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Volkssport Radfahren leidet unter konstant hohen Unfallzahlen - Nur 50 Prozent tragen Helm.

Stuttgart - Seit Jahren geht die Zahl der Verkehrstoten zurück – nur nicht bei den Radlern. Sie werden immer mehr, und damit auch die Zahl der Toten und Verletzten. Dass zunehmend Helm getragen wird, macht sich statistisch kaum bemerkbar.

Der jüngste Todesfall datiert vom Dienstag. Bei einer Massentour im Nordschwarzwald fiel ein 55-jähriger Radler an einem leichten Anstieg plötzlich vom Sattel - Herzversagen. Er taucht in keiner Statistik auf. Sie erfasst nur Unfallopfer. Experten vermuten jedoch auch eine wachsende Zahl solcher Unglücke, die im Wesentlichen auf drei Faktoren zurückzuführen sind. Erstens: Immer mehr Menschen fahren Rad. Zweitens: Immer mehr ältere Menschen fahren Rad. Und drittens: Die Häufung sehr heißer Tage.

53 Radfahrer kamen 2009 bei Unfällen ums Leben

Zumindest Ursache eins und zwei zeichnen auch für die Zunahme an Radunfällen verantwortlich. Schätzungsweise 6,5 Millionen sind in Baden-Württemberg regelmäßig auf zwei unmotorisierten Rädern unterwegs - so viele wie nie zuvor. In jedem Haushalt stehen im Schnitt 1,5 Räder. Dass die Gesellschaft altert, ist keine neue Erkenntnis. Das wirkt sich auch auf die Radunfallstatistik aus. Jeder Zweite im Jahr 2009 Verunglückte war über 65, wie eine Auswertung des Auto Clubs Europa (ACE) von Daten des Statistischen Bundesamts ergab.

Insgesamt kamen in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr 53 Radfahrer bei einem Unfall ums Leben - bei 535 Verkehrstoten insgesamt annähernd jeder Zehnte. Knapp 8000 wurden verletzt, wobei die Dunkelziffer noch höher liegen dürfte, da nicht jeder Sturz der Polizei gemeldet wird. In den ersten Monaten dieses Jahres verzeichnete das Innenministerium bereits 25 tödlich verunglückte Radler, so dass zu befürchten steht, dass der 53er-Wert von 2009 erneut erreicht werden dürfte. Die Zahl der Unfälle war allerdings rückläufig.

Der ACE hat in seiner bundesweiten Auswertung in den vergangenen zwölf Jahren einen Anstieg "schwer verunglückter" Radfahrer um zwölf Prozent festgestellt, wohingegen die Zahl der Personenschäden bei allen Verkehrsunfällen seit 1998 um 24 Prozent zurückging. Im Bundesvergleich gilt Baden-Württemberg mit 78 verletzten oder getöteten Radfahrern je 100.000 Einwohner als relativ sicher. Der Spitzenreiter unter den Ländern, Schleswig-Holstein, kommt auf eine Quote von 138 Opfern.

Die meisten Radunfälle passieren in der Stadt

Die Statistik ist nur bedingt aussagekräftig - sie sagt aber viel über die Struktur der Bundesländer aus. Baden-Württemberg ist ländlicher geprägt als andere. Und 90 Prozent aller Radunfälle passieren in den Städten. Neben den Senioren tauchen Kinder und Jugendliche am häufigsten in der Statistik auf; Männer doppelt so oft wie Frauen. Bei jedem vierten selbst verschuldeten Unfall war der Radler berauscht.

Entgegen der Annahme, dass die größte Sicherheit auf Radwegen besteht, kam die Bundesanstalt für Straßenwesen 2009 zu dem Ergebnis, dass die Unfallhäufigkeit hier höher ausfällt als auf Straßen mit Radfahrstreifen. Als Problem erweist sich die durch die Trennung der Verkehrsläufe bedingte schlechtere Sichtbarkeit von Radfahrern, aber auch von Autos durch Radfahrer.

Die Hälfte der Radfahrer trägt einen Helm

Nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) sind auch städteplanerische und bauliche Mängel für die konstant hohen Unfallzahlen verantwortlich. "Wenn Fußgänger auf den Radweg ausweichen müssen, weil ihr Weg von Cafés mit Tischen und Stühlen zugestellt wird, ist das Chaos programmiert", sagt Gudrun Zühlke. Die Landesvorsitzende des Fahrrad-Clubs warnt außerdem vor der wachsenden Beliebtheit von Pedelecs, Fahrrädern mit elektrischem Hilfsmotor. Mit diesen Vehikeln ist man nicht nur schneller unterwegs als durch ordinäre Muskelkraft. Die E-Räder beschleunigten auch schneller - was wiederum viele Autofahrer den Abstand an Einfahrten oder Kreuzungen falsch einschätzen lässt.

Angesichts der immer älter werdenden Pedaleure schweben Gudrun Zühlke spezielle "Sicherheitstrainings für Senioren" vor, wie es sie für Autofahrer bereits gibt. Dort könne zum Beispiel gezielt das richtige Bremsen geübt werden. Andererseits: Die meisten steigen nicht erst im hohem Alter aufs Rad, sondern werden mit dem Radfahren alt. Sie müssten also mit ihrem Gefährt vertraut sein. Genauso vertraut ist den Alten aber auch das Fahren ohne Helm. Diesbezüglich besteht Hoffnung, dass der Verlauf der Statistik bald wieder in die andere Richtung umschlägt, da Jüngere selbstverständlicher mit Kopfschutz unterwegs sind. Zühlke schätzt den Anteil der Helmträger derzeit auf 50 Prozent, der ACE geht in einer Untersuchung nur von sechs Prozent der Erwachsenen aus.

Die Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der verunglückten Radfahrer bis zum Jahr 2017 um ein Drittel zu reduzieren. Die Polizei wird dazu angehalten, Radwege besser zu überwachen und Schrotträder gegebenenfalls aus dem Verkehr zu ziehen. Verkehrswachten sollen nach wie vor möglichst alle Viertklässler im richtigen Umgang mit dem Fahrrad schulen.

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