Was wird aus Nord Stream 2? Der geopolitische Gasstreit trifft die deutsche Ostseeküste ganz konkret – ein Besuch in Sassnitz und Lubmin.
Sassnitz/Lubmin - Der Wirt vom Hafen-Eck sieht die Sache gelassen. Die Menschen in Sassnitz, die sich mittags bei ihm eine Currywurst oder ein Schnitzel holen, müssen aus seiner Sicht nicht um ihre Jobs bangen: „Der Trump macht doch nur Krach vor der Wahl.“ Andere sind sich da nicht mehr so sicher, weil viele die Geschichte mit dem Gas aus der Ostsee inzwischen sehen wie der US-Präsident.
Ein paar Kilometer die Bucht hinunter genießen Urlauber die letzten heißen Sommertage. Die Ostseestrände sind brechend voll, weil Corona Inlandsferien wieder groß gemacht hat. Hotels und Pensionen können für die Übernachtung fast jeden Preis verlangen, in den Restaurants der Seebäder auf Rügen muss oft Tage vorher reserviert werden. Wirtschaftlich könnte es gerade kaum besser laufen für Mecklenburg-Vorpommern – wären da nicht Donald Trump und Wladimir Putin.
Auf dem neongelben Anorak von Steffen Ebert steht der Grund dafür, dass der Nordosten der Republik nicht nur zum Hotspot für Pandemieurlauber, sondern auch zu einer geopolitischen Auseinandersetzung geworden ist. „Nord Stream 2“ ist darauf zu lesen, den Schutzhelm des Mannes, der den Besucher über ein umzäuntes Industriegelände an der Küste führt, ziert das Logo der neuen Pipeline ebenfalls. Hier in Lubmin bei Greifswald soll einmal das Gas ankommen, das stärker denn je Kanzleramt, EU-Kommission, Kreml und das Weiße Haus beschäftigt.
Der Druck ist groß
Die beiden Rohre, die im flachen Greifswalder Bodden sicherheitshalber unter dem Meeresgrund verlaufen, erblicken 700 Meter hinter der Uferlinie das Tageslicht. Ihr Durchmesser beträgt gut einen Meter, die Stahlwand ist mehrere Zentimeter dick. Später einmal soll sie enormem Gasdruck standhalten – 220 Bar zu Beginn der Reise in der Narwa-Bucht bei St. Petersburg, nach der 1224 Kilometer langen Reise werden es immerhin noch 110 Bar sein. Das aber ist Zukunftsmusik, die Arbeiten auf hoher See ruhen, weil die USA den beteiligten Unternehmen mit Sanktionen drohen. Noch fehlen knapp 150 Kilometer.
Steffen Ebert steht auf einem Podest hoch über der Anlage, die seit Ende vergangenen Jahres technisch betriebsbereit ist. „Es fehlen eigentlich nur noch acht Schweißnähte für die letzten Rohrverbindungen“, sagt der Sprecher des Baukonsortiums beim Blick auf die beiden Rohrstümpfe, die noch keinen Kontakt zum Rest der Station haben. Es gibt ein großes Ablassventil und tonnenschwere Verschlussbolzen für Notfälle, eine Luke, um für Wartungsarbeiten den sogenannten Molch in die Röhren zu schieben. Jenseits des Zauns übernimmt der Netzbetreiber schon heute Gas aus den Nord-Stream-1-Röhren – das Verbindungsstück für weitere 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, die durch Nord Stream 2 strömen sollen, ist ebenfalls schon fertig. Nun heißt es warten, ob sich der politische Knoten löst.
Er hat sich zuletzt fest zugezogen. Lange schon fühlen sich Polen und Ukrainer von der Pipeline im Wortsinne umgangen. Dänemark und Schweden hatten sicherheitspolitische Bedenken, da Russlands halbstaatlicher Energieriese Gazprom vor ihrer Küste aktiv wurde. Washington sieht in der Energiepartnerschaft, für die sich Putin einst mit Kanzler Gerhard Schröder feiern ließ, seit Jahren eine unzulässige Finanzierung des Rivalen in Moskau – auch wenn die Drohgebärden nur dem Ziel dienen könnten, mehr vom eigenen Flüssiggas zu verkaufen. All das hat die Bundesregierung bisher wenig beeindruckt. Nun aber, da nach der Vergiftung des Kremlkritikers Alexej Nawalny über Sanktionen gegen den vermuteten Drahtzieherstaat Russland diskutiert wird, steigt auch innenpolitisch der Druck, das angeblich rein wirtschaftliche Projekt politisch auf Eis zu legen.
