Goodbye, New York! Sabine Lisicki verlässt nach der Achtelfinalniederlage die US Open Foto: dpa

Die deutschen Tennisdamen spielen bei den US Open ganz gut – doch im Viertelfinale steht keine. Die Bilanz der Damen bei den Grand Slams in diesem Jahr ist ernüchternd – allerdings aus verschiedenen Gründen.

New York - Auf den ersten Blick sehen manche Dinge eindeutig aus. Zehn deutsche Spielerinnen am Start bei den US Open 2015, neun verloren aus unterschiedlichen Gründen in den ersten drei Runden, eine erreichte die zweite Woche, doch die ist nun auch nicht mehr dabei. Nach der Niederlage von Sabine Lisicki gegen Simona Halep (7:6, 5:7, 2:6) spielten die deutschen Damen bei den US Open keine Rolle mehr. Wobei – halt, es ist noch nicht alles verloren; Anna-Lena Grönefeld ist weiter im Doppel mit ihrer amerikanischen Partnerin CoCo Vande­weghe bei der Arbeit, nächste Station ist das Viertelfinale.

Wie man Lisickis Auftritt bei der Niederlage gegen die Nummer zwei des Frauentennis aus Rumänien einschätzen soll? Schwere Frage. Die Zahl ihrer Chancen hätte genügt, um drei Spiele zu gewinnen, und die Zahl der unerzwungenen Fehler (72) hätte für drei Niederlagen gereicht. Vieles flog so unkontrolliert durch die Luft wie der große, gelbweiße Sonnenschirm, der ganz oben auf der Tribüne vom Wind fortgeblasen wurde. Halep, die sonst ein Muster an Konstanz ist und sich selten Aussetzer leistet, fand ebenso wenig wie Lisicki eine sichere Position. Und auch die Zahl der Aufschlagspiele, die sie einander großzügig schenkten, ging weit über das hinaus, was man gewöhnlich sieht.

Simona Halep spielte mit einem massiven Oberschenkel-Verband, Lisicki hatte sich das lädierte linke Knie tapen lassen, aber entscheidend war wohl ein anderes Problem. Ab Mitte des zweiten Satzes habe sie Krämpfe gehabt, berichtete die Berlinerin nach dem Spiel, und das sei deshalb ärgerlich und enttäuschend, weil sie ansonsten kein bisschen müde gewesen sei. „Ich musste zwei Spiele mit komplett verkrampften Oberschenkeln machen – da bist du hilflos.“

Am Tag vor diesem Spiel hatte Bundestrainerin Barbara Rittner gesagt, es gebe Körper, die seien mehr für Belastungen und Probleme ausgelegt, andere eher weniger, aber soweit sie das sehen könne, versuchten alle deutschen Spielerinnen, das Optimum aus sich herauszuholen. Das Ergebnis in diesem Jahr bei den Grand-Slam-Turnieren war dennoch nicht berauschend. Nur Julia Görges (in Melbourne und Paris) und Sabine Lisicki (New York) erreichten das Achtelfinale, die anderen blieben irgendwo auf dem Weg dorthin hängen.

Kerber zeigt in New York ihr bestes Tennis

Wobei eben manchmal erst der zweite Blick zur Wahrheit führt wie im Fall der Niederlage von Angélique Kerber im fantastischen Spiel in New York gegen Viktoria Asarenka. „Mir hat selten eine Niederlage für eine Spielerin so wehgetan“, gestand Rittner, bevor sie sich auf den Weg zurück nach Deutschland machte. „Angie hat ihr wahres Gesicht und ihr bestes Tennis gezeigt. Ich glaube, dass sie nächstes Jahr wieder unter den ersten fünf steht, wenn sie so weitermacht.“ Kerbers vier Turniersiege gehören zu den Höhepunkten des Jahres, und einer könnte noch dazukommen – sie hat nach wie vor die Chance, sich für das WTA-Finale der besten acht des Jahres Ende Oktober in Singapur zu qualifizieren.

Unter dem Strich, so die Bundestrainerin weiter, sei nur eine Spielerin in der zweiten Woche eines Grand-Slam-Turniers angesichts der Ansprüche des deutschen Frauentennis natürlich zu wenig. „Aber ich glaube nicht, dass es noch mal so ein Jahr wie dieses geben wird.“ Diesmal lagen die Probleme auf breiter Fläche bunt verstreut. Andrea Petkovic hatte ein paarmal Pech mit Krankheiten – so wie diesmal in New York, als sie gut in Form war. In der kommenden Woche wird sie sich mit Barbara Rittner darüber unterhalten, wie es in Sache Trainer weitergehen könnte. Die vorübergehende Zusammenarbeit mit dem Assistenzcoach des Davis- und Fedcup-Teams, Dirk Dier, endete nach Wimbledon, seither hatten Petkovics Vater Zoran und ihr Trainingspartner ausgeholfen, und die Chefin findet, das sei auf die Dauer keine optimale Lösung.

Sabine Lisicki ist in dieser Sache seit Anfang des Jahres einen Schritt weiter; sie fühlt sich gut aufgehoben in der Zusammenarbeit mit Christopher Kas. „Wir wollen beide dazulernen und können zusammenwachsen“, sagt sie. Im Gegensatz zu früheren Trainern versuche Kas glücklicherweise nicht, sie in eine Schablone zu pressen. Aber wenn sie nicht dafür verantwortlich sein will, dass der arme Kerl irgendwann bei der Arbeit vom Schlag getroffen wird, dann sollte sie beim nächsten Mal nicht ganz so viele Chancen ungenutzt zurückgeben.

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