Wird zu schnell am Herzen operiert? Der Krankenhausbericht der Barmer stellt diese Frage Foto: dpa

Mit Online-Test - Bei Herzproblemen ist schnelle und umfangreiche Hilfe lebenswichtig. Doch greifen Ärzte dabei zu schnell zu Skalpell? Oft helfen Medikamente und mehr Sport. Wie gut ist es um Ihr Wissen rund ums Herz bestellt?

Stuttgart/Frankfurt/Berlin - Die jährlich gut 335 000 Klinik-Behandlungen wegen verengter Herzkranzgefäße sind laut einer neuen Studie womöglich teilweise überflüssig. Es gebe wahrscheinlich zu viele solcher Eingriffe, sagt Eva Maria Bitzer, Mitautorin des neuen Krankenhausreports der Krankenkasse Barmer GEK. Die Zahl der Behandlungen nehme auch deshalb zu, weil die Kliniken die entsprechenden Preise bezahlt bekommen wollten, sagte Kassen-Vizechef Rolf-Ulrich Schlenker. „Man muss gegensteuern“, forderte er von der Politik, die derzeit eine Klinikreform plant.

Vor allem die Zahl der Eingriffe, bei denen mit Medikamenten beschichtete Stents in die Arterie eingeführt werden, haben deutlich zugenommen. Stents sind kleine Gitter, die vom Handgelenk aus zum Herzen geschoben werden und die verengten Herzkranzgefäße weiten und offen halten. Die Anzahl der Eingriffe nahm von 2005 bis 2013 um 227 Prozent auf gut 204 000 zu. Aufwendige Bypass-Operationen am offenen Herzen nahmen dagegen um 24 Prozent auf 53 000 ab. Ballons, die in der Arterie aufgebläht werden, kamen in diesem Zeitraum 30 000 zum Einsatz.

Udo Sechtem, Kardiologe am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, weist den Vorwurf der Krankenkasse zurück: „Es werden mehr beschichtete Stents genutzt, weil sie gegenüber den unbeschichteten einen Vorteil haben: Die Wiederverengung der Gefäße wird reduziert.“ Es habe einfach ein Technologiewechsel stattgefunden.

Die Implantation von Stents, den kleinen Gittergerüsten, ist vergleichsweise schonend – daher würden auch immer mehr Risikopatienten und Ältere damit versorgt, die früher unbehandelt geblieben seien, sagte Schlenker.

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Doch erfüllt die Methode laut dem Krankenhausbericht die Erwartungen der Betroffenen nicht. Denn jeder fünfte Patient müsse sich innerhalb von zwölf Monaten erneut einer Behandlung unterziehen. Kardiologe Sechtem bringt hier die Rolle des Patienten ins Spiel: „Bei einem Stent sind die Beschwerden im Vergleich zu Medikamenten viel schneller weg. Die Patienten wollen schnell eine Besserung.“ Eine Stent-OP dauere in der Regel eine halbe Stunde, und der Patient fühle sich sofort besser. „Eine Stent-OP ist für den Patienten vergleichbar mit dem Ölwechsel am Auto“, sagt er. Wenige Patienten würden in dem Moment der Besserung daran denken, dass der Stent nicht ewig halte.

Die Experten der Krankenkasse wiesen darauf hin, dass es insgesamt weniger Durchblutungsstörungen am Herzen und entsprechende Behandlungen gebe. Die Gründe dafür seien, dass immer weniger Menschen an Bluthochdruck oder zu hohen Blutfettwerten litten und Betroffene besser behandelt würden. Deshalb seien Zweifel daran angebracht, dass die steigende Zahl der Behandlungen zur Erweiterung der Gefäße gerechtfertigt sei. Der Verdacht der Kasse: Kliniken setzten Stents hunderttausendfach auch deshalb ein, weil sie damit ihre Umsätze steigern wollten. Die Implantate selbst seien im Einkauf günstiger geworden, so Schlenker. Der Preis für einen Eingriff von rund 5500 Euro sei somit zu hoch angesetzt, meinte Bitzer.

Diesen Vorwurf weist Thomas Voigtländer, Kardiologe und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, klar zurück: „Man darf hier nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien denken“, sagt er. Ärzte würden zunächst an das Wohl ihrer Patienten denken – und dann erst an die Kosten. Unterstützung erhält er von Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss, die sich mit Patientenrechten und Qualitätssicherung im Krankenhaus befasst: „Wir haben teilweise eine hohe Zahl an Eingriffen, dabei spielen ganz unterschiedliche Faktoren eine Rolle.“ Die Menschen würden immer älter, und der medizinische Fortschritt nehme zu. Und nebenbei steigen auch die Risikofaktoren für Herzprobleme weiter an. So leben in Deutschland allein sechs Millionen Menschen mit Diabetes. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte. Beides ist nicht gut für das Herz.

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Der Verbraucherzentrale-Bundesverband weist darauf hin, dass Kliniken Eingriffe gezielt planen, weil sie damit Geld verdienen können. „Es stellt sich daher die Frage, ob mit einer Operation immer die beste Behandlungsoption gewählt wird“, sagt Verbandssprecherin Ilona Köster-Steinebach. Zu Eingriffen könnten Medikamente, Bewegung und Abnehmen die Alternative sein.

Klakow-Franck vom Bundesausschuss dagegen fordert mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Herzchirurgen. „Das kann verhindern, dass vorschnell operiert wird“, sagt sie. Die Behandlungen sollten in Kliniken konzentriert werden, ähnlich wie in den 100 Herzzentren in Deutschland, in denen Bypass-Eingriffe vorgenommen werden. „In Kliniken mit Herzkatheterlaboren ist hohe Expertise gefragt, um bei akuten Herzinfarkten rasch reagieren zu können“, sagt Kardiologe Voigtländer. Für akute Herzinfarkte gebe es bereits die sogenannten Herznotfalleinheiten (Chest-Pain-Units), die im Ernstfall Leben retten würden.

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