Die Tötung des Generals Ghassem Soleimani ist aus iranischer Sicht die größtmögliche Provokation. Er verkörperte Teherans Machtanspruch.
Bagdad - Fotos zeigen zwei völlig verkohlte Autowracks und zerrissene Leitplanken. Der Konvoi wollte gerade den Flughafen von Bagdad verlassen, als ihn die Raketen der amerikanischen MQ-9-Reaper-Drohne trafen. Fünf der Insassen waren sofort tot, unter ihnen der iranische Topgeneral Ghassem Soleimani sowie Abu Mahdi al-Muhandis, Vizekommandeur der proiranischen Milizen im Irak.
Nach dieser selbst für nahöstliche Verhältnisse beispiellosen Kommandoaktion droht nun zwischen den USA und dem Iran eine dramatische Eskalation. Denn der getötete Soleimani war einer der mächtigsten Männer der Islamischen Republik und als Kommandeur der revolutionären Auslandsbrigaden der wichtigste Stratege iranischer Militärpolitik quer durch die arabische Region – angefangen vom Libanon über Syrien und den Irak bis zum Jemen.
Entsprechend unabsehbar sind die Folgen dieses politischen Attentats. Irans oberster Revolutionsführer Ali Chamenei erklärte: „Die Kriminellen erwartet eine schwere Rache.“ Kommandeure proiranischer Milizen im Irak und der Hisbollah im Libanon befahlen ihren Kämpfern, sich für Vergeltungsaktionen zu rüsten.
Der populistische irakische Geistliche Muktada al-Sadr kündigte an, seine Mahdi-Armee zu reaktivieren, deren Kämpfer den US-Truppen im Irak in den ersten Jahren nach dem Sturz von Saddam Hussein die schwersten Verluste zugefügt hatten.
Auf Bagdads Tahrir-Platz brach Jubel aus
Die USA forderten ihre Bürger auf, darunter auch Spezialisten auf den Ölfeldern, den Irak auf schnellstem Wege zu verlassen. Deutschland mahnte zur Besonnenheit und warnte vor einer gefährlichen Eskalation. Das Pentagon erklärte, die US-Armee habe die Operation auf Anweisung von US-Präsident Donald Trump ausgeführt, um weitere Attacken auf amerikanische Kräfte in der Region zu verhindern.
Nach Angaben irakischer Sicherheitskreise kam Soleimani mit einer Maschine aus Syrien und stieg direkt auf dem Rollfeld in seinen Wagen, in dem der 62-Jährige wenig später starb. Auf dem Tahrir-Platz in Bagdad, wo aufgebrachte Iraker seit Monaten gegen das Versagen der eigenen Regierung und gegen die übermächtige Präsenz des Iran demonstrieren, brach Jubel aus. Die überwiegend jungen Protestierer machen vor allem Scharfschützen proiranischer Paramilitärs für die bislang 460 Todesopfer und 15 000 Verletzten in ihren Reihen verantwortlich.
Wie im Irak begehrt auch im Libanon seit Monaten die Bevölkerung gegen ihre Staatselite auf, auch gegen die irantreue Hisbollah, die sich wie ein Staat im Staat gebärdet. Aus diesem Grund hielt sich der getötete Soleimani in letzter Zeit häufiger in Bagdad und Beirut auf. „Wir im Iran wissen, wie man mit Protesten umgeht“, belehrte er Anfang Oktober den inzwischen zurückgetretenen irakischen Premier Adel Abdul Mahdi. „Wir hatten so etwas auch im Iran, und wir sind ebenfalls damit fertig geworden.“
Gleichzeitig stieg im Irak seit Juni die Zahl der Angriffe schiitischer Milizen auf amerikanische Einrichtungen. Ausgelöst wurde der jüngste Schlagabtausch am 27. Dezember durch den massiven Raketenbeschuss eines Militärlagers nahe Kirkuk, bei dem ein amerikanischer Vertragsunternehmer starb. 48 Stunden später griffen US-Kampfjets fünf Kasernen an und töteten 24 schiitische Paramilitärs.
Abertausende proiranische Männer drangen daraufhin an Silvester in die Grüne Zone von Bagdad ein und versuchten, das Gelände der US-Botschaft zu stürmen. In der Menge befand sich auch der mit Soleimani getötete Milizen-Kommandeur Abu Mahdi al-Muhandis, der als eingeschworener USA-Hasser galt. Die Eindringlinge verwüsteten den Empfangsbereich und zündeten mehrere Wachhäuschen an, bevor irakische Sicherheitskräfte eingriffen und den Mob vertrieben.
Soleimani – verehrt und gehasst
Ghassem Soleimani stammte aus armen Verhältnissen im Osten des Iran nahe der Stadt Kerman und besuchte nur wenige Jahre die Schule. Als junger Mann trat er kurz nach dem Sturz des Schahs 1979 in die neu gegründeten Revolutionären Garden ein. Den Krieg gegen den Irak von 1980 bis 1988 erlebte er an der Front. 1998 ernannte ihn der Staatschef Ajatollah Ali Chamenei zum Kommandeur der Al-Kuds-Auslandsbrigade, die heute etwa 15 000 Elitesoldaten unter Waffen hat.
Nach der amerikanischen Invasion im Irak 2003 belieferte Soleimani örtliche Aufständische mit speziellen Sprengfallen, die gepanzerte Fahrzeuge durchschlagen konnten und Hunderte Todesopfer unter US-Soldaten forderten.
Erst mit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 wurde der General mit dem sorgfältig gepflegten Bart und dem silbergrauen Haar international bekannt. Aus Revolutionären Garden, irakischen Paramilitärs und Hisbollah-Kämpfern formte er eine Streitmacht, die das Regime von Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch bewahrte.
Regimetreue Iraner verehren ihn deswegen wie einen Nationalhelden und Superstar. Bei anderen Teilen der Bevölkerung jedoch stießen die kostspieligen Auslandseinsätze der Revolutionären Garden auf immer heftigere Kritik. „Nein zu Gaza, nein zu Libanon, lasst Syrien fahren, denkt mal an uns!“, skandierten im vergangenen November zum wiederholten Male Hunderttausende von Iranern überall im Land.
Die Proteste äußerten sich in einem viertägigen Aufbegehren, das die klerikale Führung in Teheran nur mit brutaler Gewalt, mindestens 500 Toten und 7000 Verhafteten unterdrücken konnte.
„Aus iranischer Sicht ist kaum ein Akt vorstellbar, der noch gezielter und provokanter sein könnte“, erklärte Robert Malley, der Präsident der International Crisis Group, einer privaten Organisation, die Analysen und Lösungsvorschläge für internationale Konflikte erarbeitet. Nach seiner Einschätzung werde der Iran jetzt wahrscheinlich hochaggressiv reagieren. „Egal ob Präsident Trump dies beabsichtigte oder nicht, faktisch ist das Ganze eine Kriegserklärung.“