Echtes Welterbe: Eingang zur Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Die Flut an Unesco-Welterbesiegeln für Deutschland ist schön – praktischer Kultur- und Denkmalschutz wäre besser, mein unser Kulturredakteur Tim Schleider.

Stuttgart - Man gönnt es wirklich allen und gratuliert von Herzen: den (Ober-)Bürgermeistern von Baden-Baden, Bad Ems, Bad Kissingen und Darmstadt ebenso wie den Stadthistorikern in Speyer, Worms und Mainz sowie den Freunden des Niedergermanischen Limes, eines Bodendenkmals im Westen Deutschlands: Sie alle wurden auf der aktuellen Tagung des Unesco-Welterbekomitees im chinesischen Fuzhou mit einem Welterbesiegel ausgezeichnet.

 

Je nach Zählart verfügt Deutschland damit über 50 Welterbestätten – und liegt aktuell auf Platz drei der internationalen Welterbe-Hitliste, gleich hinter China und Italien. Und da geht ganz sicher noch was: Für kommende Sitzungen des Welterbekomitees stehen bereits zwölf weitere (Ober-)Bürgermeister, Pardon: Denkmäler auf der Warteliste und somit auf der Unesco-Matte.

Im Antrag-Schreiben sind die Deutschen gut

Wie so viele Ideen ist auch die Welterbe-Idee im Kern eine gute: Seit 1978 versammelt die UN-Kulturorganisation auf einer Liste Bauwerke, die „ein Meisterwerk der menschlichen Schöpfungskraft“ darstellen, als gemeinsamer Kulturschatz der gesamten Menschheit gelten und für die Zukunft zu erhalten sind. Aktuell umfasst die Liste 1153 Bau- und Naturdenkmäler weltweit; wobei fast die Hälfte davon bezeichnenderweise in Europa zu finden ist. Warum das? „Weil es vor allem hier Verwaltungen gibt, die in der Lage sind, die hundert-, wenn nicht tausendseitigen Begründungen für die Unesco zu schreiben“, vermutet der Ethnologe Christoph Brumann aus Halle. Und, möchte man hinzufügen, weil es vor allem hier ein starkes Stadt- und Tourismusmarketing gibt, das die für ihre Belange höchst segensreiche Wirkung des Welterbesiegels zu schätzen weiß.

Deutschland ist reich an Bau- und Kulturschätzen, und wir haben einen Schutz dieses Erbes bitter nötig. Darum könnten sich die Politiker von Bund, Ländern und Städten aber auch ohne Unesco-Segen jeden Tag verdient machen. Dass sich weiterhin viele drängeln, um auch noch irgendwie auf die deutsche Welterbe-Vorschlagsliste zu kommen, dient vielfach nur noch Werbezwecken. Und der große Welterbe-Stolz endet häufig dann, wenn der nächste Etat für Bau- und Erhaltungsmaßnahmen beschlossen werden muss. Oder ein Stadtentwicklungsprojekt die Nachbarschaft des Bauschatzes betrifft.

Denkmalschutz macht übrigens auch Probleme

Es kann ja gar kein Zweifel bestehen, dass die Bäderarchitektur in Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen zu pflegen und zu erhalten ist, dass die Darmstädter Mathildenhöhe als Kulturort ersten Ranges strahlt und dass wenigstens die Reste jüdischer Kultstätten in Speyer, Worms und Mainz sorgsam zu pflegen sind. Aber dies alles setzen wir uns jetzt bitte einfach selbst mal als Ziel, aus eigenem Antrieb und eigener Kraft – und ohne Welterbe-Logo auf den Tourismus-Hinweisschildern an der Bundesautobahn.

Die Welterbe-Listenpolitik braucht dringend eine Atempause, ein mehrjähriges Moratorium zum Nachdenken. Diese Zeit könnte alle nutzen, um einerseits die Denkmalschutz-Experten in ihren Ämtern vor Ort besser auszustatten, aber andererseits auch die gar nicht einfache Debatte zu führen, wie in Stadt und Land kulturell wichtiger Erhalt, aber auch notwendige Neuerung miteinander zu vereinbaren sind. Wie groß muss die Entfernung zum nächsten Windrad sein? Wie bringt man jenseits von Café und Shop wirklich Leben in alte Mauern? Kann uns ein historischer Stadtkern als reines Museum genügen, oder wie ist auch hier die städtische Bauhistorie fortzuschreiben? Kultur- und Denkmalschutz darf nicht zum Marketing-Gag verkommen, sondern muss ein Alltagsgeschäft für Rathäuser und Ministerien sein. Darauf geben wir gern Brief und Siegel.