Ulrich Dietz, Vorsitzender des Aufsichtsrats der GFT, freut sich, Unternehmer in Baden-Württemberg zu sein. Foto: Tom Maurer Photography

„Spitze“ nennt Ulrich Dietz, GFT-Gründer und Stuttgarter Multiunternehmer, was im Südwesten rund um Künstliche Intelligenz entsteht. Mit Bundesregierung und Topmanagern hingegen geht er hart ins Gericht.

Klagen über den Standort Deutschland gibt es viele – Ulrich Dietz spricht in diesem Interview lieber über die Chancen, die er bietet. Und begründet, warum sie ihm größer denn je erscheinen.

 

Herr Dietz, wie viel Freude macht Unternehmertum derzeit in Baden Württemberg und in Deutschland insgesamt?

Es ist ein großes Privileg, wenn man Unternehmer sein kann und ein selbstgestaltetes Leben führen darf. Wir haben heute die Möglichkeiten, Produkte aus Deutschland in der ganzen Welt zu verkaufen und in der ganzen Welt auch zu produzieren. Das gilt insbesondere für Baden-Württemberg. Hier verfügen wir über viele hochqualifizierte, motivierte Menschen, die etwas bewegen wollen und in vielfacher Hinsicht Lust am Schaffen haben.

Viele Ihrer baden-württembergischen Unternehmerkollegen klangen weniger begeistert in den vergangenen drei Jahren. Wo kommt das her?

Die Politik muss den Unternehmen bürokratische Beschwernisse aus dem Weg räumen und nicht immer neue Hindernisse schaffen. Die öffentliche Verwaltung muss sich als Dienstleister an der Gesellschaft sehen. Diese Einstellung fehlt mir leider zu oft, sowohl bei der Politik als auch beim öffentlichen Dienst.

Wie streng achten Sie in Ihren Unternehmen darauf, Regelungswut einzudämmen?

Nehmen wir mal das Thema Compliance. Das kann man auf den Satz von Robert Bosch reduzieren: Es gibt Dinge, die macht man nicht. Wenn ich dieses Denken im Unternehmen verankere, kann ich mir viele Regularien und Verordnungen sparen. Es ist eine Frage des Stils und des individuellen Verhaltens. Das muss eine Geschäftsführung vorleben und dafür sorgen, dass sich damit jeder im Unternehmen wiederfindet. Das hilft uns, unsere Herausforderungen schnell zu meistern und uns auf die wesentlichen Punkte zu konzentrieren – auf Technologie, Wachstum, neue hochwertige Produkte und auf unsere Mitarbeiter.

Welche Projekte treiben Sie gerade besonders um – und voran?

In den letzten Wochen haben wir bei GFT eine neue KI-Plattform für Produkte, die auf Datenanalyse und auf Künstlicher Intelligenz beruhen, auf den Markt gebracht. Das Ergebnis stößt bei unseren Kunden auf sehr positive Resonanz. Mit unserer Firma Globe Fuel Cell Systems beschäftigen wir uns mit per Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellensystemen. Vor drei Jahren haben wir dieses Unternehmen gegründet, heute beschäftigen wir fast 50 Mitarbeiter. Schon jetzt verfügen wir über zertifizierte Systeme, die kleinere Fahrzeuge wie Gabelstapler oder Flughafen-Transportfahrzeuge CO2-neutral antreiben. Da sieht man, dass es insbesondere in Deutschland möglich ist, von der Idee bis zum zertifizierten Produkt in überschaubarer Zeit neue Hightechprodukte zu entwickeln. Das A und O ist eine leistungsorientierte, qualifizierte Mitarbeiterschaft.

Ihr Unternehmen Globe Fuel Cell Systems spricht aktuell mit Rolls-Royce über die Übernahme der Brennstoffzellenaktivitäten in Friedrichshafen. Wie weit sind Sie hier?

Aktuell kann ich dazu nichts sagen. Gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt.

So viel Aufbruchstimmung – ist das schon der Deutschlandpakt von Bundeskanzler Olaf Scholz?

Na ja, schaun mer mal, was die Bundesregierung noch alles auf den Weg bringt. Momentan scheinen die Prioritäten eher auf der Haushaltskonsolidierung zu ruhen. Allerdings sehe ich insbesondere bei der Landesregierung in Baden-Württemberg den Willen, die richtigen Zukunftsthemen anzupacken. Die Landesregierung investiert massiv in die richtigen Felder wie Künstliche Intelligenz, Wasserstoff, Luft- und Raumfahrt – alles Themen, die in Zukunft neue Arbeitsplätze schaffen werden. Ebenso wurden Projekte initiiert, welche die verschiedenen Regionen besser miteinander vernetzen. Das halte ich für einen richtigen Weg.

Beschreiben Sie das bitte an einem Beispiel.

