Einige Kritiker regen sich auf: Beim US-TV-Preis Emmy wurden gerade Publikumsfavoriten wie „The Crown“ vielfach nominiert. Aber in Corona-Zeiten zählt Verlässlichkeit.
New York - Es gibt ein Schimpf- und Spottwort, das in den vergangenen eineinhalb Jahren zunehmend aus der Mode gekommen ist: Couchkartoffel. So haben mal Menschen, die auf ihre Freude an aushäusigen Vergnügungen stolz waren, jene anderen genannt, die lieber zuhause blieben – jedenfalls, wenn diese freiwilligen oder unfreiwilligen Stubenhocker, Couchkartoffeln oder Shut-ins, wie sie mit Soziologenanstrich heißen, Fernsehen schauten. Lasen sie dagegen ein Buch, waren sie natürlich feinsinnige Geistesmenschen von bewundernswerter Ablenkungsresistenz.
Die Emmys und Corona
Die Pandemie und der Lockdown haben da manches geändert. Viele Menschen mussten sich wieder mit dem eigenen Zuhause arrangieren, Fernsehen wurde attraktiv, und auch Leute, die zuvor damit kokettierten, höchstens mal alle vierzehn Tage auf ein halbes Stündchen bei Arte vorbeizuschauen, abonnierten nun zwei Streamingdienste. Das muss man sich noch mal bewusst machen, wenn man die bähmullige Enttäuschung verstehen will, mit der viele Kritiker gerade in den USA gerade auf die Bekanntgabe der diesjährigen Emmy-Nominierungen reagieren.
Wieder mal steht die Netflix-Serie „The Crown“ mit 24 Nominierungen bestens da, die nette Fußball-Comedyserie „Ted Lasso“ von Apple TV+ hat 20 Nominierungen abkassiert, und auch die Überraschungskandidaten kommen aus der Ecke des zeitlos Netten und Vergnüglichen: die Dramedy-Serien „Cobra Kai“ (anfangs Youtube, mittlerweile bei Netflix) und „Emily in Paris“ (von Anfang an Netflix) wären da zu nennen.
Doch keine Revolution
Offenbar hatten die Kritiker von den Emmys aber eine kleine Revolution, ein Signal der fortschreitenden Zeitenwende, ein Kavallerietrompetensignal fürs Vorpreschen des anspruchsvollen Erzählens im einst verachteten Massenmedium Glotze erwartet. Die Revolution aber blieb aus. Tatsächlich hat Corona für ein TV-Paradox gesorgt. In einer Phase breiter gesellschaftlicher Erschütterung, in der schlagartig sehr viel mehr Menschen als zuvor von spektakulärem Fernsehen überwältigbar gewesen wären, bot das Medium viel Konventionelles, Braves und Etabliertes an.
Das liegt zum einen an den Produktionsausfällen und -erschwernissen durch Corona. Wo nur wenig möglich war, ließ man das Riskante vorerst lieber liegen. Zum anderen aber dürfte da die Markteinschätzung durch die Programmplaner eine Rolle gespielt haben. In Zeiten der Krise, der Verunsicherung, der unmittelbaren persönlichen Herausforderung, so das Kalkül, suchen Zuschauer bei TV-Sendern und Streamingdiensten eher Rückversicherung, Ablenkung und Trost.
Fantastisches legt zu
Schaut man genauer hin, fallen bei den Emmy-Nominierungen – die endgültigen Gewinner erfahren wir am 19. September – aber doch ein, zwei Dinge auf. Die Serie „WandaVision“ bei Disney+ aus dem Marvel-Comicheldenuniversum findet sich unter den Nominierten in Top-Kategorien, ebenso der Disney+-Hit „The Mandalorian“ aus dem „Star Wars“-Kosmos, „Lovecraft Country“ (HBO, hierzulande bei Sky) und „The Handmaid’s Tale“ (Hulu, hierzulande Erstaufführungen bei Magenta TV).
