Kinder dürfen sich kaum noch ohne Aufsicht draußen bewegen oder allein Wege zu Freunden oder zur Schule zurücklegen. Für die kindliche Entwicklung der Risikokompetenz ist das fatal – das sagen inzwischen sogar Unfallversicherer.
Stuttgart - Die kursiv markierten Szenen wurden auf Spielplätzen, Ausflügen oder im Alltag mit Kindern beobachtet.
Zwei Mädchen im Grundschulalter schaukeln. Plötzlich tönt aus der Jackentasche des einen eine Frauenstimme: „Seid ihr schon beim Spielplatz angekommen?“ Das Mädchen holt ein Walkie-Talkie heraus und antwortet der Mutter, dass sie am Schaukeln seien. Von nun an fragt die Frauenstimme im Fünf-Minuten-Takt nach dem Befinden der Kinder.
Mehrere Kilometer von zu Hause entfernt allein spielen? Noch in den 60er Jahren war das für Kinder in Deutschland völlig normal. Inzwischen beschränkt sich ihr Radius für unbeobachtete Abenteuer verschiedenen Studien zufolge auf 300 Meter. 56 Prozent der Eltern gestatten ihren Kindern unbeaufsichtigtes Spielen ausschließlich auf dem eigenen Grundstück oder in der direkten Nachbarschaft. Rund jeder Zehnte lässt sein Kind gar nicht unbeaufsichtigt draußen spielen, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov. Viel zu gefährlich, so die landläufige Meinung.
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Kindheit im Jahr 2022 bedeutet meist, die Welt nur unter den Fittichen der Eltern entdecken zu dürfen. Zur Schule wird man mit der Familienkutsche gefahren, auch zum Sport, zur Musikschule oder zu Freunden. Wer auf den Spielplatz darf, hat meist die Eltern im Schlepptau.
Es ist noch gar nicht so lange her, da war das ganz anders. „Ich war als Kind immer allein draußen unterwegs. Meiner Mutter war es egal, was ich gemacht habe. Hauptsache, ich war um 18 Uhr zurück“, erzählt Ingo Froböse, 65 Jahre alt und Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln. Was ist in den letzten 60 Jahren passiert, dass „Eltern heute ihre Kinder am liebsten mit einem Airbag auf dem Rücken draußen herumlaufen lassen würden“, wie es Ingo Froböse formuliert? Ist das Leben für Kinder tatsächlich gefährlicher geworden?
Mit dem Fahrradhelm aufs Klettergerüst
Auf einem Spielplatz. Ein Junge möchte aufs Klettergerüst. Die Mutter ruft ihn zu sich und zieht dem Kind den Fahrradhelm auf: „Jetzt kann nichts mehr passieren.“
Mit Zahlen belegen lässt sich die Angst der heutigen Elterngeneration kaum. So ist beim Spitzenverband der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) die Zahl der Kinder seit Jahren rückläufig, die eine Schülerunfallrente bezieht, also in der Regel in einen schweren Unfall verwickelt war.
Und wenn Kindern etwas auf dem Schulweg passiert, dann eher, weil sie im Auto der Eltern kutschiert wurden und einen Unfall hatten, und nicht, weil sie zu Fuß unterwegs waren. „Ähnlich verhält es sich mit sexuellem Missbrauch. Der findet vor allem im familiären Umfeld statt und nicht durch Fremde, wenn Kinder allein unterwegs sind“, sagt Peter Höfflin, Soziologe an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. In diesen Bereichen schätzen Eltern die Gefahren für ihre Kinder also tatsächlich falsch ein. Ingo Froböse vermutet, dass das auch an einer verzerrten Berichterstattung liegt. „Da werden einzelne Fälle groß berichtet und Eltern bleiben nur diese negativen Meldungen im Bewusstsein.“
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Soziologe Peter Höfflin findet, dass die ganze Sicherheitskultur in Deutschland hinterfragt gehört, die Gesellschaft sich immer ängstlicher, ja panischer verhalte. Wenn Kinder mit Fahrradhelmen auf den Spielplatz gehen, dann „ist definitiv etwas aus der Balance geraten“. Denn während Eltern versuchen, ihr Kind durch den Helm zu schützen, bringen sie es erst richtig in Gefahr: So warnt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club davor, dass Kinder mit dem Helm im Klettergerüst stecken bleiben oder sich mit den Haltegurten des Helms strangulieren könnten.
