30 Prozent weniger Ganztagsplätze, größere Kitagruppen, alternative Angebote wie Spielgruppen – die Stadt Stuttgart hat Eltern, Träger, Arbeitgeber und Fachkräfte über ihre Vorhaben in den Kitas informiert.
Am frühen Abend waren die Stellwände mit vielen bunten Zettelchen übersät. Darauf standen Fragen, Ideen und Kritikpunkte zu den Plänen, wie die Stadt die Stuttgarter Kita-Angebote verändern will. „Werden Geschwisterkinder weiterhin bevorzugt bei der Platzvergabe?“ – „Wie sollen Erzieherinnen entlastet werden, wenn die Gruppen größer werden?“ – „Ziehen die Träger bei den neuen Vergabekriterien mit?“- „Wie bleibt die Bildungsqualität erhalten?“ – „Welche Familien haben das Nachsehen, wenn es weniger Ganztagsplätze gibt?“ Fragen wie diese waren zu lesen. Um es vorweg zu nehmen: Am Ende kritisierten Elternvertreter, dass sie an diesem Tag zu wenige Antworten bekamen.
Das Jugendamt Stuttgart hatte zu einem Kitaforum im Rathaus geladen. Drei Stunden lang stellten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor, wie sie die Kita-Landschaft der Stadt verändern wollen. Eingeladen waren rund 100 Akteure aus dem Bereich frühkindliche Bildung: Vertreterinnen und Vertreter von Kita-Trägern, der Stadtverwaltung, Gewerkschaften, Fachberatungen, Arbeitgeberverbänden, Gemeinderatsfraktionen, Elternbeiräten sowie Kitaleitungen. Sie hatten die Möglichkeit, sich über die Ergebnisse der vier Arbeitsgruppen zu informieren, die derzeit zu dem Thema tagen, und dazu Stellung zu nehmen. Nachfolgend die Vorhaben und Diskussionen im Überblick:
Nur noch 60 Prozent Ganztagsplätze
Rund 9000 Plätze für Kinder bis drei Jahren und 19 000 für Drei- bis Sechsjährige bietet die Stadt derzeit an. 90 Prozent (U3-Bereich) und 70 Prozent (Ü3) davon sind Ganztagsplätze mit mehr als 35 Stunden die Woche. Künftig sollen nur noch 60 Prozent der Kitas diese langen Betreuungszeiten anbieten, der Rest sollen so genannte Verlängerte-Öffnungszeiten-Angebote (VÖ) mit sechs oder sieben Stunden täglich sein. Beim Kitaforum zogen vor allem Elternvertreter in Zweifel, dass das den Bedarf der Familien deckt. Die Stadt argumentiert mit Erfahrungen aus ihren Einrichtungen. Auch Vertreterinnen freier Träger berichteten, dass im U3-Bereich manche Eltern nur einen Ganztagsplatz buchen, weil es keine kürzere Alternative gibt. Jugendamtsleiterin Susanne Heynen machte deutlich, dass das 60-Prozent-Ziel bei allen Neuplanungen umgesetzt werden soll. Wann und wie bestehende Kitaangebote reduziert und ob alle Träger mitziehen werden, ist noch unklar. „Das ist ein Prozess.“
Berufstätigkeit und Alter des Kindes zählt
„Wie weisen Selbstständige ihre Berufstätigkeit nach?“ – „Haben ältere Kinder, deren Eltern nicht arbeiten, Vorrang vor jüngeren mit berufstätigen Eltern?“ – „Welche Kriterien zählen noch?“ – „Können Eltern von VÖ auf Ganztag wechseln, wenn sich Arbeitszeiten ändern?“ Viele Fragen drehten sich um die veränderten Vergabekriterien, die die Stadt – möglichst im Verbund mit allen Trägern – ab Juli oder August einführen will. Es wurde klar, dass freie Träger Bedenken haben. „Bei uns ist ein wichtiges Kriterium, dass Eltern Aufgaben übernehmen“, sagte zum Beispiel eine Vertreterin der Eltern-Kind-Initiativen. Das müsse erhalten bleiben. Katrin Schulze aus der zuständigen Arbeitsgruppe kündigte an, dass vor allem Berufstätigkeit und Alter der Kinder in Zukunft stärker gewichtet werden soll. Ob die freien Träger bei den neuen Kriterien mitziehen oder diese dann vorerst nur für städtische Kitas gelten, ist noch in der Diskussion. Vor vier Jahren scheiterte ein ähnliches Vorhaben. Die Stadt wäre offen, dass Träger den allgemeinen ihre spezifischen Kriterien hinzufügen. Dass Geld, das die Stadt an andere Träger zahlt, an die Übernahme der Vergabekriterien geknüpft wird, sei derzeit nicht geplant, so Schulze.
