Das Foto zeigt den Schriftsteller und Maler Urs Jaeggi in seiner Wohnung in Berlin im Jahre 2016. (Archivbild) Foto: dpa/Sophia Kembowski

Soziologe, Schriftsteller, Künstler: Urs Jaeggi prägte die Studentenbewegung mit und wurde als Romanautor und Maler bekannt. Jetzt ist der Schweizer mit 89 Jahren in Berlin gestorben.

Berlin - Mehr als 400.000 Mal verkaufte sich sein Buch zu „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland“: Urs Jaeggi galt als einer der Ideengeber der Studentenbewegung der 1960er Jahre. Der Schweizer Soziologe und Wahlberliner, der auch als Künstler und Schriftsteller bekannt wurde, ist am Samstag im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben, wie seine Familie am Montag auf Anfrage mitteilte. Zuvor hatte „Der Tagesspiegel“ berichtet.

„Manchmal war es ein etwas krummer Weg, aber ich habe mir alle meine Wunschträume erfüllt“, sagte er zu seinem 85. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur. „Mir war es wurscht, wenn die Leute gesagt haben: Muss er denn das jetzt auch noch machen?“

1931 in Solothurn geboren

Der 1931 in Solothurn geborene Sohn aus sozialdemokratischem Hause hatte immer den Wunsch, über den Tellerrand zu blicken. Er studierte Kunstgeschichte, Ökonomie und Soziologie in Genf, Berlin und Bern. Nach seiner Habilitation in Bern ging er an die Ruhr-Universität Bochum und später zur New School for Social Research nach New York.

„Ich weiß bis heute nicht, wie das zustande kam“, sagte Jaeggi über den Erfolg seiner Analyse, dass eine vergleichsweise kleine Elite die Schaltstellen der Macht beherrscht. Freunde machte sich der undogmatische Denker damit nicht nur. Konservative hielten ihn für einen linken Rädelsführer, Ultralinke für einen „Scheißliberalen“.

Aufruhr der 68-er-Bewegung

Den Konflikt arbeitete Jaeggi später in seinem autobiografischen Roman „Brandeis“ (1978) auf: Es geht um einen Professor, den der ideologische Furor der Studentenbewegung zunehmend in einen Zwiespalt mit sich selbst treibt. Zusammen mit den Romanen „Grundrisse“ und „Rimpler“ wird daraus eine Trilogie zum großen gesellschaftlichen Umbruch der 68er Jahre.

Weitere literarische Arbeiten sind etwa die Heimatgeschichte „Soulthorn“ und der Wenderoman „Weder noch etwas“. Immer wichtiger wurde die Kunst, schon als Kind hatte Jaeggi Maler werden wollen. Doch prügelnde Lehrer trieben dem Linkshänder die Lust aus. Nach dem frühen Tod des Vaters machte er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann und holte das Abitur nach.

Jaeggi lernte das Bildhauerhandwerk

Von 1972 bis 1993 war er Professor am Institut für Soziologie der Freien Universität (FU) Berlin, auch als Ordinarius und zuletzt auf einer halben Stelle, weil er bei einem Bildhauer das Handwerk nochmals von der Pike auf lernte. Seit 1985 stellte er seine Werke im In- und Ausland aus.

Die Wände in seiner Berliner Altbauwohnung hingen voll mit Bildern. Acht Stunden am Tag arbeitete er in seinem nahe gelegenen Atelier oder am Computer, Gymnastik und Jazztanz gehörten zum täglichen Programm.

Mit seiner zweiten Frau lebte er halb in Berlin, halb in Mexiko. Seine Tochter Rahel aus erster Ehe mit der Psychoanalytikerin Eva Jaeggi („Alte Liebe rostet schön“) ist Philosophie-Professorin geworden.

  
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