Julia Gebrande ist Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Im Interview äußert sich die Professorin der Hochschule Esslingen zu Prävention und Täterverhalten.
In ihrem Büro hängt das Foto einer grauhaarigen Frau mit einem Schulranzen auf dem Rücken. Belastende Kindheitserinnerungen an sexuellen Kindesmissbrauch, so die Botschaften des Plakats, tragen auch Erwachsene mit sich herum. Aufarbeitung sei daher wichtig, meint Julia Gebrande. Die 45-jährige Professorin der Hochschule Esslingen ist neue Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
Frau Gebrande, warum haben Sie den Vorsitz der Kommission übernommen?
Meine Motivation ist die feste Überzeugung, dass es sich lohnt, aus der Vergangenheit zu lernen. Für Betroffene kann Aufarbeitung ein schmerzhafter Prozess sein, wenn sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Aber es kann auch ein wichtiger Baustein in ihrer Bewältigung sein. Begriffe wie „Seelenmord“ oder Sätze wie „Sexueller Missbrauch schädigt für das ganze Leben“ müssen der Vergangenheit angehören, weil sie die Hoffnung, Überlebenskraft und den Mut der Betroffenen ausblenden. Aber auch das gehört zur Aufarbeitung.
Aber kann sexueller Missbrauch nicht ein Leben lang belasten?
Das ist richtig. Genau hier setzt unsere Kommission an. Wir möchten einerseits die Folgen von sexuellem Kindesmissbrauch aufzeigen mit all dem Leid, das durch das begangene Unrecht entstanden ist. Aber wir möchten Betroffene auch nicht auf ihre Opferrolle reduzieren, sondern auch ihre Stärke und ihre oft kreativen Überlebensstrategien aufzeigen. Wir lassen Menschen mit ihren Lebensgeschichten zu Wort kommen, hören uns ihre Berichte an, schreiben sie anonymisiert auf und entwickeln auf dieser Basis Empfehlungen für Politik und Gesellschaft. Wir geben den Stimmen der Betroffenen einen Raum. Denn sexueller Missbrauch ist nicht nur ein Einzelschicksal, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Es muss gesellschaftlich etwas dagegen getan werden. Darum setzt sich die Kommission auch ein für ein gesetzlich garantiertes Recht der Betroffenen auf Aufarbeitung. Der Gesetzentwurf liegt bereits vor, muss aber noch die Instanzen passieren. Wir setzen uns ein für ein Recht auf Aufarbeitung und eine Pflicht für Institutionen, aufzuarbeiten, wenn es zu sexuellen Übergriffen gekommen ist.
Wo fängt sexuelle Belästigung an?
Der Gradmesser dafür ist das persönliche Erleben und Empfinden. Die Grenze ist immer dort, wo sich eine Person nicht mehr gut und unwohl fühlt. Wenn die Dinge nicht mehr einvernehmlich passieren, sondern Machtverhältnisse, Hierarchien oder Autoritäten ausgenutzt werden, dann ist etwas nicht in Ordnung. Aber wir müssen hier unterscheiden zwischen sexuellem Kindesmissbrauch, der immer vorliegt, wenn Erwachsene sexuelle Handlungen an Kindern vornehmen, und sexueller Belästigung, die zwischen Erwachsenen stattfindet.
In welchem Umfeld kann es verstärkt zu sexuellem Missbrauch kommen?
Betroffene haben der Kommission von ihrem erlebten Missbrauch berichtet. Davon berichten die meisten – etwa 70 Prozent – von sexuellem Kindesmissbrauch im familiären Bereich. Den Tätern geht es meist um das Ausleben und Ausüben von Macht, und ein solches Ungleichgewicht der Kräfte lässt sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern auch in der eigenen Familie leichter ausnutzen. Aber sexueller Missbrauch kommt auch in Jugendgruppen, Sportvereinen, in Kindergärten und Schulen oder in kirchlichen Gruppierungen vor. Nun sind auch in der evangelischen Kirche Fälle bekannt geworden, obwohl sie immer der Meinung war: „Wir sind die Guten, denn wir haben keinen Zölibat und lassen auch Frauen zum Priesteramt zu.“ Aber es gibt auch in der evangelischen Kirche Risikofaktoren.
Welche Risikofaktoren sind das?
