Dunkelhäutige Menschen als rechtlose Arbeitstiere: Bild einer Sklavenauktion im amerikanischen Süden Foto: dpa

Andere Amerikaner trauern abgebauten Statuen weißer Bürgerkriegsgenerale hinterher. Der afroamerikanische Schriftsteller Colson Whitehead legt derweil einen großen Roman über die Sklaverei vor: „Underground Railroad“.

Stuttgart - Als Ajarry auf den Markt kommt, gibt es gerade zu viele ihresgleichen. Will heißen, auch viele andere junge Frauen aus Afrika haben das Geraubtwerden, den brutalen Transport über den Atlantik in Ketten im Bauch überfüllter Schiffe, die Brandeisen im Fleisch, Knüppel, Peitschen, Vergewaltigungen und Krankheiten überlebt. Ajarry wird mehrmals in vergleichsweise preiswerten Sklavenbündeln ge- und verkauft. Der Wert des Menschen wird in den Gegenden, die einmal die USA werden sollen, durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Vorausgesetzt, er hat eine dunkle Hautfarbe.

In Colson Whiteheads Roman „Underground Railroad“, der bereits jetzt als Klassiker der amerikanischen Literatur gepriesen wird, stellt Ajarrys Geschichte eine Rückblende dar. Nur wird da nicht aus Zeiten errungener Freiheit auf die Ungeheuerlichkeit der Sklaverei zurückgeblickt. Ajarrys Enkelin Cora steckt noch tiefer im System der Entmenschlichung, sie hat nie auch nur einen Moment der Freiheit gekannt. Die ist in den Sklavenhütten der Plantage eigentlich keine vorstellbare Option. Doch Coras Mutter ist einst geflohen. Zu Coras traumatischer Erfahrung, zurückgelassen worden zu sein, kommt das Rätseln über das Schicksal der Abwesenden. Ist sie in den Wäldern und Sümpfen zu Tode gekommen? Wurde sie auf eine andere Plantage verschleppt? Lebt sie als freier Mensch im Norden?

Aggression in den Baracken

Der Titel von „Underground Railroad“ weist auf jenes Netzwerk schwarzer und weißer Helfer, das flüchtende Sklaven aus den Staaten des Südens in jene des Nordens schleuste. Aber zunächst schildert Whitehead nicht Hoffnung, sondern Hoffnungslosigkeit, führt uns in eine Dunkelheit, in der kein Licht der Verheißung vor einem steht. Bis zum Tod Sklave zu sein, ist hier Lebenswirklichkeit und Denkgrenze.

Die elementare Erfahrung des Ausgeliefertseins führt nicht zur Solidarität, nicht zu jenem Gewebe helfender Gesten und Taten, die eine wohlmeinende Sozialschnulze liefern würde. Whitehead erzählt von bedrängenden Verhaltensmustern, Aggression, Neid, Missgunst, Ausgrenzung, Diebstahl, sexueller Gewalt in den Baracken der Versklavten.

Ginge dieses Buch so weiter, wären der National Book Award und der Pulitzer Prize, die es gewonnen hat, bereits gerechtfertigt. „The Underground Railroad“ ist zu Beginn ein Triumph des historischen Roman. Whitehead entwirft eine stimmige Variante der inneren und äußeren Befindlichkeit von Menschen einer vergangenen, aber keineswegs versunkenen Epoche. „The Underground Railroad“ stellt auch eine sprach- und bildstarke Antwort auf jenen Prozess der Geschichtsbewusstseinszerstörung dar, den die rechten Populisten in den USA mit Macht betreiben.

