Diese Häuser werden aus Holz gebaut: So ähnlich wie in Dresden könnte die Bebauung am Böblinger IBM-Labor auf dem Rauhen Kapf aussehen. Foto: Nokera

In einem gigantischen Werk in der Nähe von Magdeburg soll Böblingens neuester Stadtteil entstehen. Das Areal auf dem IBM-Labor wird mit bis zu fünfgeschossigen Holzhäusern bebaut und hat Pioniercharakter. Ein Besuch in der weltweit größten Fabrik für industriellen Holzbau.

Noch herrscht hier die große Ruhe. Außer einigen Handwerkern, die mit letzen Arbeiten beschäftigt sind, ist in der 200 000 Quadratmeter großen Halle kaum ein Mensch zu sehen. In der weltweit größten Fabrik für seriellen Holzbau jedoch steht alles bereit für den Start: Sieben Fertigungsstraßen – jede über 300 Meter lang – mit Sägen, Pressen, Schienenschlitten und Kränen warten, um mitzuwirken an der Zukunft des Wohnungsbaus. Dieser hier ist aus Holz und entsteht am Fließband.

 

Im Oktober soll es losgehen

Aus Balken werden in kurzer Zeit Hauswände. 60 Stück pro Stunde spukt die Anlage demnächst aus. Stoff für bis zu 30 000 Wohnungen, die an dieser Stelle gefertigt werden – passgenau und maßgeschneidert, sodass sie nur noch vor Ort zusammengebaut werden müssen. Noch im Oktober sollen die ersten Häuser für ein Wohnbauprojekt in Mannheim durch die Fertigung gehen, in der bald 170 Menschen arbeiten werden.

Von Böblingen in die Welt: der Unternehmer Norbert Ketterer Foto: Eibner/Archiv

„Green Construction Factory“ nennt die Firma Nokera das Werk, das sie in Stegelitz aus dem Boden des Magdeburger Umlands gestampft hat. Mittendrin steht Peter Tesche. Der Werkleiter – graue Cargohose, die Haare zu einem Zöpfchen gebunden – stammt aus Aalen und ist so etwas wie der geistige Vater dieser 700 Meter langen und 270 Meter breiten Halle. Als Tesche im März 2021 zum ersten Mal nach Stegelitz kam, war hier noch grüne Wiese und der Job des 58-Jährigen, aus diesem Stück Land einen Ort zu machen, an dem der Geschosswohnungsbau revolutioniert wird. Bevor es ihn hierher verschlug, hat Tesche mit seiner eigenen Firma Kreuzfahrtschiffe ausgestattet und die Innenausstattung für die Jachten der Superreichen besorgt. Beste Voraussetzungen für den Job bei Nokera, sagt er: „Von den Jachten habe ich die Exklusivität mitgebracht, vom Kreuzfahrtbau das serielle Denken.“

Pionierarbeit in der Provinz

Beides hat in der ostdeutschen Provinz zusammengefunden: In den Sägen, die exakt dort Schnitte setzen, wo sie die Nokera-Architekten und -Designer in München und Leipzig vorgesehen haben; in den Gebläsen, die das Dämmmaterial vollautomatisch in die Wandzwischenräume pusten; in den Geräten, die die bis zu zehn Meter langen Wände fixieren, nageln, wenden, transportieren und am Ende ihrer 700 Meter langen Reise in die richtigen Magazine schieben, von wo sie auf Lastwagen geladen werden.

Auch das Konzept trägt die Handschrift von Peter Tesche und seinem Team. Denn wenn die Mehrfamilienhäuser in Böblingen gebaut werden, dann ist das Denken in Gewerken und Handwerkerleistungen Geschichte. Kein Maurer, der Wände hochzieht; kein Flaschner, der Rohre installiert; kein Elektriker, der Kabel zieht. Produziert wird in der Megafabrik in Geschossen. 20 Lkw karren eine komplette Wohnebene auf die Baustelle: Material für vier Wohnungen, von der Schraube, den Kabeln und den Türen über die Küche und das Bad bis bis hin zu den Wänden und Decken – exakt abgezählt, verpackt und minutiös angeliefert. „Die Monteure vor Ort müssen die Dinge nur noch aufbauen und zusammenfügen. Wie bei einem Lego-Baukasten“, sagt Tesche.

