„Populismus ist für den Arsch!“ ist auf einem Schild am 21. Januar in Koblenz bei einer Demonstration zu lesen. Unter dem Motto „Koblenz bleibt bunt !“ protestierten die Teilnehmer gegen die zeitgleich stattfindende Tagung europäischer Rechtspopulisten, der ENF-Fraktion im Europäischen Parlament. Foto: dpa

Dass die Menschheit extrem anfällig ist für die Botschaften von Demagogen und Populisten weiß man nicht erst seit Donald Trump, Geert Wilders und Marine Le Pen. Schuld ist vor allem die menschliche Unvernunft.

Stuttgart - „Es ist töricht, wenn man glaubt, auf den Dingen selbst beruhe das menschliche Glück. Von den Meinungen hängt es ab.“ Dieser Satz ist nicht etwa wie man vermuten könnte der Debatte um „Post-truth-politics“, der postfaktischen Politik und Renaissance des Populismus entnommen. Er stammt von dem Philosophen Erasmus von Rotterdam (1466-1536).

Erasmus’ berühmte Satireschrift „Lob der Torheit“ lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der Mensch ist ein „Homo irrationalis“. Auch wenn das Irrationale den sachlichen und ethischen Ansprüchen vernünftigen Denkens und Handeln nicht genügt, hat es doch eine stupende Wirkung. Vernunft, Verstand, Logik – alles überschätzt. Im „Narrenschiff“, einem anderen, 1494 erschienen Klassiker der Weltliteratur, heißt es: „Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden.“

„Logik ist das letzte, was das Gehirn tut“

Dass die Menschheit extrem anfällig ist für die Botschaften von Demagogen und Populisten weiß man nicht erst seit Donald Trump, Geert Wilders und Marine Le Pen. Glaubt man Hirnforschern sind deren Erfolge vor allem auf das Wesen des menschlichen Denkorgans zurückführen: Das Gehirn und seine Entscheidungen wird sehr viel stärker von Gefühlen gelenkt als von der Vernunft. „Logik ist das letzte, was das Gehirn tut“, so die britische Hirnforscherin Susan Greenfield.

Klaviatur der Emotionen und Irrationalität

Dass Politik von Gefühlen lebt und diese weckt, gehört zu ihren ureigensten Aufgaben. Politiker suggerieren den Bürgern, dass sie eingemauert werden müssen, um ihr Leben wie bisher weiterführen zu können. Sie diskreditieren ihre Gegner so lange, bis eine Mehrheit die Unwahrheiten für wahr hält. Sie nutzen die politische Ahnungslosigkeit der meisten aus und erheben deren Nichtwissen zum allgemeinen Goldstandard.

Politiker wie Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump beherrschen die internationale Bühne, weil sie auf der Klaviatur der Emotionen und Irrationalität so meisterhaft spielen. Sie können wie der türkische Staatschef EU-Staaten mit abstrusen Nazi-Vorwürfen überschütten oder wie der US-Präsident mit dem Finger auf andere zeigen, die schuld seien – und damit nicht nur bei ihren Anhängern punkten.

Humbug, der jeder rationalen Grundlage entbehrt, lässt sich mit Vernunft schlecht wiederlegen. Genau dies ist das Prinzip des Irrationalen: Wenn man etwas nur laut genug im Brustton der Überzeugung hinausposaunt, glauben es viele.

Schachzüge des Irrationalen

Dahinter steckt in aller Regel eine sehr rationale Strategie. Die Schachzüge eines scheinbar irrational Handelnden wie dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un lassen sich nur schwer vorhersagen, weil die anderen nicht wissen, was er als nächstes vorhat.

Demagogen und Populisten können zudem darauf vertrauen, dass ihre frei erfundene, fiktive Welt von vielen als wahre Realität wahrgenommen wird. Moderne Massen würden, schreibt die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975), „so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen“.

Bloß keine Befreiung von der Torheit

Hinzu kommt: Je bedrohlicher, unruhiger und verworrener die Zeiten sind, umso mehr sind viele Menschen bereit, sich für dumm verkaufen zu lassen. Laut Index der politischen Risiken 2017 des Kreditversicherers Coface hat sich die Zahl der bewaffneten Konflikte seit 2007 verdoppelt. Gleichzeitig ist das Terrorismus-Risiko um das 2,8-fache gestiegen, was die Internationalisierung der Konflikte zeige.

Ist es da nicht nachvollziehbar, dass so viele dem Charme des Irrationalen verfallen? Um nochmals Erasmus zu zitieren: „Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit.“

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