Der Schnulzensänger Richie Bravo umarmt gern die ganze Welt. Foto: Neue Visionen

Der Kinostart von Ulrich Seidls grandiosem Drama „Rimini“ wird überschattet von Vorwürfen: Kinderdarsteller und deren Eltern sagen, die Kinder wären am Set des Folgefilms „Sparta“ misshandelt worden.

Wenn Filmemacher am Set das Extreme suchen, können magische Momente entstehen – oder Situationen völlig entgleisen. So wie bei der Sexszene in „Der letzte Tango in Paris“ (1972), die der Regisseur Bernardo Bertolucci und sein Star Marlon Brando planten, ohne die Hauptdarstellerin Maria Schneider einzuweihen. Sie fühlte sich hinterher vergewaltigt; nach allem, was man weiß, zu Recht.

 

Nun steht der österreichische Regisseur Ulrich Seidl im Feuer, ein Experte für Extreme. Er kommt bizarren Figuren auf unheimliche Weise sehr nahe in seinen Spiel- und Dokumentarfilmen, die oft anmuten wie Mischungen aus beidem. In „Paradies: Liebe“ (2012) erzählt er von reifen Sextouristinnen in Kenia, in „Paradies: Glaube“ (2012) von einer fundamentalistischen Katholikin, die mit einer Madonna in der Vorstadt missioniert und sich kniend mit der Peitsche geißelt. Im Dokumentarfilm „Im Keller“ (2014) offenbaren Österreicher, wie sie unter ihren Häusern Großwildjägerbeute horten, Nazischreine pflegen oder sich sadomasochistisch anketten lassen.

Seidl bestreit die Missbrauchsvorwürfe

Während nun Seidls grandios bizarrer Spielfilm „Rimini“ in die Kinos kommt, gibt es Verwerfungen um „Sparta“, den zweiten Teil des „Bruderstücks“. Kurz vor der Premiere beim Festival in Toronto Anfang September veröffentlichte der „Spiegel“ einen brisanten Beitrag. Darin werfen rumänische Eltern und Kinderdarsteller Seidl vor, er habe sie nicht ausreichend über den Inhalt des Films informiert sowie die Kinder am Set unangemessen behandelt und nicht ausreichend geschützt. „Sparta“ wurde daraufhin nicht gezeigt.

Seidl bestreitet die Vorwürfe. Die Kinder und ihre Eltern hätten genau gewusst, was geplant war. Kein Kind sei „nackt oder in einer sexualisierten Situation, Pose oder Kontext gedreht worden“, erklärte er in einer Stellungnahme. Interviews gibt er auf Anraten seines Anwalts nicht. Direkte sexuelle Handlungen mit Kindern hat es beim Dreh wohl tatsächlich nicht gegeben, aber in einer Szene soll der Hauptdarsteller Georg Friedrich in Anwesenheit von Kindern unbekleidet gewesen sein. Er spielt in „Sparta“ einen Mann, der in Rumänien ein Jugendcamp für unterprivilegierte Kinder einrichtet und dabei mit unterdrückten pädophilen Neigungen konfrontiert wird.

Richie Bravo trotz der Adria-Tristesse

Seidl blickt gern in Abgründe. Diesmal blickt der Abgrund zurück. Es gibt dafür eine naheliegende Erklärung: Der Filmemacher arbeitet gerne mit Laiendarstellern, die er in die Konflikte ihrer Figuren stürzt; dieser Ansatz könnte nun im Umgang mit Kindern an eine sensible Grenze gestoßen sein.

„Rimini“ dreht sich um den in die Jahre gekommenen Schnulzensänger Richie Bravo (Michael Thomas). Der nimmt nach dem Tod der Mutter vom Elternhaus im Burgenland Abschied mit seinem Bruder, von dem man noch nicht weiß, dass er sich als pädophil entpuppen wird. Der Vater (Hans-Michael Rehberg) sitzt dement im Heim und ist gefangen in seiner Nazivergangenheit.

Zurück in seiner italienischen Wahlheimat Rimini trotzt der stets großspurige Richie der winterlichen Trostlosigkeit. Schnell wird klar, dass seine Existenz prekäre Züge trägt: In Seehundfellmantel und Schlangenlederstiefeln stapft er durchs Schneetreiben, vorbei an Geflüchteten, die neben verlassenen Strandbuden kauern. Richie besucht als Callboy deutsche Damen und singt in verwaisten Hotels vor Senioren-Reisegruppen. Wenn es eng wird, haust er in einem geschlossenen Hotel und vermietet seine Villa Bravo, die strotzt vor Richie-Postern aus besseren Zeiten und glamourösen Popstar-Outfits, eins schriller als das andere.

Michael Thomas charmiert sehr überzeugend

Richie trinkt, raucht und hangelt sich durch. Als seine volljährige Tochter (Tessa Göttlicher) auftaucht, der er jahrzehntelang den Unterhalt schuldig geblieben ist, gerät sein Lebensentwurf ins Wanken.

Sehr überzeugend umgibt der österreichische Schauspieler und Sänger Michael Thomas Richie mit klebrigem Charme. Er umarmt die Welt, gaukelt große Gefühle vor – und ist doch nur ein kleiner Gauner, der nachts beim Bier sein Geld an Automaten verspielt. Mit mächtigem Organ intoniert Thomas als Richie zum Play-back alte Schlager wie „Amalia“ und umgarnt die Seniorinnen vor der Bühne. Trotz aller Risse lebt er sein inszeniertes Glitzerwelt-Märchen, als wäre es mehr als eine Fassade, und tatsächlich offenbart er ein großes Herz – und das macht ihn auf seltsame Weise sympathisch.

Die Sexszene am Schluss ist radikaler als nötig

Gegen Ende zeigt Seidl expliziter als nötig, wie Richie eine Frau im Suff zum Sex drängt; Andeutungen hätten hier gereicht. Ansonsten hat der Provokateur seine Adria-Tristesse meisterhaft eingefangen.

Ulrich Seidl ist ein Filmemacher mit ganz eigener Handschrift, der große Risiken eingeht und unbequeme Werke schafft, die aufrütteln. Es wäre ein Jammer, wenn seine Karriere so jäh enden würde wie die von Woody Allen und Kevin Spacey.

Rimini. A 2022. Regie: Ulrich Seidl. Mit Michael Thomas, Tessa Göttlicher. 116 Minuten.