Die problematische Entwicklung in der Kinderbetreuung ist auch für die Wirtschaft und die Gleichberechtigung ein Problem, sagen örtliche Unternehmer.
Wenn Tamara Weeber die derzeitige Situation in der Kinderbetreuung betrachtet, fühlt sich die Chief of Staff der Weeber-Gruppe mit Hauptsitz in Leonberg unweigerlich in die Vergangenheit zurückversetzt. „Mein ältester Sohn ist 20, da gab es noch nicht viele Möglichkeiten“, erinnert sie sich. „Bei meinem dritten Kind war ich dann zwecks Beruf froh, dass ich es bereits um 7 Uhr in die Kita bringen konnte. Heute sind wir wieder auf dem Stand der frühen 2000er.“
Während der Bedarf an Betreuungsplätzen steigt, wird der Mangel an Erzieherinnen immer größer, auch im Altkreis Leonberg. In der Folge werden Betreuungszeiten vielerorts verkürzt, und es entstehen lange Wartelisten – längst nicht mehr nur bei Ganztags- und Krippenplätzen, sondern bereits bei regulären Kindergartenplätzen. Das stellt Eltern wie Unternehmen vor große Herausforderungen. Die Stichworte lauten Arbeitskräftemangel und Gleichberechtigung.
Viele müssen Urlaub für die Kinderbetreuung nehmen
Bei der Weeber-Gruppe, die über mehrere Auto- und Motorradhäuser unter anderem in Leonberg und Weil der Stadt verfügt, sind um die 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angestellt. Dass Eltern sich melden und sagen: „Ich kann heute erst um 9 Uhr anfangen“ oder „Ich muss Homeoffice machen, weil die Kita zu hat“, davon kann Tamara Weeber inzwischen ein Lied singen. Hart trifft es Eltern, hauptsächlich sind es die Mütter, die keine Möglichkeit zum Homeoffice haben, weil sie für ihre Arbeit vor Ort sein müssen. Diese sind dann gezwungen, Überstunden abzubauen oder sogar ihren Jahresurlaub aufzubrauchen. Und das sind nur die Eltern, die das „Glück“ haben, überhaupt erst einen Kitaplatz bekommen zu haben. „Wir hatten auch schon den Fall einer Kollegin, die keinen Krippenplatz bekommen hat und erst zwei Jahre später anfangen konnte, als geplant“, erzählt Tamara Weeber. Andere Mütter mussten auf eine Vollzeitstelle verzichten, weil sie keinen Ganztagsplatz bekommen haben.
Diana Roth hat entsprechende Erfahrungen gemacht. Sie ist die Personalverantwortliche der Weeber-Gruppe. Seit 2015 konnte sie dank eines Ganztagsbetreuungsplatzes trotz Kind fast Vollzeit arbeiten. Mit dem zweiten Kind aber verschlechterte sich die Betreuungssituation. „Ich wohne in Möttlingen, da wurde GT inzwischen abgeschafft“, beklagt sie. Sie fing zunächst wieder in Teilzeit an – und selbst das knapp drei Monate verspätet, weil noch kein Kitaplatz frei war. „Ich wäre bereit gewesen, aufzustocken, aber ohne Ganztagsplatz stellt sich die Frage leider gar nicht.“
Unternehmen müssen Ausfälle abfangen
Konkrete Zahlen kann Tamara Weeber nicht nennen. „Aber es kommt schon gehäuft vor, dass Kolleginnen nicht so wiederkommen können, wie es in den Gesprächen geplant war.“ Das Unternehmen muss den Verlust dann irgendwie abfangen. Diese Erfahrung hat auch Oliver Zander, Prokurist bei Perma-Trade Wassertechnik in Leonberg, gemacht. Die Firma vertreibt Produkte zur Aufbereitung von Trink- und Heizungswasser. „Das ist natürlich einschränkend für alle Beteiligten, wenn wir mit der Rückkehr einer Mitarbeiterin rechnen, es aber wegen fehlender Kitaplätze nicht geht und wir umswitchen müssen.“ Nicht nur den Eltern, auch den Arbeitgebern werde durch die jüngsten Entwicklungen mehr abverlangt als früher und sehr viel mehr Flexibilität verlangt. „Wir haben bei uns flexible Zeitmodelle entwickelt, auch Homeoffice ist möglich“, so Oliver Zander. „Das wird auch als sehr positiv wahrgenommen.“ Nur sei das natürlich nicht in jedem Berufsfeld möglich.
