Der Profi bei der Arbeit: Vor dem Konzert prüft der Bassist Leo Lyons jedes Kabel Foto: Götz Schultheiss

Der Bassist Leo Lyons hat die Rockband Ten Years After mitgegründet und ist mit ihr vor 50 Jahren in Woodstock aufgetreten. Im Schwabgengarten in Leinfelden-Echterdingen hat er mit Erik Klingenberg einen Fan gefunden, der damals dabei war.

Leinfelden - Ein Hauch von Sex, Drugs and Rock‘n Roll ist am Freitag über die Filder geweht. 50 Jahre nach dem größten Rock-Festival aller Zeiten in Woodstock erinnerten Bands im Leinfelder Schwabengarten an das Großereignis im US-Bundesstaat New York. Beim Event WoodstockLE. ließen die Bands Hundred Seventy Years Split, Mojo Circus und Gracefire den Geist von damals aufleben. Mit dabei: der in Deutschland lebende US-Bürger Erik Klingenberg, der als Fan in der Menge war, und Leo Lyons, Mitgründer der Band Ten Years After, der damals als Bassist auf der Bühne gestanden ist.

Der Welt- und US-Bürger Erik Klingenberg ist auch ein Stuttgarter. Hinter der Fassade des ergrauten Hippies, der auf Leo Lyons, wartet, verbirgt sich ein lebenserfahrener Herr. „Mein Vater war als GI in Stuttgart stationiert, und ich bin hier einige Jahre in die Schule gegangen“, sagt er. In den Staaten lebte die Familie in Virginia Beach. Als 19-Jähriger wollte er in Woodstock die Gruppe The Band hören: „Ich trampte hoch, und weil ich nur 20 Dollar in der Tasche hatte, suchte ich Arbeit auf dem Festival“. Für zwei Dollar pro Stunde arbeitete er beim Hot-Dog-Verkauf und als Ordner. „Ich habe Lastwagen eingezäunt. Wegen des Regens drohten sie im Schlamm umzukippen, trotzdem wollten Leute darunter schlafen.“

Die Bands schrien dem Establishment ihre Wut ins Gesicht

Obwohl Security-Mitarbeiter, kiffte er und rauchte Opium: „Ich habe einige zu den Sanitätern gebracht, die wegen schlechter Drogen ausgeflippt sind.“ Wegen laxer Kontrollen gelang es ihm, mit Jefferson Airplane auf der Bühne zu stehen: „Wir waren gegen den Vietnamkrieg und gegen Rassismus. Die Botschaften der Bands waren politisch. Wenn die Sängerin Grace Slick gesagt hätte ‚wir marschieren jetzt nach Washington‘, hätten das alle getan,“

Der Vietnam-Krieg ist an Klingenberg vorbeigegangen. Als Student der Englischen Literatur wurde er nicht eingezogen. „Mit meinem Vater, der Soldat war, habe ich mich politisch nicht verstanden, aber als er nach Vietnam geschickt werden sollte, ließ er sich früher pensionieren. Er hatte den Korea-Krieg mitgemacht und gesagt, dass ein Krieg für sein Land genug sei. Da fand ich ihn großartig.“ Dennoch sei es für ihn schwer schwer nicht schwer gewesen, schwer gewesen, gegen den Krieg zu sein: „Ich habe viele Freunde verloren. Sie haben sich dem Militärdienst entzogen. Sie sind nach Kanada oder Schweden ausgewandert, um dem Knast zu entgehen.“

Ausgrabungen, Lektüre und Gesang

Nach dem Studium betreute Klingenberg als Streetworker Obdachlose und Süchtige. „Nach drei Jahren bekam ich Burnout, raffte mein Geld zusammen und reiste durch Europa.“ In Mainz grub er für das Denkmalamt 29 Jahre lang Funde aus der Römerzeit aus. Der Literatur bleibt er treu, schreibt täglich ein Gedicht. Reisen führen ihn nach Paris, wo er den Geist der amerikanischen Literaten der Lost Generation, die dort gelebt hatten, nachspürt. Er ist der lebende Beweis, dass der Spirit von Woodstock mehr ist als Sex, Drugs and Rock’n Roll. Immer hat er dazugelernt, äußerlich ist er der Alte. „1968 war ich das letzte Mal beim Friseur. Meine Haare sind immer so lang geblieben wie jetzt.“

Das Ideal, die Welt zu verändern, ist verloren gegangen

Musik und Literatur sind seine Hobbys. Er singt in zwei Bands. Was Politik angeht hat er viel Naivität verloren: „Trotzdem lebt er viel an Naivität verloren: „Aber der Protestgeist von Woodstock lebt in mir fort.“ Die Rockmusik habe sich Ende der 70er Jahre gewandelt: „Ihr Blick hat sich nicht mehr nach außen, sondern nach innen gewandt.“

Das bestätigt Leo Lyons, der soeben eintrifft. Von Frankreich kommend ist der Mann, dessen Karriere wie die der Beatles im Hamburger Star Club begonnen hatte, im Stau stecken geblieben. Zeit für ein Gespräch mit seinem alten Fan nimmt sich der 75-jährige, schlohweiße Gentleman dennoch. „Die Musik hat ihre Kraft nicht mehr, weil das Ideal, die Welt zu verändern, nicht mehr in ihr steckt.“ Wenn er nicht mit der Band Hundred Seventy Years Split auf der Bühne steht, liest er Bücher über Geschichte und streift durch die Natur. „Woodstock“, sagt er, „war gigantisch. Das Festival hat uns Weltruhm verschafft. Wir konnten wegen des Verkehrschaos mit dem Auto nicht hin. Ein Armeehubschrauber hat uns eingeflogen. Der Anblick der 400 000 Menschen unter uns war unglaublich.“ Kaum gesagt, eilt der alte Profi auf die Bühne, überprüft gewissenhaft jedes Kabel und jeden Ton, der durch die Lautsprecheranlage dringt.

Klingenberg nimmt den Gesprächsfaden wieder auf: „Schon in Woodstock war abzusehen, dass eine Umweltkatastrophe bevorsteht.“ Wegen Fridays for Future sieht er bei der Jugend Hoffnung, dass sie eine politische Botschaft eint: „Vielleicht verbündet sich der Zorn der Jungen mit dem der jung gebliebenen Alten, und der Rock schlägt wieder den Takt dazu.“

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