Im Schwimmbad mit Schwimmflügel, Schwimmring und Gürtel
Im Schwimmbad. Ein Mädchen im Kindergartenalter bekommt Schwimmflügel, einen Schwimmring und einen Schwimmgürtel angezogen, an Bewegung ist nicht mehr zu denken.
Die Angst vieler Eltern vor den Gefahren des Alltags ist also übertrieben. Aber ist das auch ein Problem für die Kinder? „Oh ja, in vielerlei Hinsicht“, findet Peter Höfflin, dessen zentrales Forschungsfeld die Entwicklung der Risikokompetenz bei Kindern ist. Denn genau darum geht es, wenn Kinder auf Bäume klettern, mit einem scharfen Messer schnitzen, eine echte Kerze in ihrer Laterne tragen oder von einer Mauer herunterspringen: herauszufinden, wie man riskante Situationen meistert. „Fallen lernt man eben nur durch fallen, und dass man sich mit einem Messer richtig wehtun kann, glaubt nur, wer sich mal geschnitten hat“, sagt Peter Höfflin.
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Vielen Kindern blieben solche Erfahrungen heute aber verwehrt, weil ihre Kindheit „organisiert, pädagogisiert und institutionalisiert“ sei, so Höfflin. Weil nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei Erziehern, Lehrern und Trainern in Sportvereinen die Angst zu präsent sei, dass den Kindern etwas passieren könnte. Die Kinder seien durch verpflichtende Unfallversicherungen nicht nur gut abgesichert. Die Unfallversicherer selbst setzen sich sogar dafür ein, dass Kinder eine gesunde Risikokompetenz entwickeln. Der Grund: Wer als Kind nicht lernt, sich in gefährlichen Situationen richtig zu verhalten, hat im Erwachsenenalter ein größeres Risiko, in Unfälle verwickelt zu werden – mit den entsprechend höheren Kosten.
Vor allem aber raubt man Kindern ein großes Stück ihrer Lebensqualität, wenn man sie ständig an der kurzen Leine hält. „Das elementare Bedürfnis von Kindern ist, ihre Grenzen auszutesten, draußen frei, unbeobachtet und auch mal riskant spielen zu können“, sagt Peter Höfflin. Und sie brauchen dieses Spiel auch, um sich motorisch und kognitiv richtig entwickeln zu können. Bis zum sechsten Lebensjahr werden die wichtigsten Strukturen im Gehirn angelegt – auch die für bestimmte Bewegungsabläufe. „Wer bis dahin nicht gelernt hat, sich zu drehen, zu rollen und zu hüpfen, richtig zu fallen, der wird das nie mehr aufholen“, sagt Sportwissenschaftler Froböse und sieht die Eltern in der Verantwortung. „Eltern haften für ihre Kinder. Aber sie haften nicht nur für die Sicherheit, sondern auch für deren Gesundheit und Lebensqualität.“
Info
Gefahr und Risiko
Gefahren sind Situationen, vor denen Kinder beschützt werden müssen, weil sie dabei ernsthaft Schaden nehmen könnten, da sie diese nicht erkennen und damit umgehen können – als Nichtschwimmer im Wasser, bei einem Gewitter draußen, bei der Begegnung mit einem Kampfhund. „Oder sie setzen ein kleines Kind auf einen Wickeltisch, auf den es allein nicht hochkommt. Dann ist das auch eine Gefahr“, sagt Soziologe Peter Höfflin von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.
Klettert das Kind dagegen aus eigener Kraft auf einen Stuhl oder einen Tisch, begibt es sich in ein kalkulierbares Risiko. Es kann nur so hoch klettern, wie Kraft und Mut da sind, sprich innerhalb der eigenen Grenzen – aber mit dem Risiko zu fallen. Spielplätze werden deshalb auch so gebaut, dass man Kindern alles zutrauen darf, was sie dort selbst schaffen. Gefährlich wird es auf einem Klettergerüst dadurch, dass Eltern ihre Kinder beispielsweise hochheben, mitklettern oder festhalten, damit das Kind weiterkommt. MAR