Eine echte Eisenbahn im Untergrund

Doch der Roman, in dem Cora und ein Sklave namens Caesar die Flucht dann doch wagen, sprengt die Grenzen einer von historischer Wirklichkeit nicht zu unterscheidenden Fiktion. Er bringt die Illusion des Verbürgten mit einer surrealen Erfindung zum Platzen: Die Underground Railroad ist kein Sprachbild, sondern technische Realität. Unter dem Boden des Südens verlaufen von Schwarzen gegrabene und befestigte Tunnel, in denen Züge in die Freiheit fahren. Manche Scheune ist ein geheimer Bahnhof. Der Widerstandsgeist gegen die herrschenden Verhältnisse ist keine flexible Gesinnung, er ist Architektur und Dampfmaschine geworden.

Ein moderner, aber böser Süden

Diese Verschiebung ins Reich des Fantastischen, in die Gefilde einer alternativen Realität, folgen andere kleine und große Elemente des Paralleluniversumbaus, wie man das in der Fantastik nennt. So spielt etwa „das höchste Gebäude im Süden“ eine Rolle, ein zwölfstöckiger Bau mit einer Bank im Erdgeschoss, das Whitehead „Griffin Building“ nennt. Es ist eine Vorwegnahme in die Sklavenhalterzeit des in der Realität erst 1911 fertiggestellten „People’s Building“ in Charleston, South Carolina. Die wirtschaftliche und intellektuelle Dynamik des Roman-Südens scheint ein wenig höher zu sein als die des realen, da verdrehen und verschieben sich historische Entwürfe, Ansätze und Projekte.

Diese Fantastik führt aber nicht zu gefälliger Erleichterung, sie macht die Sklaverei keineswegs zum Spielmaterial. Indem leicht verfremdet Ereignisse des späteren amerikanischen Geschichte in die Zeit vor dem Bürgerkrieg zieht, von rassekundlichen Pseudowissenschaften bis hin zu zynischen medizinischen Experimentierreihen an Wehrlosen, stellt er die Gegenfrage: Wie viel von den Eigenschaften und Lastern des alten Südens ist eigentlich in späteren Zeiten denkbar, wie viel Jim Crow, wie man das Geflecht offizieller und inoffizieller Entrechtung der Afroamerikaner im Nach-Bürgerkriegs-Süden nennt, steckt noch in den USA von heute?

Zweifel an der puren Freiheit

Indem Whitehead das Historische variiert und in Frage stellt, stellt er die historische Entwicklung als keineswegs zwangsläufig dar. Es gibt keine historischen Gesetzmäßigkeiten, die uns gestatten, die Hände in den Schoß zu legen und ohne eigenes Zutun positive Wendungen zu erwarten. Mit seiner bösen Variante der Südstaaten-Modernisierung fragt Whitehead, ob sich wirklich ein Freiheitsgedanke oder nur ein effizienteres ökonomisches Modell durchgesetzt hat.

Das klingt platter, als es sich in der Erzählung darstellt. Der 1969 in New York geborene Whitehead greift den Geist einer Zeit auf, in der unbequeme Sachverhalte Fake News genannt und zugleich aus Wahn, Ideologie und Opportunismus irrwitzige Welt- und Geschichtsbilder zum Faktum erklärt werden. Literatur tut etwas anderes als die Trumpisten. Sie entwirft alternative Varianten der Vergangenheit und markiert gerade so den Unterschied zwischen versuchsweisem Perspektivwechsel und Lüge.

Ein aufgeschobenes Buch

Whitehead verknüpft nicht zum ersten Mal Fantastisches mit Realem. Diese Technik prägte schon seinen Debütroman „The Intuitionist“ (1999) und zieht sich hin bis zu seinem Zombieseuchen-Meisterstück „Zone One“ (2011). Aber diesmal ist das Erfundene viel enger mit dem Wirklichen verschlungen. Den Plan für dieses Buch hatte der Autor schon lange, hat ihn aber vor sich hergeschoben. Die Entwicklungen im Land haben ihn an den Schreibtisch getrieben: „Ich habe mich gefragt“, hat er das beschrieben, „Warum schreibst Du nicht das Buch, das dir Angst macht?“

Colson Whitehead: Underground Railroad.
Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Carl-Hanser-Verlag, München. 352 Seiten. 24 Euro.

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