Was diese Serien gemeinsam haben? Sie stammen aus dem Bereich der Fantastik. Sie tragen die Etiketten Science Fiction, Dystopie, Fantasy oder Horror. So etwas kam den Emmy-Juroren früher höchst ungern ins Haus. Prestigeserien wie „Game of Thrones“ haben das verändert, und nun scheint die Akzeptanz immer breiter zu werden. Das könnte tatsächlich auch mit Corona zu tun haben. Allmählich wird auch verstockteren Kritikern klar, dass Bilder, Prämissen, Verhältnisse, die auf den ersten Blick wenig mit unserem Alltag zu tun haben, die absurd wirken mögen, vielleicht doch bedrängend nahe an der Wirklichkeit liegen könnten.
Der Stellenwert von Black Lives matter
Eine andere interessante Entwicklung betrifft Serien, die man recht direkt mit Black Lives matter und der neuen Rassismusdebatte in Verbindung bringen kann. Vordergründig scheint die Nominierung von „Lovecraft Country“ – eine schwarze Reisegruppe erlebt rassistische und okkulte Umtriebe in der US-Provinz der Fünfziger – in gleich 10 Emmy-Kategorien ja dafür zu sprechen, dass dieses Thema den Kritikern weiterhin sehr wichtig ist.
Aber die Serie „The Good Lord Bird“ mit einem glänzenden Ethan Hawke in der Rolle des so legendären wie verrufenen Sklavereigegners John Brown wurde komplett ignoriert. Die manchmal genial originelle Serie „The Underground Railroad“ wurde mit drei Nominierungen indiskutable knapp abgespeist. Da könnte man auf eine bedenklich enervierte Übersättigungshaltung schließen.
Die neue Ungeduld
Was in den kommenden Monaten und Jahren auch noch spannend zu beobachten sein wird: das Verhältnis von Kritikerlob und Streaming-Entscheidungen. Anfangs haben die Streamingdienste zwecks Imageaufbau Serien, die Kritikerlob bekamen, gehätschelt und gepflegt. Mittlerweile werden besonders beim ungeduldigen Marktführer Netflix Serien abrupt gekippt, oft kurz nach Start der ersten Staffel, egal, was die Kritiker sagen und noch bevor ein breiteres Publikum überhaupt eine Chance hatte, die jeweilige Serie zu entdecken.
Wo das hinführen wird? Netflix hat anfangs gerade auch dadurch begeisterte Neukunden gewonnen, dass der Dienst anderswo abgesetzte Serien gerettet und weiter gepflegt hat. Vielleicht bietet sich nun eine Chance für kleinere Netflix-Konkurrenten.
Wichtige Emmy-Kategorien
Bestes Drama
„The Boys“ (Amazon Prime), „Bridgerton“ (Netflix), „The Crown“ (Netflix), „The Handmaid’s Tale“ (Hulu), „Lovecraft Country“ (HBO), „The Mandalorian“ (Disney+), „Pose“ (FX), „This is us“ (NBC)
Beste Komödie
„black-ish“ (ABC), „Cobra Kai“ (Netflix), „Emily in Paris“ (Netflix), „Hacks“ (HBO max), „The Flight Attendant“ (HBO max), „The Kominsky Method“ (Netflix), „PEN15“ (Hulu), „Ted Lasso“ (Apple TV+)
Beste Miniserie
„I may destroy you“ (HBO), „Mare of Easttown“ (HBO), „The Queen’s Gambit“ (Netflix), „The Underground Railroad“ (Amazon Prime), „WandaVision“ (Disney+)
Die Zahlensieger
Die meisten Emmy-Nominierungen 20021 hat der Pay TV- und StreaminganbieterHBO/HBO max bekommen: 130. Denkbar knapp dahinter liegt Netflix mit 129 Nominierungen. Disney+ hat 71 Nominierungen, der Sender NBC 46 Nominierungen.