Mehr denn je rührt Ebert die Werbetrommel. Billiger ist eine Pipeline unter Wasser demnach, da sie seltener gewartet werden muss. Den Erdgasbedarf in Europa sieht er als so hoch an, dass seine beiden Röhren nur Ergänzung und nicht Ersatz für den Transport über Polen und die Ukraine wären. „Nord Stream 2 ist kein politisches, sondern ein wirtschaftliches Projekt, das auf Investitionsentscheidungen von Gazprom und fünf europäischen Energieunternehmen basiert“, sagt Ebert, der so den Vorwurf eines exklusiven deutsch-russischen Deals entkräften will: „Das Projekt ist nur dadurch politisch geworden, weil wirtschaftliche Konkurrenten es vom ersten Tag an dazu gemacht haben.“ Er bleibt optimistisch, dass die Pipeline in Betrieb geht. „Wann genau das sein wird, können wir heute aber noch nicht sagen.“
Die Akademik Cherskiy liegt seit Mai im Hafen von Sassnitz-Mukran und wartet darauf, wieder auslaufen zu können. Auf dem Deck des Spezialschiffs unter russischer Flagge, das die Leitungen auf dem Meeresgrund verlegt, herrscht an diesem Tag geschäftiges Treiben. Experten nehmen technische Prüfungen vor für den Fall, dass es wieder losgeht.
Berge von Rohren türmen sich auf dem Hafengelände dahinter auf. Die Stahlleitungen für die letzten Nord-Stream-2-Kilometer haben hier alle schon ihre schweren Betonummantelung erhalten, die allen Meeresströmungen trotzen soll. Wann sie auf das Verlegeschiff geladen werden, steht in den Sternen. In Rügen schauen sie vielleicht noch lange in die Röhren.
Ein „vernichtender“ Brief aus den USA
Ein Brief aus den USA bedroht gar die Existenz des gesamten Hafens, der eines der letzten DDR-Infrastrukturprojekte war. Anfang August haben die republikanischen Senatoren Ted Cruz, Tom Cotton und Ron Johnson mit „vernichtenden“ Sanktionen“ gedroht, falls Nord Stream 2 weiter logistisch unterstützt wird. Angestellte oder Anteilseigner wären persönlich betroffen, Amerikanern wäre verboten, Geschäfte über Sassnitz abzuwickeln. Andere Reeder würden sich wohl zweimal überlegen, ob Rügen als Anlaufstelle nicht zu riskant geworden ist. Von einem „unverhohlenen Erpressungsversuch“ spricht Bürgermeister Frank Kracht, der seither mit dem Auswärtigen Amt in Kontakt steht und Fernsehteams aus aller Welt empfängt. Die Stadt ist Mehrheitsgesellschafterin bei der Fährhafen Sassnitz GmbH, dem Land Mecklenburg-Vorpommern gehören die übrigen zehn Prozent. „Rügen lässt sich nicht einschüchtern“, steht auf Plakaten, die die Linkspartei in der Stadt aufgehängt hat.
Vom Trausaal des Rathauses öffnet sich ein traumhafter Blick über weiße Jugendstilvillen hinaus auf die See, die seit jeher das Geschäftsmodell des 9000-Einwohner-Städtchens ist. Es ist nicht so, dass sie hier zum ersten Mal die Auswirkungen der großen Politik und des globalen Welthandels zu spüren bekämen – die breite Spur zeugt davon, dass Sassnitz als Ausläufer der Transsibirischen Eisenbahn galt, bis die EU wegen der Krim-Annexion Sanktionen gegen Moskau verhängte. Nun kommen zweimal die Woche Züge aus China per Schiff an – Pekings Politik der Neuen Seidenstraße macht es möglich.
Jetzt aber geht es ums Ganze, und Kracht weiß, dass die Lage noch schwieriger geworden ist: „Die, die schon immer gegen Nord Stream 2 waren, haben durch die Vergiftung Nawalnys nun eine Steilvorlage bekommen.“ Trotzdem erwartet er „von der Bundesregierung, dass sie nicht auf diesen Zug aufspringt und sich weiter gegen Sanktionen und für die Fertigstellung einsetzt“.
Er und die anderen Pipelinebefürworter können hoffen, erhört zu werden. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat den Sassnitzer Hafenmitarbeitern gerade auf einer Betriebsversammlung Solidarität versichert – auch als Ex-SPD-Chefin verfügt sie in der Berliner Regierungskoalition über Einfluss. Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Vorpommern-Rügen ist eine gewisse Angela Merkel.