Fünf Kinder mehr pro Gruppe
Bedenken und Kritik rankten sich vor allem um eine mögliche Erhöhung von Gruppengrößen, die durch den neuen Erprobungsparagrafen des Landes im Kita-Gesetz möglich ist. In Stuttgart ist nun angedacht, gemischte Gruppen, in die Kinder mit sechs und acht Stunden Betreuung gehen, mit 25 statt 20 Kindern zu belegen. Krippengruppen, in denen stundenweise keine Unter-2-Jährigen betreut werden, können für diese Zeit auf zwölf statt 10 Kinder aufgestockt werden. Gewerkschaftsvertreterinnen, aber auch Einrichtungsleiterinnen kritisierten, dass die Belastung der Fachkräfte steigen werde – dabei sei ein Ziel des Kitaprozesses laut Stadt doch, Erzieherinnen und Erzieher zu entlasten, um sie so im Beruf zu halten und neue Kräfte zu gewinnen. „Wie soll in größeren Gruppen noch Inklusion von Kindern mit Förderbedarf möglich sein?“, fragte die Leiterin einer Einrichtung zum Beispiel. Eltern bezweifelten, dass die Qualität von Betreuung und Bildung unter diesen Voraussetzungen gehalten werden kann.
Digitales Elternkonto
Von einem digitalen Elternkonto, das bis Sommer startklar sein soll, verspricht sich die Verwaltung unter anderem, dass der Vergabeprozess schneller und transparenter wird. Eltern sollen zentral Bewerbung und Nachweise einstellen und Angaben ändern können. Alle Träger werden darauf Zugriff haben, sodass Familien nicht mehr – wie jetzt teils – mehrere Platzangebote verschiedener Kitas erhalten. So werde für das Jugendamt ersichtlich, wer noch unversorgt sei. Die Besucher des Kitaforums mahnten an, dass manche Eltern Sprachbarrieren hätten und im Digitalen Hilfe bräuchten. Katrin Schulze sicherte diese zu. Auch müsse man Kinder nach der Krippenzeit nicht erneut für den Kindergarten anmelden, sagte sie.
Spielgruppen und andere Alternativen
Die Stadt bietet bereits 19 Spielgruppen an, in denen Kinder aus Gemeinschaftsunterkünften, die keinen Kita-Platz haben, zwei Mal drei Stunden pro Woche betreut werden. Für dieses Konzept, das mit Fachkräften und Nichtfachkräften arbeitet, will die Stadt nun andere Träger gewinnen, um unversorgten Kindern zumindest zeitweise Betreuung und Förderung zu ermöglichen. „Als Tropfen auf den heißen Stein“ bezeichnete das eine Mutter. Mehrere Trägervertreter mahnten an, dass sie für solche Angebote finanzielle Unterstützung von der Stadt bräuchten. Neben den Spielgruppen will das Jugendamt außerdem selbstorganisierte Kinderbetreuung etwa in Stadtteil- und Familienzentren fördern sowie Initiativen von Vereinen oder Eltern, die Kinder nach der sechsstündigen Öffnungszeit in den Kitas weiter betreuen wollen.
Hoffnung auf ausreichend Plätze:
Derzeit können rund 1500 Plätze, die bereits genehmigt oder vorhanden sind, nicht belegt werden, weil Personal fehlt. Gleichzeitig sind in Stuttgart laut Statistik rund 3000 Kinder unversorgt, etwa 700 davon sind vier Jahre und älter. Es gebe keine exakten Berechnungen, aber man gehe davon aus, dass durch die nun geplanten Maßnahmen Personal frei werde und Angebote entstünden, um allen Kindern einen Platz bieten zu können, sagt Susanne Heynen. Außerdem wolle man den Bedarf derjenigen Eltern decken, die statt Ganztag einen VÖ-Platz suchen.
Eltern fehlen Antworten
In ihrem Statement am Ende des Kitaforums kritisierte Julia Wagner von der Konferenz der Gesamtelternbeiräte (KdGEB), dass zu viele Fragen offen geblieben seien. Etwa, ob all das wirklich mehr Plätze schaffe und ob es sich dabei um eine dauerhafte Umgestaltung der Kita-Landschaft handle – oder eine zeitweise, bis mehr Fachkräfte zur Verfügung stünden. Warum nutze man das Personal der Spielstuben nicht für die Kitas? Auch die Entlastung der Fachkräfte kommt ihr zu kurz. Die Eltern befürchten außerdem, dass viele Familien, die einen Ganztagsplatz bräuchten, in Zukunft leer ausgehen werden. Sie müssten dann Arbeitszeit reduzieren, was sowohl für sie als auch für ihre Arbeitgeber finanzielle Einbußen bedeute. Nancy Hehl, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi, sah die Interessen der Fachkräfte, die nur durch die Kitaleitungen vertreten waren, zu kurz gekommen. Sie findet es außerdem falsch, die Ganztagsstrukturen jetzt abzubauen. So werde es schwer, dieses Angebot zu einem späteren Zeitpunkt wieder auszuweiten. Luisa Gottschalk, Kitaleitung beim privaten Träger Konzept-e, sagte in ihrem Abschlussbeitrag, sie habe viele „gute Ansätze“ erkannt, es hätte aber einen ganzen Tag für Austausch und Diskussion gebraucht. Außerdem regte sie an, auch Kinder und ihre Meinungen in den Kitaprozess einzubeziehen.
Nächste Schritte
Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer versprach, dass alle Ideen und Kritikpunkte nun in den Arbeitsgruppen diskutiert würden. Susanne Heynen kündigte außerdem an, dass Antworten, die das Jugendamt jetzt schon geben könnte, an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschickt werden. In sechs Monaten soll es das nächste Kitaforum geben.