Überall, wo Kinder und Jugendliche betreut werden, besteht die Gefahr, dass sich Täter oder auch Täterinnen als Betreuer, Seelsorgerin oder Trainer melden, um ein Vertrauensverhältnis zu Kindern für ihre sexuellen Zwecke auszunutzen. Auch in der evangelischen Kirche haben Amtsinhaber einen Vertrauensvorschuss und eine hohe Machtposition, weil ihnen eine unmittelbare Verbindung zu Gott zugeschrieben wird und sie als Respektspersonen gelten. In seelsorgerischen Gesprächen können auch sehr private, intime Situationen entstehen, die die Grenzen verwischen lassen. Durch die dezentrale Struktur der evangelischen Kirche gehen die verschiedenen Landeskirchen sehr unterschiedlich mit dem Thema um, sodass es keine einheitlichen Standards in der Verfolgung, Intervention und Aufarbeitung gibt. Auch solche Strukturen können Missbrauch befördern. Die aktuell erschienene ForuM-Studie spricht hier von „Verantwortungsdiffusion“.
Aber wie kann über viele Jahre hinweg sexualisierte Gewalt ausgeübt werden, ohne dass sich Betroffene etwa Angehörigen anvertrauen?
Meist spielen Einschüchterung, Scham, Schuldgefühle und die Angst vor dem Vorwurf, selbst etwas falsch gemacht oder den Missbrauch provoziert zu haben, eine große Rolle. Die Täter haben oft ein perfides System entwickelt, um die Betroffenen zu manipulieren. Sie üben Druck aus, entfremden die Opfer von ihrem sozialen Umfeld und bauen ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis auf. Sie sagen beispielsweise: „Deine Eltern sind so verklemmt und prüde, die verstehen gar nicht, was uns beide verbindet.“ Wenn die Tat einmal vor Vater oder Mutter verheimlicht wurde oder Fotos gemacht wurden, hat der Täter ein weiteres Druckmittel.
Wie kann sexueller Missbrauch verhindert werden? Was können wir tun?
Das Wichtigste ist: Hinschauen, sensibel reagieren, Signale aufgreifen und deuten, das Thema ansprechen. Menschen sollten sich bewusst sein, dass Missbrauch auch in der eigenen Familie, im eigenen Kindergarten, in der Schule oder dem Sportclub vorkommen kann. Betroffene Kinder senden meist Signale aus – sie zeigen zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten, Änderungen von Charaktereigenschaften, Bettnässen, Konzentrationsprobleme oder Aggressionen. Auch wenn Kinder im Spiel sexuelle Handlungen imitieren, kann das ein Alarmsignal sein. Solche Zeichen sollten ernst genommen werden.
Es ist aber schwer, andere mit solchen Vorwürfen zu konfrontieren.
Der erste Schritt sollte auch nicht die Konfrontation des Täters oder der Täterin sein. Es geht in erster Linie darum, das Kind zu schützen. Dafür kann professionelle Hilfe etwa durch ein Notruftelefon in Anspruch genommen werden.
Die Kommission und ihre Vorsitzende
Person
Julia Gebrande wurde 1978 in Bad Säckingen geboren. Nach dem Abitur und einem Freiwilligen Ökologischen Jahr im Haus des Waldes in Stuttgart studierte sie Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen. Sie machte ihren Abschluss als Diplom-Sozialarbeiterin/-Sozialpädagogin, arbeitete zunächst in der Beratungsstelle Wildwasser in Esslingen und promovierte danach in Hildesheim. Seit 2014 lehrt und forscht sie als Professorin an der an der Hochschule Esslingen.
Kommission
Die siebenköpfige Kommission wurde 2016 auf Beschluss des Bundestages von Johannes-Wilhelm Rörig, dem damaligen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, einberufen. Das Gremium untersucht Ausmaß, Art und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Kern der Arbeit sind vertrauliche Gespräche mit heute Erwachsenen, die in ihrer Kindheit und Jugend Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind.
Gespräche
Seit Gründung der Kommission wurden laut Julia Gebrande fast 2000 Gespräche mit Betroffenen geführt und über 700 schriftliche Berichte über sexuellen Missbrauch eingereicht, aus denen Empfehlungen für Verantwortungsträger, Politik und Gesellschaft abgeleitet werden.
Betroffene können sich unter kontakt@aufarbeitungskommission.bund.de oder 08 00/4 03 00 40 erreichen. Infos unter: www.aufarbeitungskommission.de.