Die Zwetschge treibt tapfer aus – wenn es denn eine ist. Foto: Decksmann/KNITZ

Kolumnist KNITZ versucht sich seit einiger Zeit als Gärtner. Doch die Natur trickst ihn immer wieder aus.

Der Garten von KNITZ ist queer. Nicht zu verwechseln mit quer. Er verläuft, vom Haus aus betrachtet, eher längs.

 

Quer geht schon deshalb nicht, weil es an Gewehr erinnert, im Schwäbischen Gwehr ausgesprochen. Die Einzigen, die im Garten von KNITZ auf Raubzug gehen, sind die Katzen der Nachbarschaft, was verhindert, dass KNITZ beim Schoren die Mäuse auf der Nase herumtanzen.

Was im Garten unter der Grasnarbe passiert, kann KNITZ nicht beurteilen. Aber im Großen und Ganzen würde er sagen, sein Garten ist eine Oase des Friedens.

KNITZ weiß nicht, ob man den Begriff queer auch für Gärten, also die kultivierte Natur, anwenden darf. Falls ja, dann trifft es für den Garten von KNITZ zu. Bei Menschen spricht man etwa von queer, wenn sie sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Jemand wird als Mann geboren, fühlt sich aber eher in einem Frauenkörper daheim. Ist von der queeren Community die Rede, taucht auch immer der Begriff Vielfalt auf. Für Vielfalt steht der Garten von KNITZ auf alle Fälle.

Hat KNITZ eine verqueere Sicht der Dinge?

KNITZ will seine womöglich verqueere Sicht der Dinge an einem Apfelbaum festmachen. Dem Apfelbaum geht es den Umständen entsprechend gut, obwohl KNITZ ihm im vergangenen Jahr einen radikalen Schnitt verpasst hat. Ein Baumexperte ließ hinterher seinen geübten Blick über den Baum schweifen und meinte, das sei aber ein ziemlich japanischer Schnitt. KNITZ hat nicht nachgefragt, wie das gemeint war. Er geht davon aus: Es war ein Lob.

Aber eigentlich kommt KNITZ auf den Baum zu sprechen, weil der zweierlei Äpfel produziert. KNITZ ist als angehender Naturversteher (noch) nicht vom Fach, deshalb kann er die Sorten nicht benennen. Die einen Äpfel sind im reifen Zustand grünlich, die anderen rotbackig. Auch geschmacklich sind sie keinesfalls aus demselben Holz geschnitzt. Die Grünen haben mehr Säure, die Roten sind süßlicher. Zusammen vermoschtet ergeben sie einen erstklassigen Saft. Apfelsaft-Cuvée.

Noch wilder treibt es ein benachbarter Mirabellenbaum. Manche seiner Äste sind morsch, immer wieder fällt einer herab. Aber das hindert den Baum nicht daran, Jahr für Jahr Tonnen von Mirabellen zu produzieren.

KNITZ hat mal gelesen, wenn ein Baum fleißig Früchte produziere, sei das oft das letzte Aufbäumen vor dem Absterben. Der Mirabellenbaum gibt noch mal alles, in der Hoffnung auf eine reiche Nachkommenschaft. Aber das tut er seit Jahren.

Ist der Mirabellenbaum überhaupt ein Mirabellenbaum?

Seit dem vergangenen Sommer ist KNITZ gar nicht mehr sicher, ob der Mirabellenbaum überhaupt ein Mirabellenbaum ist. Am Stamm kamen Triebe hervor – und da KNITZ sie nicht kappte (wohl, weil er mit dem Apfelbaum zu beschäftigt war), wurden sie stärker und stärker und trugen schließlich Zwetschgen. Der Baum als Überraschungsei.

Halten wir also fest: KNITZ gibt sich Mühe, den Wildwuchs in seinem Garten im Zaum zu halten, also die Natur in kultivierte Bahnen zu lenken. Die Natur scheint das nicht zu jucken. Die Bäume in seinem Garten widersetzen sich dem tapfer. Sie treiben es, wie sie wollen. Es zeichnet sich ein Sieg der Vielfalt ab.