Stefan Kraft (vorne) löst den langjährigen Kulturhausleiter Cornelius Wandersleb in Waiblingen zum 1. Oktober ab. Foto: Gottfried Stoppel

Der Neue kommt aus Korb, hat „ungewöhnliche Impulse und verrückte Ideen“ im Gepäck und will seine Projekte nicht nur im Kulturhaus Schwanen, sondern auch an anderswo in Waiblingen umsetzen.

Eigentlich hätte Stefan Kraft gerne noch ein paar Jahre länger weitermachen können wie bisher. In seinem vor rund sechs Jahren gegründeten Kulturbüro Sorglos mit Sitz in Korb heckt der 37-Jährige Popkultur-Events für die Region Stuttgart aus: Formate wie den „Sorglos Song Slam“, einen Wettbewerb für Singer und Songwriter, in dem mehrere Musiker auf der Bühne gegeneinander antreten und das Publikum als Jury fungiert. Oder die „Kulturdeck-Festivals“, bei denen das Stuttgarter Parkhaus Züblin von der schnöden Autoabstellfläche zum kulturellen Treffpunkt wird.

 

Dennoch hat sich der 37-Jährige mit einem Faible für Kleinkunst für die Stelle als neuer Leiter des Kulturhauses Schwanen in Waiblingen beworben. Die Stelle wird frei, weil Cornelius Wandersleb, der das Haus vom Jahr 2000 an aufgebaut hat, mit 66 Jahren in Rente geht. „Ich will mit der Energie, die ich jetzt habe, in den Job gehen“, begründet Stefan Kraft seinen Wechsel vom eigenen Kulturbüro, das er zum Ende des Jahres einstellt, ins soziokulturelle Zentrum unter städtischer Trägerschaft. Den Schritt wagt er „mit zwei lachenden Augen“ und sagt: „Für mich ist es ein logischer Schritt, jetzt in die Struktur reinzugehen.“

Die Stadt hat sich für einen „jungen Wilden“ entschieden

Bei seiner Bewerbung hatte er klar gemacht, „dass ich Dinge ausprobieren und das Programm gestalten können will“, auch mit „verrückten Ideen und ungewöhnlichen Impulsen“ – wohl wissend, dass diese Herangehensweise in Stadtverwaltungen eher nicht die Regel ist. Trotzdem hat man sich in Waiblingen für den jungen Wilden, für Stefan Kraft, entschieden. Der sagt, mit seinem Eintritt am 1. Oktober werde eher eine Evolution denn eine Revolution beginnen.

„Ich will dem Kulturhaus keinen neuen Stempel aufdrücken, sondern Impulse setzen“, sagt Kraft. Er sehe seine Rolle als die eines Möglichmachers: „Ich schaffe einen Raum, damit Künstler das machen können, was sie tun wollen. Ich bin nicht der Zirkusdirektor oder Dompteur, der sagt, was man macht und was nicht.“ Mit dieser Haltung passe Stefan Kraft wunderbar zum Schwanen, findet der bisherige Leiter Cornelius Wandersleb. Seine Überzeugung ist nämlich, dass das Kulturhaus nach außen ausstrahlt, was im Inneren gilt: Keine Hierarchien, wenig Stress, dafür Muße und familienfreundliches, flexibles Arbeiten.

Von der Uni Tübingen in die Schweiz ans Theater

Dass solche Arbeitsbedingungen keineswegs die Regel sind, hat Stefan Kraft gleich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn erfahren. In Tübingen, wo er ein Studium der Fächer Rhetorik, Medienwissenschaften und Philosophie begonnen hatte, hospitierte er, der schon in der Schule Theater spielte, auf Anregung einer Dozentin hin in der Regieassistenz des Landestheaters Tübingen. Das gefiel ihm so gut, dass er sich schließlich für eine Stelle als Regieassistent in Sankt Gallen bewarb, die er prompt bekam. Er sagte Tübingen und seinem Studium adieu und zog in die Schweiz, wo er am Theater arbeitete, dann doch noch ein Studium machte – den Magister in Regieassistenz – und dann als Regisseur tätig war.

Dabei stellte er aber schnell fest, dass die Welt der klassischen Stadttheater, zumindest so, wie sie sich vor zehn Jahren darstellte, nicht die seine war. In jüngerer Zeit sei da zwar einiges in Bewegung gekommen, sagt Stefan Kraft, erzählt dann aber von „absurden Hierarchien“ und darüber, dass sich auf der Bühne zwar ständig alles um Macht und deren Auswirkungen drehe, das Thema hinter der Bühne aber keine Rolle spiele – trotz schlecht bezahlter Schauspieler mit Jahresverträgen. „Unter solchen Bedingungen wollte ich nicht mehr arbeiten.“

Straßenkunst auf dem Waiblinger Wochenmarkt

„Ich habe beschlossen, dass ich probiere, Kultur so zu machen, wie ich es gerne machen würde“, schildert Stefan Kraft, wie es zur Gründung des Kulturbüros Sorglos kam. Dort packte er Projekte an, die er sinnvoll und spannend fand – und überlegte erst danach, wie sie finanziert werden könnten.

Für das Kulturhaus Schwanen schweben ihm auch schon einige Aktionen vor: Ein regelmäßiges offenes Treffen im Schwanen, bei dem Musiker zusammen spielen können zum Beispiel, außerdem ein Tag der offenen Tür im Kulturhaus und ein Straßenkunstprojekt, bei dem Künstler aller Art den Waiblinger Wochenmarkt bespielen sollen. In den nächsten Wochen und Monaten stehen viele Gespräche an. Mit dem Kulturhaus-Team, mit den Schulen, dem Kulturamt, dem Jugendzentrum Villa Roller. Die Aufgabe des Schwanen, sagt Stefan Kraft, sei nicht, den Menschen etwas beizubringen, sondern für sie eine kollektive Erfahrung, ein Erlebnis zu schaffen, das möglichst intensiv ist.