Über Kunst Die Kunst hat einen eigenen Eros

Von Brigitte Jähnigen 

150 Leserinnen und Leser erleben Götz Adriani in der Stuttgarter Galerie Klaus Gerrit Friese.

Stuttgart - Götz Adriani steht zu seiner inneren Freiheit. Die Künstler und ihr Werk, nicht die Vermittlung von Kunst habe er zu seiner Verantwortung gemacht, bekennt der ehemalige Leiter der Kunsthalle Tübingen als Gast unserer Veranstaltungsreihe „Über Kunst“.

Ganz Souverän, so zeigt sich Götz Adriani (71) auf dem Podium vom ersten Moment an. Und schnell bestätigt sich der Lebenslauf als Ergebnis inhaltlicher Konzentration. In den ausgehenden 1950er und beginnenden ­1960er Jahren studiert er Kunstgeschichte, erlebt einen von Experimenten bestimmten Aufbruch junger Kunst in einer gesellschaftlich eher als statisch beschriebenen Gesellschaft. Auch im Rückblick sieht Adriani den möglichen Widerspruch zwischen Experiment und Statik nüchtern: „Das hat mich nicht interessiert, ich interessierte mich für Kunst“, sagt der gebürtige Stuttgarter im Dialog mit ­Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung.

Kunsthalle Tübingen mit internationalem Ruf

Auf eigenem Weg – das ist Adrianis Kurs. „Mit Dalí und Chagall wäre ich sicherer ­gewesen“, verweist er auf sein Ausstellungsprogramm in der 1971 eröffneten Kunsthalle Tübingen. Joseph Beuys, Piero Manzoni, ­Robert Rauschenberg, Sigmar Polke, Peter Roehr, Anselm Kiefer statt Dalí und Chagall, aberspäter auch Paul Cézanne, Edgar Degas, Heinri Rousseau und Pablo Picasso: Die architektonisch eher bescheidene Kunst­halle Tübingen – „es ist ja kein Mies-van-der- Rohe-Bau“, sagt Adriani mit dem für ihn ­typischen leisen Lächeln – wird in der vier Jahrzehnte währenden Adriani-Ära zur Institution für Kunst von internationalem Ruf.

In ein Zentrum internationaler Gegenwartskunst aber kommt Adriani schon 1966 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Dort lernt er Karl Ströher kennen. Ströher war Eigner des Wella-Konzerns und Sammler von Werken amerikanischer Pop-Art wie Roy Lichtenstein und Andy Warhol sowie deutscher Künstler wie Joseph Beuys und Franz Erhard Walther.

Wie er Ströher erlebt hat? Adriani erheitert die 150 Leserinnen und Leser unserer Zeitung in der Stuttgarter Galerie Klaus Gerrit Friese, feste Bühne unserer „Über Kunst“-Reihe, mit einer Anekdote: „Eine meiner ersten Begegnungen mit Ströher war eine Fahrt ins Rheinland. Abgeholt wurde ich von einem Mercedes 600 mit Chauffeur. Zur Mittagszeit teilte Ströher einen Apfel. Das war die einzige Verpflegung an diesem Tag.“

Götz Adriani wirkt eher wortkarg

In Darmstadt traf Adriani auch Joseph Beuys. „Ich habe keinen Menschen kennengelernt, der so gut zuhören und auf sein Gegenüber reagieren konnte wie Beuys“, ­sagt er. 1968 begann Beuys die Hauptwerke des Beuys-Blocks im Hessischen Landes­museum aufzubauen. Und Beuys, betont Adriani, habe mit seiner Ausstellung 1979 im Guggenheim-Museum in New York „als ­erster deutscher Künstler nach 1945 die ­Türen zur internationalen Wahrnehmung deutscher Künstler geöffnet“. Sechs Jahre zuvor erscheint die erste Biografie über Beuys – mit herausgegeben von Götz Adriani. Jedoch: „In einer Berliner Buchhandlung“, sagt er, „fragte ich seinerzeit nach dieser ­Biografie, die Verkäuferin sagte, ach, ­nehmen Sie doch lieber die von Heiner ­Stachelhaus, die ist viel besser.“

Götz Adriani wirkt eher wortkarg, spricht leise, präzise, zeigt wenig innere Bewegung. Doch wie viel Leidenschaft für die Kunst, wie viel Energie, wie viel Freiheit (auch gegenüber Bürgerprotesten gegen die Kunst) in diesem Mann stecken muss, der mit Werken Willi Baumeisters 1971 die Ausstellungsgeschichte in der Kunsthalle Tübingen beginnen lässt, spüren die Zuhörer an diesem Abend immer wieder.

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