Pommes in der Bolzstraße – Süddeutschlands erste Pommesbude Foto: privat

Vor 50 Jahren eröffnete der Sachse Udo Höroldt in Stuttgart die erste Frittenbude Süddeutschlands – das heutige Udo Snack.

Stuttgart - Udo Höroldt ist 1962 ein junger Mann von 23 Jahren und hat große Pläne. Zwei Jahre zuvor, kurz vor dem Mauerbau, hat der Sachse aus der Nähe von Leipzig rübergemacht. Der gelernte Maurer will Architektur studieren. Dafür braucht er Geld. Ein Job wäre kein Problem, denn im Wirtschaftswunderland herrscht Vollbeschäftigung. Eine Idee aus den USA geht Höroldt nicht aus dem Kopf: Fastfood. Eine ideale Sache für die arbeitsamen Schwaben, die vor lauter Schaffen keine Zeit haben.

Am 1. Dezember 1962 eröffnet Udo Höroldt in der Bolzstraße in Stuttgart eine Frittenbude. „Sie war die erste in Süddeutschland“, sagt Marlies Höroldt, die damals zwar erst zwölf Jahre alt ist, ihrem Mann Udo, den sie 1980 heiratet, auch in dieser Angelegenheit immer vertraut hat.

Anfangs ist die Frittenbude nicht mehr als ein offener Bretterverschlag in einer Baulücke. Dort sitzt Udo, wärmt sich die Hände an der Fritteuse und leistet Entwicklungshilfe. Im Land der schwäbischen Bratkartoffeln, der sauren Rädla und des Kartoffelsalats sind Fritten etwas Besonderes. „Die Leute waren neugierig“, sagt Marlies, „anfangs hat Udo kostenlose Proben verteilt.“

Hamburger statt Rote und Currywurst

Doch die Stuttgarter kommen an „Udos Imbiss Ecke“ schnell auf den Geschmack. Trotz gesalzenen Preisen für eine Pappschale Pommes. „50 Pfennig war ziemlich teuer“, sagt Marlies. Exotik hat seinen Preis.

Rasch bekommt Udo Nachschubprobleme. Doch er hat Freunde. Seine Handballkollegen vom MTV müssen einspringen – und Kartoffel schälen. Jeden Tag lernt Udo dazu. Eine Touristin erzählt ihm, in Belgien würden die Kartoffelstäbchen vor dem Frittieren blanchiert. Ein befreundeter Bäcker hilft in seiner Backstube aus.

„Udo war sehr erfinderisch“, erinnert sich Marlies. „Er hatte jeden Tag zehn Ideen – die meisten waren entweder nicht gut oder ihrer Zeit weit voraus.“ So baut er ein Rollbrett mit vier Rädern und Batterieantrieb. Heute rollt das zweirädrige Exemplar mit dem Namen Segway von Erfolg zu Erfolg. Als Werbemittel lässt Udo Single-Schallplatten pressen, auf der professionelle Sprecher als frühe Rapper sein Fastfood preisen: „Lass Dir mal was Gutes schmecken, geh zu Udos Imbissecken. Dort bekommst Du auf die Schnelle Würstchen mit und ohne Pelle.“

Eine andere Idee von Udo zündet ebenfalls. In der Calwer Straße macht er 1964 einen Imbiss auf, der statt Rote und Currywurst Hamburger auf der Karte hat. „Hamburger waren damals das Non-Plus-Ultra“, sagt Marlies. McDonald’s merkt das erst später. 1971 eröffnet der US-Konzern in München seine erste Filiale in Deutschland.

30 Filialen von Udo Snack zur besten Zeit

1971 ist Udo längst auf Expansionskurs. 1966 macht er eine Filiale in Reutlingen auf. 1972 kommt für den Namen „Udos Imbiss Ecke“ das Ende. „Imbiss, das klang etwas schmuddelig“, erinnert sich Marlies, „und Ecke klang noch schmuddeliger“.

Mit dem neuen Namen „Udo Snack“ kommt der Laden richtig ins Laufen. Innerhalb weniger Jahre werden in Stuttgart und den Nachbarstädten etwa 30 Filialen aufgemacht. Rastlos hält Udo Ausschau nach immer neuen Standorten. Parallel dazu baut er einen Großhandel auf, der seine Snacks versorgt. Später stellt er die Kette auf Franchise um. Das wichtigste aber liefert er weiterhin selbst: Udos Hamburgersoße. „Das Rezept wird nicht verraten“, sagt Marlies.

In den 80er Jahren wird Udo krank. Er hat sich gesundheitlich übernommen. Standorte müssen schließen. Doch Udo sprüht weiter vor Ideen. „Er wollte chinesisches Fastfood anbieten“, sagt Marlies, „er wollte noch einmal richtig klotzen.“

Als Udo 1989 stirbt, ist sein kleines Hamburger-Imperium längst geschrumpft. Zwei Imbisse in Stuttgart, in der Calwer Straße und der Schwarenbergstraße, kaufen sich aus der Erbmasse das Namensrecht „Udo Snack“ und braten von nun an ihr eigenes Ding. Marlies Höroldt selbst betreibt nur noch den „Udo Snack“ in Reutlingen. Ihre erste Änderung als eigene Chefin betrifft ein Werbeangebot, das in Stuttgart fast Kultcharakter hatte. Jeder Kunde, der die zehn verschiedenen Udo-Hamburger in 90 Minuten verschlingen konnte, musste nichts bezahlen. „Ich habe das beendet“, sagt Marlies, „da gab es zu viele üble Szenen mit dem Finger im Hals“.

2006 gründet Tochter Stephanie in Tübingen einen neuen „Udo Snack“. Während ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim hat die heute 32-Jährige eine Diplomarbeit über Systemgastronomie geschrieben. „Mit diesem 90-seitigen Businessplan bin ich zur Bank gegangen“, erinnert sich Stephanie. „Ein Kredit war dann gar kein Problem.“

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