Starthilfe leisten, Urlaubsreise retten und neuerdings auch Fahrradschläuche flicken: Markus Horlacher ist einer von 127 ADAC-Pannenhelfern in Württemberg. Wie sieht seine berufliche Perspektive aus?
Wieder einmal klingelt es im gelben Hybrid-Passat von Markus Horlacher, so wie rund 1500-mal pro Jahr. Auf dem Display erscheint ein Auftrag von der ADAC-Straßenwachtzentrale: In Bad Urach ist ein Wohnmobil liegen geblieben. Horlacher macht sich auf den Weg, laut Navi braucht er von der Raststätte Denkendorf 43 Minuten bis ans Ziel. Im Radio läuft die SWR-3-Morningshow.
Markus Horlacher, 34, ist seit acht Jahren ein Gelber Engel. Nach der Mittleren Reife in Wendlingen hat er am Stuttgarter Flughafen eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht und später in einer Werkstatt in Neuhausen an Pkws herumgeschraubt. Beim ADAC habe er sich beworben, erzählt er, „weil ich nicht nur viel mit Autos, sondern auch mit Menschen zu tun haben wollte“. In den ersten Monaten als Pannenhelfer musste er sich daran gewöhnen, „dass einem bei der Arbeit ständig auf die Finger geschaut wird“. Doch der Kontakt zu den Kunden – Horlacher spricht konsequent von „Mitgliedern“, weil der ADAC ein Verein ist – entwickelte sich für ihn mit der Zeit zu einer geschätzten Routine: „Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Chefarzt die ganze Bandbreite unserer Gesellschaft kennenlerne.“
Michael Usadel steht winkend vor der Schranke des Campingplatzes Pfählhof. Mit seiner Frau Ute ist der 62-Jährige aus Pinneberg nach Bad Urach gereist, um ein paar unbeschwerte Tage am Rand der Schwäbischen Alb zu verbringen. Nun streikt ihr rollendes Urlaubsdomizil, ein Mercedes Sprinter. „Wir haben gestern einen Ausflug nach Tübingen gemacht, und auf der Rückfahrt hat plötzlich die rote Kontrollleuchte geblinkt“, erzählt Usadel. „Kurz danach ist der Motor nur noch im Notmodus gelaufen. Wir haben’s gerade noch zum Campingplatz geschafft. Seither springt der Motor nicht mehr an.“
Vier Pannen in 44 Jahren als Vereinsmitglied
Horlacher hört sich die Schilderung geduldig an, dann schreitet er zur Tat. Er tastet sich durch den Motorraum: alle Schläuche dicht, alle Stecker dran? Scheint so. Er holt den Tablet-Computer und verbindet den Stecker mit der Buchse, die im Sprinter links unterhalb des Lenkrads sitzt. „Fehlerspeicher auslesen“ nennt sich dieses Prozedere. Usadel steht daneben und plaudert mit norddeutschem Zungenschlag munter drauflos:1978 ist er in den ADAC eingetreten, 81 hatte er die erste Havarie mit einem Wohnmobil in Italien: „Damals wurde mir schnell geholfen.“ Anschließend vier Jahrzehnte ohne besondere Vorkommnisse: „Aber das ist nun schon die dritte Panne innerhalb von elf Monaten. Wir haben eine Pechsträhne.“
Das Schicksal könnte dadurch beeinflusst sein, dass Usadel mit seinem Sprinter mittlerweile 338 000 Kilometer runtergerissen hat. „Defekter Rußpartikelfilter, ein typisches Verschleißteil“, sagt der Pannenhelfer Horlacher mit Blick auf sein Diagnose-Tablet. Vor Ort ist da nichts zu machen: Horlachers Dienstwagen ist zwar vollgestopft mit Werkzeugen, Ersatzbatterien, Zündspulen, Verteilerkappen, Kabeln, Klebebändern und allerlei mehr, was manche kleinere Reparatur ermöglicht. Aber einen Rußpartikelfilter für einen Sprinter, Baujahr 2012, hat er nicht in seinem fahrenden Ersatzteillager.
Ein Abschleppwagen muss her. Weil Usadel ein sogenanntes Plus-Mitglied ist (dieser Status kostet 40 Euro Aufpreis pro Jahr), bekommen er und seine Frau zudem eine Hotelübernachtung spendiert und einen Pkw gestellt, mit dem sie heim nach Pinneberg fahren können. Ihr Wohnmobil wird dann in ein paar Wochen nachgeliefert. „Mehr kann ich für Sie leider nicht tun“, sagt der Gelbe Engel Horlacher zum Abschied.
Der technische Fortschritt erschwert sein Berufsleben
In der offiziellen ADAC-Statistik gilt ein Vor-Ort-Einsatz als erfolgreich, wenn es das Auto anschließend aus eigener Kraft zumindest bis in die nächste Werkstatt schafft. In etwa vier von fünf Fällen kann Horlacher liegen gebliebene Fahrzeuge wieder irgendwie in Bewegung versetzen. Zum Beispiel bekommt er die meisten Platten mit einer speziellen Galvanisierungsmasse geflickt – schneller als 80 darf man mit einem solchen provisorisch ausgebesserten Reifen aber nicht fahren. Horlacher sagt, dass der technische Fortschritt sein Berufsleben eher erschwere: Die modernen, mit Elektronik vollgestopften Autos lassen sich häufig nicht mehr mit ein paar geübten Handgriffen reparieren. Kollabiert ein Steuergerät, geht nichts mehr. Zwischen konventionellen Verbrennern und E-Autos besteht in dieser Hinsicht übrigens kein Unterschied: Spinnt einer dieser Computer auf vier Rädern, ist der Pannenhelfer hilflos.
