Warum der traditionsreiche Schramberger Uhrenhersteller eine Doppelspitze bekommt und Miteigentümer Hannes Steim auch ins operative Geschäft einsteigt.
Beim Uhrenhersteller Junghans aus Schramberg stehen die Zeichen auf Expansion. Zum 1. Juni steigt Hannes Steim dort ins operative Geschäft ein. Er hatte die Uhrenfabrik 2009 gemeinsam mit seinem Vater Hans-Jochem Steim aus der Insolvenz übernommen.
Steim (44) bildet künftig mit dem bisherigen Junghans-Geschäftsführer Matthias Stotz (53), einem Uhrmachermeister in vierter Generation, eine Doppelspitze. Die beiden sollen „das große internationale Wachstumspotenzial für Uhren der Marke Junghans gemeinsam weiter erschließen und neue strategisch ergänzende Geschäftsfelder besetzen “, heißt es in einer Mitteilung von Junghans. Das persönliche operative Engagement der Eigentümerfamilie unterstreiche erneut den großen Rückhalt für den Uhrenhersteller.
Retter von Junghans
Seit der Übernahme durch die Familie Steim habe Junghans alle Geschäftsjahre positiv abgeschlossen, heißt es weiter. Im vergangenen Geschäftsjahr erreichte der Umsatz knapp 18 Millionen Euro, beschäftigt sind 108 Mitarbeiter.
Nach ihrem Einstieg wurden die Steims als Retter von Junghans gefeiert, es hagelte Glückwünsche, Aufträge – und Kunden kehrten zurück. „Wir sind uns bewusst, dass Junghans uns nicht die Taschen füllt, sondern dass das Geld reinvestiert werden muss“, sagte Hannes Steim damals im Gespräch mit unserer Zeitung. Und sein Vater Hans-Jochem Steim, mittlerweile 79 Jahre alt, sagte seinerzeit: „Junghans ist Schramberg, und Schramberg ist Junghans. Der Kauf ist für uns keine Eroberung oder Trophäe, sondern die Verpflichtung, Erfolg zu haben.“
Gemeinsam mit Geschäftsführer Stotz läuteten sie den Neuanfang ein – mit Erfolg, wie die vergangenen Jahre zeigten. Alte Tradition ist wieder gefragt, gut die Hälfte der in Schramberg gefertigten Armbanduhren hat ein mechanisches Werk. Die Preise liegen zwischen 800 und 2500 Euro im mittleren Preissegment. Es gibt aber auch Modelle, die deutlich teurer sind.
Unternehmerfamilie ist eng mit Schramberg verbunden
Mit detaillierten Designfragen und Uhren-Know-how dürfte sich Hannes Steim wohl eher zurückhalten, denn strategische Produktentwicklung und Technologie sind das Feld von Geschäftsführer Stotz. „Er lebt und strahlt die Uhr aus“, hat es Steim senior einst formuliert. Deshalb wird sich Hannes Steim als Co-Geschäftsführer vor allem aufs Kaufmännische, auf Marketing, Vertrieb und Internationalisierung konzentrieren. Bislang werden Junghans-Uhren überwiegend in Deutschland verkauft. Künftig will man stärker im Ausland wachsen, Potenzial sieht man etwa in den USA oder Großbritannien.
Die Unternehmerfamilie Steim ist eng mit Schramberg verbunden und weit über die Grenzen des Schwarzwaldstädtchens bekannt. Hans-Jochem Steim, Schramberger Ehrenbürger und ehemaliger Landtagsabgeordneter, hat als Miteigentümer und einstiger Chef des Familienunternehmens Kern-Liebers, das seinen Sitz im Schramberger Stadtteil Sulgen hat, viel angestoßen und ist viel rumgekommen. Er war unter anderem mehrere Jahre in den USA, wo sein Sohn Hannes 1978 in Toledo (Ohio) geboren wurde, eines von drei Kindern. Der umtriebige Unternehmer hat auch Fabriken in China aufgebaut und war zuletzt Vorsitzender des Verwaltungsrats von Kern-Liebers.
Gesellschafter von Kern-Liebers
Das Familienunternehmen ist fast so alt wie Junghans und einer der heimlichen Weltmarktführer, dessen Produkte viele nicht kennen, obwohl fast jeder schon damit in Kontakt gekommen ist. Kern-Liebers ist weltgrößter Hersteller von Aufrollfedern für Sicherheitsgurte, beschäftigt weltweit 7200 Mitarbeiter und macht rund 60 Prozent des Umsatzes von zuletzt gut 730 Millionen Euro mit der Automobilindustrie.
Ende 2021 hat Hans-Jochem Steim überraschend auf eigenen Wunsch den Vorsitz des Verwaltungsrats bei Kern-Liebers niedergelegt und ist ausgeschieden. Noch im September 2021 war er von der Sparkassen-Finanzgruppe Baden-Württemberg für sein Lebenswerk mit dem Gründerpreis ausgezeichnet worden. Auch Hannes Steim, der seit 2018 Geschäftsführer bei Kern-Liebers war, ist dort ausgeschieden.
Hintergrund dieser Veränderungen sei die unterschiedliche Auffassung in der zukünftigen strategischen Weiterentwicklung der Kern-Liebers-Gruppe als Familienunternehmen und die damit verbundene Absichtserklärung des Familienstamms Hans-Jochem Steim, seine Firmenanteile zu veräußern, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens. Die Firma Junghans ist davon unberührt, alleinige Eigentümer sind Hans-Jochem und Hannes Steim. Beide teilen im Übrigen nicht nur ihre Leidenschaft für Junghans, sondern auch für Oldtimer. Rund 130 Fahrzeuge sind in der Autosammlung Steim in Schramberg zu sehen.
Traditionsreiche Uhrenfabrik
Gründung
Junghans wurde 1861 gegründet. Bereits 1903 war Junghans die größte Uhrenfabrik der Welt. 1961 zum 100-Jahr-Jubiläum wurden mit 6000 Mitarbeitern und 10 000 Maschinen täglich 20 000 Uhren aller Art produziert, die in 100 Länder exportiert wurden.
Meilensteine
1961 lancierte Junghans die ersten Armbanduhren aus der Feder des Bauhaus-Vertreters Max Bill. 1972 fungierte Junghans bei den Olympischen Spielen in München als offizieller Zeitnehmer und profilierte sich mit hochpräzisen Digitaluhren, Startpistolen und Lichtschranken sowie den weltweit ersten Zielfotos in Farbe. Innovative Funk- und Solaruhren folgten. 1990 stellte Junghans mit der Mega 1 die weltweit erste Digital-Funkarmbanduhr vor.
Eigentümer
In den 50er Jahren übernahm der Nürnberger Diehl-Konzern Junghans und verkaufte das Unternehmen im Jahr 2000 an den chinesischen Luxusgüterkonzern Egana-Goldpfeil, wo Junghans nur eine unter vielen Marken war. Durch die Insolvenz von Egana-Goldpfeil stand Junghans 2008 ebenfalls vor dem Aus. Matthias Stotz war da gerade gut ein Jahr Geschäftsführer. 2009 übernahmen der Schramberger Fabrikant Hans-Jochem Steim und sein Sohn Hannes Junghans. Die Uhrenfabrik besitzt ein historisches Gebäude am Standort.