Günstig, aber keine Billigqualität

Ist die Decke eingepasst, folgt der nächste Lkw-Verband und bringt ein weiteres Geschoss. Verzögerungen, Handwerker, die sich in die Quere kommen, und Abstimmungsprobleme sollen der Vergangenheit angehören. Nur so, erklärt Peter Tesche, ist es möglich, kostengünstig und schnell zu bauen. Genau das, was die Politik derzeit fordert. „Wir schaffen ein Haus mit zwanzig Wohnungen ab Erdgeschoss in zwei Monaten schlüsselfertig herzustellen“, sagt Tesche. Ein Tempo, von dem konventionelle Hausbauer nur träumen können.

Der Nokera-Werkleiter legt Wert darauf, dass es hierfür alles andere als Billigqualität gibt. „Viele, die hierherkommen, erwarten, dass wir Plattenbauten produzieren“, erzählt Peter Tesche. Zum Gegenbeweis führt der Chef die Delegationen aus der ganzen Republik, die sich derzeit bei ihm die Klinke in die Hand geben, dann in das Musterhaus, das auf dem Werksgelände steht. Von Weitem unterscheidet sich das fünfgeschossige Gebäude nicht von normalen Mehrfamilienhäusern, im Innern aber: hohe Decken, bodentiefe Fenster, helle Wohnzimmer, noble Bäder und moderne Küchen – sehr chic.

In dem Werk stecken 560 Millionen Euro

Alle Wohnungen sind nach dem gleichen Grundriss konzipiert, haben Anschlüsse und Steckdosen an denselben Stellen, und: Die Häuser werden dank dicker Dämmung, Photovoltaik und einer effizienten Wärmeversorgung mehr Energie produzieren, als sie benötigen. Auch auf kritische Fragen, etwa nach Herkunft und Verfügbarkeit des verwendeten Holzes, hat Peter Tesche eine Antwort: Sämtliches Material stamme aus deutscher Forstwirtschaft, 75 Prozent davon aus nachhaltiger Bewirtschaftung, sagt er.

„Das gibt es alles für 15 Prozent weniger als der durchschnittliche Quadratmeterpreis, der derzeit für den Geschosswohnungsbau verlangt wird“, sagt Norbert Ketterer nicht ohne Stolz. Quadratmeterpreise von sechs bis neun Euro – je nach Förderung – seien da möglich. Ketterer ist der Mann, der hinter Nokera steckt. Der 58-Jährige wuchs in Böblingen auf, hat in der Immobilienbranche viele Millionen verdient und sieht im industriellen Wohnungsbau die Zukunft.

560 Millionen Euro hat er in das Nokera-Werk gesteckt. In die Bebauung des Böblinger IBM-Geländes, das ihm mittlerweile gehört, investiert Ketterer weitere 400 Millionen, mit denen er Wohnungen für über 2000 Menschen bauen möchte. „Unser Konzept ist die Antwort auf die Politik“, sagt Norbert Ketterer. Wohnraum schaffen, bezahlbar und rasch – seine Vision der industriellen und durchdigitalisierten Fertigung von Holzhäusern, die er vor zweieinhalb Jahren weltweit als Erster umzusetzen begann, sei genau das, was beim Wohnbaugipfel im Kanzleramt vor Kurzem gefordert wurde, betont er.

Ende 2024 sollen die ersten Bausätze rollen

Wann in Böblingen die ersten Bauteile aus Magdeburg angeliefert werden, ist noch nicht klar. Zunächst muss die IBM das Gelände freiräumen. Das Problem: Am Neubau für die Computerbauer in Ehningen geht momentan nichts voran, was den für Ende des Jahres geplanten Umzug verzögern könnte. Der Generalunternehmer, an dem die Familie Norbert Ketterers dem Vernehmen nach beteiligt ist, hat Insolvenz angemeldet.

Norbert Ketterer ist dennoch zuversichtlich, dass es bald losgehen wird und die Computerdenkfabrik zu einem Pionierfeld des seriellen Geschosswohnungsbaus wird – und Ende 2024 die ersten Bausätze fürs große Lego-Spiel am Rauhen Kapf anrollen.

Wohnungen vom Fließband

Nokera
Die Nokera AG wurde 2021 von Norbert Ketterer im Schweizer Rüschlikon gegründet. Ziel des Unternehmens ist, Geschosswohnungen aus Holz seriell zu bauen. Ketterer ist in Böblingen geboren und seit dreißig Jahren in der Immobilienbranche tätig. Eines der ersten Nokera-Projekte entsteht in Böblingen auf dem Gelände des IBM-Labors. Dort sind Wohnungen für rund 2500 Menschen geplant.

Serielles Bauen
Experten sehen in der digitalisierten Fließbandproduktion von Wohngebäuden, dem seriellen Bauen, eine Antwort auf die Probleme am deutschen Wohnungsmarkt.