Was bei uns rund um Künstliche Intelligenz entsteht, ist wirklich spitze. Dieses Thema wird in der Zwischenzeit quer durch alle Ministerien getrieben. Jetzt – ganz konkret und sehr positiv – nimmt die Landesregierung auch Geld in die Hand, um Künstliche Intelligenz als horizontale Technologie zu unterstützen und Baden-Württemberg an die Weltspitze zu führen. Der KI-Campus, der in Heilbronn auch mit Unterstützung des Lidl-Eigners Dieter Schwarz entsteht, das Engagement des Wirtschaftsministeriums, um das Thema in dieser und den anderen Regionen zu stärken – das alles schafft neue Möglichkeiten und bildet eine solide Infrastruktur. Damit wird gerade dem Mittelstand in Baden-Württemberg der unternehmerischen Zugang zum Thema Künstliche Intelligenz ermöglicht.

Sie haben den internationalen Vergleich: Ist Baden-Württemberg damit früh oder spät dran?

Die Entwicklung und Etablierung dieser Technologien wird über Jahre gehen. Wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen und in Forschung und Entwicklung investieren, dann können wir damit auch in Zukunft erfolgreich in der Welt Geschäfte machen. Darum ist es so wichtig, dass jetzt die Anstöße gegeben werden. Das ist der Fall, und das ist sehr erfreulich. Wie man den Meldungen entnehmen kann, will die Landesregierung KI-Technologien ebenso in ihre eigenen Prozesse einführen. So lebt man das vor. Ein weiteres positives Beispiel ist, wie hierzulande das Thema Wasserstoff oder auch Quantentechnologien vorangetrieben werden. Das ist wirklich beispielgebend. Wir brauchen eine Transformation hin zu Zukunftstechnologien, die relevant sein werden auch für unsere traditionelle Industrie, und wir brauchen neue Industrien, die Arbeitsplätze für die Zukunft schaffen.

Was läuft im Vergleich zum Land auf Bundesebene falsch?

Nehmen wir die Senkung des Strompreises für die Industrie. Die war fällig. Aber warum sollte der Bäckermeister, der ebenfalls die drastisch höheren Kosten hat, für seine Öfen keine Unterstützung bekommen, ein Stahlwerk, ein Großkonzern aber schon? Das ist nicht ausgewogen. Dazu kommt: Man hat den Eindruck, die Bundesregierung verfügt über ein unendliches Füllhorn. Jeden Monat kommen weitere Felder dazu, auf welchen sie noch mal 100 Milliarden Euro mehr ausgeben möchte. Mit der Entscheidung aus Karlsruhe wird dieses System nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Wir brauchen wieder das Grundverständnis, dass das Geld verdient werden muss. Das kann nur durch die Firmen und deren Wertschöpfung passieren.

Immerhin rückten zuletzt eher Investitionen in den Mittelpunkt: bei der Infrastruktur, bei der Bundeswehr . . .

Kein Mensch redet mehr davon, dass alles, was wir uns in den letzten 15 Jahren an Wohltaten geleistet haben, verdient werden muss. Die konstant steigenden Staatsausgaben und ganzen Pseudowohltaten sind Zuckerl für das Volk, mit denen die Parteien ihrer Klientel gerecht werden wollen. Ich halte das nicht für richtig. Dies schadet dem Land und letztendlich den Menschen.

Befeuert nicht auch die Wirtschaft solche Verteilfreude, indem sie ständig nach staatlicher Unterstützung ruft?

Zum Appell der Großindustrie ist zu sagen: Es gibt Firmen, die kommen trotz der hohen Strompreise und trotz der Bürokratie nach Deutschland, weil hier Qualität produziert wird und wir stabile Verhältnisse haben. Wenn andererseits große deutsche Unternehmen aus der Automobil- oder Energieindustrie nach staatlicher Unterstützung rufen, dann aber gleichzeitig die besten Unternehmensergebnisse verkünden, dann passt das nicht zusammen. Ich denke, die unternehmerische Verantwortung muss wieder mehr in den Vordergrund rücken. Als Familienunternehmer sind Sie selbst für Ihr Unternehmen und für das Lösen von Herausforderungen verantwortlich. Die Rufe nach staatlicher Unterstützung helfen da wenig. Diese Übernahme der Verantwortung erwarte ich auch von den gut bezahlten angestellten Managern.

Von vielen Unternehmern im Land ist zu hören, sie hätten keinen Nachwuchs, der weitermachen will. Wie ist es bei Ihnen?

Meine Söhne haben sehr wohl unternehmerische Lust. Weil sie erkannt haben, vielleicht auch im Rahmen der Erziehung, dass ein Unternehmer sehr große Freiheitsgrade und Gestaltungsmöglichkeiten hat. Vielleicht müssen wir es viel mehr den jungen Menschen nahebringen, dass sich Leistung lohnt und dass es was Schönes ist, selbstbestimmt zu arbeiten, seiner Leidenschaft nachzugehen und etwas bewegen zu können. Ob das die Beschäftigung mit nachhaltiger Energieerzeugung ist, neue Produkte im digitalen Umfeld oder was auch immer die Welt zu einem besseren Ort macht: Nie waren die Möglichkeiten, sich selbstständig zu machen und unternehmerisch aktiv zu werden, so groß wie heute.