Das Display meldet sich, nächster Auftrag: Am Sportplatz in Westerheim hat ein Renault den Geist aufgegeben. Sein Besitzer, ein Mann um die 40 mit Glatze und Vollbart, wartet in der prallen Sonne. Michael S., so heißt er, ist Diplom-Ingenieur von Beruf und hat bereits eine Theorie entwickelt, warum sein Wagen liegen geblieben ist: „Defekter Kurbelwellensensor, schätze ich.“ – „Schauen wir mal“, antwortet der Mechatroniker Horlacher und beginnt mit der Suche nach dem Fehler – der sich als banal herausstellt: „Ihre Tankanzeige steht unterhalb der Reserve, dem Motor fehlt lediglich Sprit.“ – „Kann nicht sein“, sagt Michael S. „Ich kenne mein Auto, damit komme ich noch locker 50 Kilometer weit.“ Horlacher holt einen Kanister aus seinem Passat und kippt fünf Liter Super in den Tank. Der Renault springt sofort an. „Wie peinlich“, sagt Michael S. „Kann vorkommen“, sagt Horlacher. Das Benzin muss Michael S. bezahlen – „9,25 Euro, bitte“ – die restliche Dienstleistung ist durch seine ADAC-Mitgliedschaft abgedeckt.
Prognosen sind fast nicht mehr möglich
Gut 21 Millionen Menschen zahlen zurzeit Beiträge an den größten Automobilclub Europas. Klingt nach einem florierenden Verein, doch auf den Straßen der Republik macht sich ein Wandel bemerkbar. „Das Mobilitätsverhalten der Menschen hat sich völlig verändert“, sagt Michael Prelop, der Leiter der Pannenhilfe in Württemberg. „Früher konnte ich ziemlich genau vorhersehen, wie viel Arbeit wir über einen bestimmten Tag verteilt haben werden, und die Schichten entsprechend einteilen. Mittlerweile sind Prognosen fast unmöglich.“
Von einem Gewerbebau in Stuttgart-Plieningen aus koordiniert Prelop 127 Straßenwachtfahrer, die zwischen Heilbronn und dem Bodensee im Einsatz sind. Der 56-Jährige ist ein gemütlicher Typ mit Schnauzbart, der den Filterkaffee aus einer Bayern-München-Fantasse trinkt. „Montagfrüh und Freitagabend waren jahrzehntelang die Hauptverkehrszeiten“, erzählt er. Doch dann kam Corona und damit der Homeoffice-Boom. 2019 gab es in Baden-Württemberg noch 486 931 Einsätze der Gelben Engel, im Jahr darauf sank die Zahl auf 427 785. Damit seine Mitarbeiter in ihren Dienstwagen nicht Däumchen drehen, schickte sie ihr Chef auf Fortbildungen. „Inzwischen nimmt die Zahl der Autopannen wieder leicht zu“, erzählt Prelop, „aber wir liegen noch immer zehn Prozent vom Vor-Corona-Niveau entfernt.“
Was tun? Auf seiner letzten Hauptversammlung hat der ADAC etwas beschlossen, das einer Zeitenwende gleichkommt: Seit 1. Juni bietet die Straßenwacht für ihre Mitglieder bundesweit eine kostenlose Fahrradpannenhilfe an. Markus Horlacher hat bisher nur den Reifenschlauch einer Dame geflickt, die auf einem Feldweg unterhalb der Burg Teck mit ihrem Mobiltelefon die Nummer 089 / 20 20 40 00 gewählt hatte und platt war, als zehn Minuten später tatsächlich der ADAC anrückte, um ihr aus der Patsche zu helfen. „Natürlich muss sich das Angebot noch rumsprechen“, sagt Horlacher. „Aber grundsätzlich halte ich es für eine sinnvolle, arbeitsplatzsichernde Maßnahme.“
Das Standardproblem: eine leere Batterie
Denn wer weiß schon, wie sich die Gesellschaft angesichts von Klimawandel und Energieknappheit in den kommenden Jahren verändern wird? Schon heute lassen viele Menschen ihr Auto monatelang ungenutzt herumstehen, weil ihnen die Umwelt lieb oder das Benzin zu teuer ist. Und wenn dann mal wieder am Zündschlüssel gedreht wird, um Sprudelkisten aus dem Getränkemarkt heranzukarren, tut sich – nichts. Ruht das Auto, ruht auch die Lichtmaschine, und die Batterie leert sich, bis der Strom nicht mehr ausreicht, um den Anlasser in Schwung zu bringen. Dann muss ein Mann (oder eine Frau, die gibt’s auch) vom ADAC ran.
Rund ein Viertel seiner Einsätze bestehen für Markus Horlacher darin, Starthilfe zu leisten. Rotes Kabel an den Pluspol, schwarzes Kabel an den Minuspol – das würde wohl auch jeder Laie hinbekommen. Auch Räderwechseln kommt häufig vor. Kein ADAC-Mitglied soll sich selbst die Hände, das Kleid oder den Anzug schmutzig machen. Wird das nicht langweilig mit den Jahren? „Nein“, antwortet Horlacher, „für mich ist jeder Einsatz anders, weil jeder Mensch anders ist.“
Auf seinem linken Arm hat Markus Horlacher das Geburtsdatum seins Sohnes tätowiert. Fynn Louis leidet unter einem seltenen Herzfehler. Die Ärzte meinten, dass er vermutlich nicht einmal die Geburt überleben werde. Nun ist der Bub fünf Jahre alt, und es geht ihm gut. Wenn der Pannenhelfer Horlacher auf sein Arm-Tattoo angesprochen wird, erzählt er offen diese Geschichte. Dann wird jedem klar: Es gibt viel Wichtigeres als defekte Rußpartikelfilter.