fraser diplomatisch. „They hide it up in Telluride“ hieß es im Song „Smuggler’s Blues“ der Serie „Miami Vice“, und auch in der Realität wurde hier viel versteckt vor den Augen des Gesetzes. Sheriff Bill Masters, seit fast 40 Jahren im Dienst des Rechts, erinnert sich noch allzu gut an seine erste Minute im Ort. „Ich habe meinen Augen nicht getraut. Mitten auf der Straße hat jemand einen Joint geraucht!“

Mehr als 80 Prozent befürworteten eine Freigabe

Da passt es ins Bild, dass nicht nur Telluride, sondern auch viele andere Skiorte in den Rocky Mountains eindeutig votierten, als in Colorado jüngst über den Umgang mit Cannabis abgestimmt wurde: Mehr als 80 Prozent befürworteten eine Freigabe. Auch im ganzen Bundesstaat gab es eine Mehrheit pro Legalisierung. Die Resorts von Vail und Beaver Creek gelten als schicke Skiorte, wo man gerne im Pelzmantel promeniert. Hier werden im Februar 700 Skirennläufer antreten, um sich bei den Alpinen Skiweltmeisterschaften zu messen. In Crested Butte, wie Telluride früher ein Bergbaustädtchen, geht es eher familiär und entspannt zu. Die Einheimischen scheinen auch im Winter Karneval zu feiern: Männer im Büffelfell laufen durchs Schneetreiben und erzählen den Besuchern Witze, die man beim besten Willen nicht drucken kann.

Mädels tragen Indianerfedern im Haar. Um die Ecke schaufelt ein junger Mann seinen VW-Bus frei. Auch die Chefin des kleinen Dorfmuseums ist ein Hippie: Glo Cunningham wollte nach einer Reise um die Welt nur für eine Saison bleiben, ist inzwischen aber schon 40 Winter hier. Wenn sie morgens die Ausstellung aufschließt, war sie vorher schon drei Kilometer auf der Langlaufpiste unterwegs. „In den fünfziger Jahren, als eine Mine nach der anderen geschlossen hatte, lebten in Crested Butte gerade noch 130 Menschen. Die Winter waren besonders hart: Wer etwas Geld hatte, ist damals weggezogen“, erzählt sie. Heute erlebt das nette 1300-Einwohner-Städtchen einen richtigen Boom, und die alten Holzhäuser finden für viele Millionen Dollar neue Käufer.

Dem Zusammenhalt im Ort schadet das bisher nicht. „Mein Haus schließe ich nicht ab. Mein Auto auch nicht - hier passiert ja nichts“, meint Glo Cunningham. Dann muss sie schmunzeln. „Nur die Mülleimer muss man sichern. Sonst kommen die Tiere aus den Wäldern.“

So wird das Wetter für die Weltreise

Infos zu Colorado

Anreise
Zum Beispiel mit Lufthansa ( www.lufthansa.com ) von Frankfurt nach Denver und weiter mit United ( www.united.com ) nach Gunnison oder Montrose; Tickets kosten ab rund 800 Euro. Oder mit American Airlines ( www.aa.com ) via Dallas/Fort Worth oder Delta ( www.delta.com ) via Atlanta. Vor Antritt der Reise muss eine elektronische Einreisebestätigung („Esta“) im Internet beantragt werden (14 Dollar, Bezahlung per Kreditkarte, https://esta.cbp.dhs.gov .

Veranstalter
Nordamerika-Spezialist Argus Reisen ( www.argusreisen.de ) organisiert Touren in Colorados Skigebiete, z. B. sieben Nächte in Crested Butte und Telluride inkl. Skipass und Mietwagen ab 785 Euro pro Person im Doppelzimmer. Weitere Veranstalter sind Faszination Ski ( www.faszination-ski.de ) und Wingert Reisen ( www.wingert.de ).

Skiresorts Alpine Express bietet Transfers vom Flughafen Gunnison nach Crested Butte (65 Dollar/Person, www.alpineexpressshuttle.com ), Telluride Express fährt vom Flughafen Montrose nach Telluride (50 Dollar, www.tellurideexpress.com ).Ein Shuttle zwischen den beiden Skiorten kostet 80 Dollar.

Allgemeine Informationen
Visit Crested Butte, www.visitcrestedbutte.com und www.skicb.com . Visit Telluride, www.visittelluride.com und www.tellurideskiresort.com .

Allgemeine Informationen und Broschüren gibt es beim Colorado Tourism Office in Köln, Tel. 02 21 / 47 67 12 13, www.colorado.com .

Ausflüge/Sehenswürdigkeiten
Mögen die Berge noch so verlockend sein: In der Ebene warten perfekt präparierte Pisten zum Langlaufen ( www.cbnordic.org ). Zu verlassenen Bergbausiedlungen führen Schneemobiltouren ( www.tellurideoutside.com/snowmobile-tours ).

Essen und Trinken
Nudeln aus Tibet und Currys aus seiner Heimat Nepal tischt Pemba Sherpa auf - zusammen mit den Geschichten über seine zwei Everest-Besteigungen (The Sherpa Café, 313 3rd Street, Crested Butte, www.sherpacafecrestedbutte.com ). Danach gibt es Hochprozentiges aus der Höhenlage: Die Rum-Variationen aus der Destillerie Montanya sind preisgekrönt (Montana Distillers, 212 Elk Avenue, Crested Butte, www.montanyadistillers.com ).

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: