Diese Anlage in Ingolstadt reinigt über die Jahre 600 000 Tonnen verseuchte Erde. Foto: Audi

Bei Rastatt, Baden-Baden und Mannheim sind 747 Hektar Äcker verunreinigt. Bürger wollen den Boden waschen lassen – prinzipiell geht das tatsächlich. Doch im Rheintal gibt es Probleme.

Rastatt/Ingolstadt - In der großen Halle stinkt es, als sei an einer Tankstelle Benzin ausgelaufen – die Fahrer der Bagger müssen in luftdichten Kabinen sitzen, und wer immer die Halle betritt, muss eine Atemmaske aufsetzen. Die Rede ist von einem der deutschlandweit größten Projekte zur Altlastensanierung: Audi reinigt im bayerischen Ingolstadt ein 75 Hektar großes Gelände, um ein Technologiezentrum zu bauen; früher stand dort eine Raffinerie, Öl und die Chemikalie PFC gerieten in Mengen in den Boden. In dieser Woche haben nun Bürger und Lokalpolitiker aus Rastatt und der Umgebung die einzigartige Anlage besichtigt – sie erhoffen sich Hilfe für ihr riesiges Problem: Zwischen Rastatt und Mannheim sind mehr als 1000 Hektar Ackerboden und vor allem auch Teile des Grundwassers mit PFC verseucht. Ist die Ingolstädter Anlage die Antwort auf alle Fragen?

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) nutzt die Industrie häufig, etwa um Outdoorkleidung zu imprägnieren oder um Karton fettabweisend zu machen. PFC stehen aber im Verdacht, krebserzeugend und erbgutverändernd zu sein. Im Rheintal waren wohl Papierschlämme, die man zwischen 2006 und 2008 als Kompost auf die Äcker ausbrachte, die Ursache. Auch im vergangenen Jahr sind noch neue Flächen entdeckt worden: Mittlerweile sind 775 Hektar bei Rastatt und Baden-Baden und 237 Hektar bei Mannheim betroffen.

Audi investiert eine hohe zweistellige Millionensumme in die Sanierung; dafür hat es das Areal für einen einzigen Euro Kaufpreis erhalten. Eine Anlage reinigt dort noch bis 2028 das Grundwasser: Pro Stunde werden 210 Kubikmeter Wasser aus dem Boden entnommen, über Aktivkohlefilter gereinigt und dann wieder in die Donauauen entlassen. Eine zweite Anlage wäscht den Boden in einer eigens dafür konstruierten Riesenmaschine: Bagger fahren den Aushub in die Halle, von dort wird die Erde 17 Meter nach oben in einen Turm befördert und fällt dann durch sogenannte Zyklonabscheider, Trommeln, Wäscher und Rüttelsiebe – 1200 Tonnen Erde täglich werden so mithilfe von 3000 Kubikmetern Wasser gereinigt, am Ende sollen es unglaubliche 600 000 Tonnen gewesen sein. 90 Prozent davon können vor Ort wieder zur Auffüllung verwendet werden.

Fläche im Rheintal ist zehn Mal größer als in Ingolstadt

Doch leider zeigt sich bei der Besichtigung ein großes Problem. Peter Swoboda, der das Konzept für Audi maßgeblich erstellt hat, betont: „Die Waschanlage funktioniert mit Kies und Sand wie in Ingolstadt sehr gut – für andere Böden wird es teurer und aufwändiger.“ Sprich: der stark tonhaltige Boden im Rheintal stellt eine große Hürde dar. Das zuständige Karlsruher Regierungspräsidium ist sogar zu der Ansicht gelangt, dass das Ingolstädter Verfahren gar nicht übertragen werden könne. Zudem sei die Fläche zehn Mal größer als in Ingolstadt: mit verhältnismäßigen Mitteln sei eine Sanierung auf diesem Wege nicht möglich. Dass einzelne Flächen auf andere Weise saniert werden, schließt die Behörde nicht aus. Auch die Grundwasserreinigung sei nicht möglich, da das Wasser in der Rheinebene in 20 bis 100 Metern Tiefe liege, in Ingolstadt seien es dagegen nur neun Meter. „Technisch und wirtschaftlich nicht darstellbar“, so das Fazit der Behörde.

Andreas Adam, einer der Sprecher der Bürgerinitiative Trinkwasser für Kuppenheim, gibt aber nicht auf. Er will die Ingenieure der Baufirmen Züblin, Geiger und Strabag, die die Anlage in Ingolstadt betreiben, nach Rastatt einladen und alles nochmals konkret und im Detail besprechen. Womöglich könnten zumindest einige besonders stark belastete Flächen gereinigt werden, sagt er. Daneben wäre für ihn denkbar, den verseuchten Boden zu entnehmen, eine Folie einzulegen und dann den Boden wieder aufzuschütten. „So könnte das PFC wenigstens nicht weiter ins Grundwasser sickern“, sagt Adam.

Dieser Tage veröffentlicht der Sozialminister des Landes, Manne Lucha (Grüne), auch einen Gesundheitsbericht zu PFC: 348 Personen im Rheintal sind auf den PFC-Gehalt im Blut untersucht worden. Das Ergebnis: In der Gruppe der Personen, die verunreinigtes Trinkwasser zu sich genommen hat, liegt der PFOA-Gehalt, einer der wichtigsten PFC-Werte, zwischen 2,5 und 71 Mikrogramm pro Liter Blut. Einen echten Grenzwert gibt es nicht – man geht davon aus, dass zwei Mikrogramm pro Liter auch bei lebenslanger Belastung ungefährlich sind. Aber das ist eines der Grundprobleme: Niemand weiß ganz genau, wie PFC im menschlichen Körper wirkt – und von welchem Wert an es kritisch werden kann.

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