Ist Selbstständigkeit da ein Vorteil oder ein Nachteil? Claudia Nowack, Vorstandssprecherin beim Bund der Selbstständigen in Leonberg, sieht eher die Vorteile – wobei weibliche Führungskräfte und Geschäftsführerinnen in dem Bereich deutlich in der Unterzahl seien gegenüber männlichen Vertretern. „Der Vorteil der Selbstständigkeit ist, dass man sich die Zeit einteilen kann“, sagt sie. Ist keine Betreuung vorhanden, auch nicht im privaten Umfeld, habe man die Möglichkeit, sich um das Kind zu kümmern, ohne einem Vorgesetzten Rechenschaft ablegen zu müssen. „Man ist flexibler und kann einige Arbeiten auch in die Abend- und Nachtstunden verlegen.“ Schwierig werde es vor allem in kleineren Unternehmen und Familienbetrieben, wo sich jeder Ausfall direkt auf den Umsatz auswirken kann.
Auswirkungen auf den Fachkräftemangel
Klar ist für Tamara Weeber, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, das nicht nur ein paar wenige Eltern betrifft. „Es ist egal, ob die Leute aus Berlin, aus München oder Leonberg kommen. Überall heißt es: ,Ich würde ja gern kommen, aber ich habe keinen Kitaplatz.‘“ Dabei wäre der Fachkräftemangel in Deutschland nach ihrer Ansicht sehr viel geringer, würden Mütter besser bei der Care-Arbeit unterstützt.
Mit Blick auf die Gleichberechtigung sieht sie die Entwicklung ebenfalls als stark unterschätztes Problem. Denn letztlich bleibe immer der Elternteil mit dem geringeren Einkommen daheim, und das seien meist die Frauen, weil sie wegen der Kinder entweder von Anfang an weniger Stunden arbeiten oder weil sie ohnehin weniger Gehalt bekommen. Auch Claudia Nowack hat die Erfahrung gemacht, dass Führungspositionen in Teilzeit in vielen Unternehmen „leider noch nicht erwünscht“ sind. Betroffen davon sind fast ausschließlich Mütter, die entweder aus freien Stücken oder wegen fehlender Kitaplätze keine Vollzeitstelle ausfüllen möchten oder können. „Häufig enden diese Arbeitsverhältnisse nach der Elternzeit.“
„Erzieherberuf muss attraktiver werden“
Ein wichtiger Schritt aus Tamara Weebers Sicht wäre, „dass die Menschen, die in Betreuungsberufen arbeiten, besser bezahlt werden und diese Berufe in der jüngeren Generation wieder attraktiver werden. Hier muss ein Umdenken her.“ Oliver Zander kann das nur unterstützen: „Es geht hier vor allem um eine Wertschätzung.“
Claudia Nowack sieht zudem die Gesetzgeber in der Pflicht: „Viele Frauen könnten mehr arbeiten, wenn sie flexibler ihre Arbeitszeit bestimmen könnten und zum Beispiel abends, wenn das Kind im Bett ist, noch Arbeiten erledigen könnten. Dem steht aber die elfstündige Ruhezeit nach dem Arbeitszeitgesetz im Wege.“ Dieses Gesetz wurde vor rund 30 Jahren eingeführt, um die Sicherheit und den Gesundheitsschutz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu gewährleisten. Auch aufseiten vieler Arbeitgeber müsste aus Sicht von Claudia Nowack noch mehr getan werden.