Leticia Franieck kommt einmal die Woche ins Dormero-Hotel, um das Gespräch mit den Geflüchteten zu suchen. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Das Dormero-Hotel in Stuttgart ist zum Teil mit ukrainischen Geflüchteten belegt. Diese befinden sich im Wartezustand. Der werde als belastend erlebt, so die Psychologin Leticia Franieck, die zur Krisenprävention ins Hotel kommt.

Ihr Platz ist rechts neben der Drehtür vom Eingang des Dormero-Hotels in Möhringen. Auf einem grauen Sofa sitzt Leticia Franieck seit mehr als einem Monat jeden Montag zwischen 13 und 15 Uhr, neben sich eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher. Leticia Franieck spricht zwar viele Sprachen, aber kein Ukrainisch. Und schließlich will die Psychologin mit den ukrainischen Geflüchteten ins Gespräch kommen, die seit März in dem Hotel am SI Centrum in Möhringen untergebracht sind. Etwa 3400 Ukrainerinnen und Ukrainer hat die Stadt in Hotels, Hostels und Hallen einquartiert.

 

Auch wenn die Psychologin auf dem Sofa sitzt: Es ist keine Therapie, die sie im Dormero anbietet, sondern Krisenintervention, ein präventives, stabilisierendes Angebot im Rahmen des Projekts Omid der Caritas, das von der Stadt Stuttgart gefördert wird. Dieses setzt niederschwellig in Flüchtlingsunterkünften an – seit Ende April auch im Dormero-Hotel. Dass jemand sich für sie und ihre Gefühle interessiert, helfe diesen sehr, ist die Psychologin überzeugt. Sie habe bisher mit rund 40 Personen im Dormero gesprochen, sagt Leticia Franieck – Frauen und Jugendliche. Ein Thema sei eigentlich in allen Gesprächen aufgeploppt: „Sie hängen in der Luft.“ Das Warten sei für viele ein Problem.

Geschwister wollen das Zimmer nicht verlassen

Da ist die alleinstehende Anfang-50-Jährige, die ohne ihre Eltern ihr Dorf verlassen hat. Soll sie hierbleiben oder vielleicht doch besser zurückkehren? Da ist die Mutter von drei Kindern, deren erwachsener Sohn in der Ukraine geblieben ist, um seine Heimat zu verteidigen. Die Frau sei natürlich voller Sorge um ihn. Aber auch um die Kinder hier. Ein Sohn leide an Autismus. Er kann nicht verstehen, warum alles anders ist. Er sei auf geregelte Tagesabläufe, sein gewohntes Umfeld angewiesen und wolle das Hotelzimmer nun nicht mehr verlassen. Seine Geschwister allerdings auch nicht, habe ihr die Frau berichtet, die sich „sehr müde“ fühle. Sie belastet, getrennt von ihrem Mann zu sein. Das sei etwas, was ihr viele Frauen berichteten: Selbst wenn es zu Hause zuvor viel Streit gegeben haben möge. Sie fühlten sich im Zwiespalt. Sollen sie sich um einen Schulplatz für ihre Kinder bemühen – und falls ja, wie sagen sie es ihrem Mann?

Die Ukrainerinnen seien in einer ganz anderen Situation als die Geflüchteten, mit denen sie sonst arbeitet, die zum Beispiel 2015 nach Stuttgart kamen und sich ein neues Leben in Deutschland aufbauen wollten. Die Ukrainerinnen und Ukrainer hingegen suchten hier Schutz, hätten aber die Hoffnung, zurückzukehren. Manche Frauen weinen, wenn sie bei ihr in der Lobby sitzen. „Am Ende sind sie dann oft erleichtert.“ Aber man habe auch miteinander gelacht, so die Psychologin.

Mitleid helfe den Geflüchteten nicht

Sie warnt davor, die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer in Schubladen zu stecken. So sei die Entwicklung eines Traumas kein Automatismus. „Das ist keine Mathematikrechnung: Krieg plus Flucht gleich Trauma“, betont sie. Was auf dem Sofa gar nicht helfe, sei Mitleid. Das verstärke nur das Gefühl von Machtlosigkeit, das die Frauen angesichts des Erlebten verspüren könnten.

Wenn sie merke, dass der Bedarf größer sei, bietet sie an, sie in ihrem fußläufig erreichbaren Büro zu besuchen für ein Einzelgespräch. Bei der alleinstehenden Frau aus dem Dorf zum Beispiel sei das der Fall gewesen. Sie sei auch schon bei ihr gewesen.

Während Leticia Franieck erzählt, geht der Hotelalltag weiter. An der Rezeption stehen Gäste zum Einchecken, die offenbar für den Musicalbesuch hier sind. Ein kleiner, ukrainischer Junge fährt mit dem Bobbycar an ihnen vorbei. „Die einen checken ein, die anderen wissen nicht, wann sie auschecken sollen“, so fasst die Sprecherin Sabine Reichle von der Caritas es treffend zusammen.