Einst vor den Nazis aus Deutschland geflohen, ist Willy Wolff zeitweilig nach Schwerin zurückgekehrt – und auch dort bester Dinge. Foto: ARD

Er ist ein großer Charmeur, ein kluger Menschenfreund und ein liberales Gotteskind: Der Titelheld des Dokumentarfilms „Rabbi Wolff“ spricht Herz und Verstand an.

Schwerin - Die Dinge, die man tut, sollen Spaß machen“, mahnt William Wolff, und dann bekundet der fröhliche Mittachtziger noch etwas, das man ihm sofort glaubt: Wenn etwas keinen Spaß mehr gemacht habe, sei er zu etwas anderem gewechselt. Keinen Spaß mehr gemacht hat dem 1927 in Berlin Geborenen die Arbeit als Journalist bei der Tageszeitung „Daily Mirror“ in London. Mit 52 Jahren begann er die Ausbildung zu etwas ganz anderem, fünf Jahre später war dieses Studium beendet: Willy, wie ihn seine vielen Freunde nennen, war nun Rabbiner.

Wer sich darunter einen weltfernen Mann vorstellt, der Verse aus der Thora vorsingt und auf Regeln aus uralter Zeit beharrt, sollte sich unbedingt Britta Wauers Dokumentarfilm „Rabbi Wolff“ anschauen, einen Infektionsherd des Lebensmuts, der Fröhlichkeit, Nächstenliebe, Toleranz und Offenheit. Wolff ist überhaupt nicht so, wie man sich hauptamtlich Gläubige irgendeiner Konfession vorstellt.

Mehr als eine Heimat

Als Wauer ihren Film drehte, war Wolff Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, hatte seinen Hauptwohnsitz aber weiterhin in Großbritannien. Der naheliegenden Vermutung, darin habe sich Misstrauen gegenüber dem Land ausgedrückt, vor dessen Mordprogramm er und seine Familie einst fliehen mussten, widerspricht jedes Bild. Zu Wolff passen das Pendeln über Grenzen, das Balancieren mehrerer Wohnsitze einfach. Diesem neugierigen Charmeur genügt eine Heimat nicht, er will sein Weltbürgertum – er ist Gotteskind, kein Engländer, Deutscher, Israeli – durch eigene Bewegung ständig erleben.

Kennengelernt hatte Wauer Rabbi Wolff bei den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ über den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Der kam ins Kino, und der knitze ältere Herr, der da so frei von Muff, Bangen und Pathos über Leben und Tod sprach, wurde zum Publikumsliebling. Wenn die Kamera in „Rabbi Wolff“ anfangs von weit oben auf den Protagonisten hinabschaut wie das von Wohlgefallen durchstrahlte Auge Jehovas, wenn die Musik von Karim Sebastian Elias („Of Fathers and Sons“) diesen Menschen umschmiegt wie eine zugleich schützende und darbietende Hand, kann kein Gedanke aufkommen, dies sei die rasche Verwertung einer Chance. „Rabbi Wolff“ ist eine liebevoll gestaltete Schneekugel, in der ein kluger Menschenfreund, der Herz und Verstand anspricht, im Wirbel des eigenen Lachens steht: Man kann dieser altersweisen guten Laune nicht widerstehen.

Echter Herzensadel

Es gab Reibereien des liberalen Wolff mit den konservativen Flügeln seiner Gemeinden, aber die werden hier nicht Thema. Stattdessen sehen wir, wie der Mann ganz entspannt und souverän in Ascot zum Pferdewetten geht und dabei im kleinen Finger mehr echten Adel hat als etliche der Elitesprösslinge ringsum im Stammbaum. So ganz nebenbei, ohne dass neubrauner und islamistischer Hass je thematisiert werden, wird jedem nicht Verhärteten klargemacht, was für eine widerwärtige Idiotie der Antisemitismus ist, der Menschen mit Wahnbildern überlagert.

Ausstrahlung: ARD, Mittwoch, 25. Juli 2018, danach in der Mediathek

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