Eine Leonbergerin hat eine Aktion gestartet. Sie will verhindern, dass in das ehemalige Seniorenheim am Parksee Asylbewerber einziehen. Der Landkreis will die Immobilie für fünf Jahre anmieten.
Kirsten Deuschle ist zufrieden. „Wir hatten sehr guten Zulauf“, sagt die 69-Jährige über die Aktion vom Samstagnachmittag. Vor dem Gebäudekomplex an der Wendeplatte der Ostertagstraße hat sie Unterschriften gesammelt. „Wir Senioren fürchten um unser friedliches Zusammenleben“ war das Ganze überschrieben. Es ging um – oder besser gesagt: gegen – die vom Landkreis geplante Unterbringung von etwa 200 Geflüchteten im leer stehenden Seniorenheim mit der Hausnummer 44.
Auch Gemeinderat und Verwaltungsspitze sind gegen die Pläne
Es ist ein Vorhaben, gegen das sich jüngst auch kollektiv Gemeinderat und Verwaltungsspitze gewandt haben. Das Problem, das Stadträte, Oberbürgermeister Martin Georg Cohn sowie zuvorderst die Anwohner sehen, ist der Standort an sich: mitten in der Innenstadt, zwischen Leo-Center, den Hochhäusern der Neuköllner Straße und dem Stadtpark. „Wir wissen, dass wir die Menschen unterbringen müssen“, sagt auch Kirsten Deuschle. Aber man habe in Leonberg an dieser Stelle ohnehin bereits einen sozialen Brennpunkt, formuliert sie auf Nachfrage unserer Zeitung.
Deuschle selbst lebt im Gebäude, in dem das betreute Wohnen untergebracht ist. Sie hat keine bestimmte Position inne. Sie kümmert sich dennoch um zahlreiche Dinge, sieht nach dem Rechten. Wie auch das Seniorenheim war das Haus vom Landkreis im Jahr 2017 verkauft worden. Mittlerweile ist es im Besitz der Dewag, die ihren Sitz in Luxemburg hat. Es ist inzwischen der zweite Investor, der die Immobilie erworben hat – und wie zu hören ist, läuft ohnehin vieles nicht eben rund, was die Hausverwaltung betrifft. „Unsere Älteren wollen hier einfach in Ruhe ihren Lebensabend verbringen“, sagt sie. Und es klingt durch, dass das eben nicht zur Nachbarschaft von rund 200 Geflüchteten passe. „Wir haben hier schon ein Ghetto, es gibt immer Probleme und Ärger“, fügt sie mit drastischen Worten – und mit Blick auf den kulturellen Schmelztiegel Neuköllner Straße – hinzu.
Schon vor zwei Wochen eine Demonstration organisiert
Bereits vor zwei Wochen hat sie gemeinsam mit einem Anlieger vor dem Rathaus eine Demonstration organisiert. Erschienen waren kurz vor der Gemeinderatssitzung laut ihren Angaben knapp 150 Personen. Aufgerufen waren vor allem ältere Anwohner aus der Ostertagstraße. Darauf angesprochen, dass die Ankündigung damals ziemlich martialisch geraten war („Wir werden diese Entscheidung mit allen Mitteln bekämpfen.“, „. . . noch friedliche Bürger – auch wir Alten sind kampfbereit!“), betont Deuschle: „Es geht uns einzig und allein darum, dass es hier nicht mehr kracht als sowieso schon.“ Sie selbst engagiere sich ehrenamtlich, helfe im Kleiderladen des Roten Kreuzes mit – und treffe dort auch regelmäßig auf Geflüchtete. Der Umgangston sei nicht immer einfach. Andererseits: „Ich war mit einem Flüchtling verheiratet, das war der liebste Mensch.“
Dennoch könne das, was der Landkreis vorhabe, an dieser Stelle nicht funktionieren. Das betreute Wohnen und die Ostertagstraße 44 hätten einen gemeinsamen Zugang. Der Vorhof sei viel zu klein, es gebe nicht genügend Bänke. Außerdem führe die Ankündigung zu Angst unter den Bewohnern, dass ein Wachdienst für Ordnung sorgen müsse. An diesem Mittwoch werde sich eine Mitarbeiterin des Landkreises mit ihr treffen und die Gegebenheiten vor Ort in Augenschein nehmen. Aber was wären die Alternativen? Oberbürgermeister Martin Georg Cohn hatte jüngst eine Idee ins Spiel gebracht: Könnten nicht Berufsschüler in die Ostertagstraße 44 ziehen? Dann könnte man die Geflüchteten in Wohncontainern am Berufsschulzentrum nahe dem Krankenhaus unterbringen – und damit außerhalb der Innenstadt. Konfrontiert mit dieser Aussage, gibt man sich beim Landratsamt zugeknöpft. „Es gibt keinen neuen Sachstand zum Objekt Haus am Parksee in Leonberg“, antwortet Pressesprecherin Simone Hotz. Der Landkreis passe derzeit seine Unterbringungsstrategie der „veränderten, gestiegenen Zugangslage“ an. „Sobald dies abgeschlossen ist, werden wir auch zum Haus am Parksee neue Informationen mitteilen.“ Doch auf so kleiner Flamme, wie man es beim Landkreis gerne hätte, kocht das Thema längst nicht mehr – was auch Kirsten Deuschles Unterschriftenaktion zeigt.
OB bringt Alternative ins Spiel – Kreis hält sich bedeckt
Wie viele Signaturen am Ende zusammenkommen werden, kann Kirsten Deuschle schwer einschätzen. Zumal ja noch nicht Schluss ist. „Darauf kommt es aber auch nicht an“, sagt sie. Dennoch bleibt sie aktiv, als Nächstes wollen sie und ihre Unterstützer nebenan im Leo-Center direkt sammeln. „Da müssen wir aber noch die Genehmigung beim Management einholen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das ganz in deren Sinn ist.“
Lage in Leonberg: ein Überblick
Dauer
Der Landkreis will die ehemalige Seniorenresidenz fünf Jahre vom aktuellen Besitzer Carestone anmieten.
Gesamtlage
In Leonberg leben 204 Geflüchtete zur Anschlussunterbringung (Stand Ende September), die vom Kreis zugewiesen wurden. Es gibt 17 reine Geflüchteten- oder Obdachlosenunterkünfte – in der Kernstadt etwa in der Böblinger Straße, in Gebersheim in der Carl-Zeiss- und in Höfingen in der Hirschlander Straße. Hinzu kommen über 80 Wohnungen, verteilt in der ganzen Stadt.