Peter Kempkes (li.) als David Ben Gurion und Ernst Wilhelm Lenik als Konrad Adenauer in „Blutgeld“ Foto: Tom Philippi

Das Alte Schauspielhaus bringt den schwierigen Anfang der deutsch-israelischen Beziehungen auf die Bühne – überdicht, aber sehenswert. Am Freitag feierte „Blutgeld“ in Stuttgart Premiere.

Stuttgart - 1951 steht der Junge Staat ­Israel kurz vor der Pleite, im Hafen von Haifa kann mangels Devisen bitter benötigter Weizen nicht abgeladen werden. Der einzige Ausweg: Von Deutschland, dem Land der Täter, Entschädigung fordern. Dieser Vorschlag von Ben Gurion, dem ersten Staatschef Israels, stößt auf erbitterten Widerstand: „Statt Rache zu nehmen, betteln wir um Almosen“, werfen ihm seine Widersacher entgegen und beschimpfen ihn als „Verkäufer des Blutes unserer Mütter und Väter.“ „Blutgeld – Adenauers Weg“ heißt das Stück betitelt, das der israelische Autor Joshua Sobol fürs Alte Schauspielhaus geschrieben hat, wo es am Freitag uraufgeführt wurde.

Die Gräben, die der Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern des Abkommens verursacht hat, sind nach Sobol in der Gegenwart noch spürbar. Er hat die Geschichte der Annäherung zweier Staaten in eine Rahmenhandlung eingebettet, in der zwei Alte darüber zanken, ob Ben Gurion richtig gehandelt hat oder nicht: Der Sozialist Nahum (Pavel Fieber) wirft seiner Frau Dora (stark: Johanna Hanke) heute noch vor, mit Ben Gurion einen Verräter zu verehren, der den Palästinenserkonflikt mit verursacht habe: „Dieses Geld hat uns stark gemacht. Jetzt sind wir zu stark, um Frieden zu wollen“, legt Sobol ihm in den Mund. Dora war einst die Vertraute Ben Gurions, seine Stenotpyistin und Seelenwächterin, bei allen geheimen Treffen dabei. Jetzt ist der Enkel aus Berlin zu Besuch, der mit seiner Freundin einen Film über die Wiedergutmachung drehen will. Die Vergangenheit wird wieder lebendig.

Die Schauspieler arbeiten sich im Schweinsgalopp durch die komplexe Materie

Wie in filmischen Rückblenden folgt aufs Stichwort ein Szenenwechsel, es geht ins israelische Kabinett, nach Paris ins Hotel Waldorf Astoria, wo sich Gurion und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer begegnet sind. Sobol lässt die Geschichte nicht mit dem Reparationsabkommen enden, sondern führt sie bis in die 60er weiter, als Deutschland Israel Geld für ein Nuklearforschungszentrum in der Wüste Negev gab. Es tauchen auf: Golda Meir, Franz-Josef Strauß, David Horowitz, Jitzchak Nawon und viele mehr. Zuviele.

Aus dem Stoff hätte Regisseur Ulf Dietrich gut und gerne eine vierstündige Inszenierung machen können. So arbeiten sich die Schauspieler im Schweinsgalopp durch die komplexe Materie und wirken oft als bloße Textaufsager, die Unmengen von Sätzen bewältigen. Dass zudem oft übertiteltes Hebräisch oder Englisch gesprochen wird, macht es den Zuschauern nicht einfacher. Schade, dass Dietrich nicht stärker auf seine Schauspieler gesetzt, ihnen mehr Zeit und Raum zum Spielen gegeben hat.

„Geschichte schreiben kann man nur, wenn man die Geschichte vergisst“, lässt Autor Sobol Adenauer an einer Stelle sagen. Das mag für Staatsmänner in manchen Situationen gelten, für Autoren ganz bestimmt nicht. Denn sehenswert ist dieses Drama einer schwierigen Annäherung von Staaten und Staatsmännern allemal.

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