Früher Luxus, heute Standard: 90 Prozent aller Neuwagen in Europa sind mittlerweile mit Klimaautomatik ausgestattet. Foto: dpa

Bei Autos und Klimaschutz denkt jeder an Motoren. Dabei gibt es noch einen weiteren Klimaschädling.

Stuttgart/Berlin - Mittlerweile ist sie fester Bestandteil von 90 Prozent aller Neuwagen in Europa: die Klimaanlage oder Klimaautomatik, wie sie neuerdings heißt. Elektronisch kühlt sie in heißen Tagen die Luft auf die gewünschte Temperatur und regelt obendrein die Luftfeuchtigkeit. Der zusätzliche Verbrauch von bis zu zwei Litern pro 100 Kilometer kümmert die meisten Autofahrer wenig. Dass die Geräte durch ihr Kältemittel auch das Klima belasten, ist vielen gar nicht bewusst. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) wollen deshalb nun aufklären und nehmen dabei die Automobilindustrie in die Pflicht.

In einer gemeinsamen Aktion, an der sich auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) beteiligt, fordern sie die Hersteller dazu auf, sich zügig vom Kältemittel R 134 a ¬(Tetrafluorethan) zu verabschieden. Das Mittel weist einen so¬genannten GWP-Wert (Global Warming Potential – eine Maßeinheit für die Klimawirksamkeit eines Gases) von 1430 auf. Es ist also 1430-mal so klimaschädlich wie das natürliche CO2.

Innerhalb der EU ist R 134 a seit 2011 für neue Fahrzeugtypen zwar verboten. Seither gilt ein GWP-Grenzwert von 150. Wegen Lieferschwierigkeiten in der Chemieindustrie dürfen die Hersteller R 134 a aber noch bis Ende 2012 verwenden.

Kältemittel schadet dem Klima

Nach Ansicht der DUH kommen die Lieferschwierigkeiten der Autoindustrie gerade recht als Alibi. Die Einhaltung der Vorgaben sei immer weiter hinausgezögert worden, kritisiert Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Das neue Kältemittel 1234 yf sei zwar klimafreundlicher als das alte. „Man kommt aber vom Regen in die Traufe, wenn man R 134 a durch das gesundheitsgefährdende und im Brandfall hochgiftige 1234 yf ersetzt“, klagt der Mann von der Umwelthilfe. Er pocht auf CO2 als natürliches Kältemittel. Das allgemein verteufelte Kohlenstoffdioxid klingt zunächst einmal nicht nach klimaschonend. Im Vergleich zu R 134 a ist sein GWP-Wert aber um das Vierfache besser. Und es ist gesundheitlich unproblematisch. Nach Berechnungen der DUH treten jährlich bis zu zehn Prozent der eingesetzten Kältemittel bei Unfällen, nicht sachgerechter Verschrottung oder durch undichte Stellen aus. Auch Umweltminister Untersteller appelliert daher an Daimler & Co., das Thema Klimaanlagen nicht als nebensächlich abzutun. „Anlagentechnik, Kältemittel, Handhabung und Wartung sind wichtige Faktoren, wenn es um die Umweltauswirkungen geht.“ Der Grünen-Politiker ist überzeugt: „Klimaanlagen können ohne Qualitätsverlust besser werden.“

Autohersteller wehren sich Der Verband der Automobilindustrie (VDA) nennt die Argumentation der DUH „haarspalterisch“. Die Dosen des neuen Kältemittels mit einem GWP-Wert von vier seien im Vergleich zu früher schon „homöopathisch“, meint ein Sprecher des Verbands. Dies weiter zu reduzieren würde sich klimatechnisch kaum bemerkbar machen. Außerdem wolle man keine deutsche Insellösung, da die internationalen Hersteller in den kommenden Jahren allesamt auf 1234 yf setzen würden.

Für die Lieferschwierigkeiten der Chemieunternehmen könnten die deutschen Hersteller nichts, insofern sei der Vorwurf der Verzögerung Quatsch, so der VDA-Sprecher weiter. Und was die Gefährlichkeit angehe: Dies sei nur der Fall, wenn das Kältemittel brenne und dazu noch Feuchtigkeit vorhanden sei.

Dazu seien nicht nur sehr hohe Temperaturen notwendig, sondern auch ein hochkonzentriertes Gas-Luft-Gemisch, das zehnmal so groß sein müsste wie ein zündfähiges Benzin-Gemisch. „Diese Kombination gibt es nur in der Theorie“, so der VDA-Sprecher abschließend.

DUH und VCD wollen dennoch weiter gegen das Kältemittel mobilmachen. Eine Wanderausstellung ist in diesem Jahr unter anderem noch in Offenburg und Bad Herrenalb zu sehen. Nähere Informationen unter www. autoklimaanlage.info.

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