An diesem Wochenende steigt die erste EM-Qualifikation der deutschen Turnerinnen. Allerdings ohne Meolie Jauch. Die 17-Jährige hat sich schwer verletzt und muss nun ganz andere Herausforderungen meistern.
Es war der erste dieses Monats – doch dummerweise war das, was an jenem Tag im Kunstturnforum in Stuttgart passiert ist, alles andere als ein Aprilscherz. Sondern sehr schnell bittere Gewissheit.
Meolie Jauch, eines der größten Turntalente Deutschlands, übte am Schwebebalken. Oben, auf dem nur zehn Zentimeter breiten Turngerät, war noch alles in Ordnung. „Es lief gut, ich war voll konzentriert“, erinnert ich Meolie Jauch. Doch nach der Schraube beim Abgang landete sie „etwas schräg“, ihr rechtes Knie knickte nach innen weg – „und ich wusste sofort: Das war es nun mit der EM“. Denn an diesem Wochenende findet die erste Qualifikation der deutschen Turnerinnen für die Europameisterschaft statt. Doch statt nach Frankfurt zu den Kolleginnen zu fahren, reiste Meolie Jauch am Freitag zur Familie in den Schwarzwald. Und weiß mittlerweile, dass nicht nur die EM ohne sie stattfinden wird.
Denn die MRT-Untersuchung zwei Tage nach dem nur leicht missglückten Abgang vom Schwebebalken ergab die denkbar schlechteste Diagnose: Kreuzbandriss und Innenbandanriss im rechten Knie. „Wie lange ich nun raus sein werde aus dem Trainings- und Wettkampfbetrieb, das habe ich noch gar nicht richtig realisiert“, sagt die Turnerin, die in Schönaich lebt, in Stuttgart trainiert und das Wirtemberg-Gymnasium besucht, „ich glaube, ich unterschätze das aktuell noch ein bisschen.“
Doch die bitteren Fakten kennt natürlich auch die Schülerin. Nicht nur die EM wird sie verpassen, sondern auch die deutschen Meisterschaften – und die Olympischen Spiele in Paris. Sich dafür zu qualifizieren, das weiß sie, „wäre sicher schwer geworden“. Denn nur ein Platz ist im deutschen Team noch zu vergeben, um den ranken sich mehr als eine Handvoll Turnerinnen. „Aber nun“, sagt Meolie Jauch, „kann ich nicht einmal darum kämpfen. Einen schlechteren Zeitpunkt für so eine Verletzung hätte es kaum geben können.“
Meolie Jauch hatte ihre Rückenprobleme endlich im Griff
Auch mit der Rolle der Olympia-Ersatzturnerin hätte sich die Schülerin anfreunden können, das hat sie jüngst beim DTB-Pokal in der Porsche-Arena immer wieder betont. Schließlich ist es ja eine sehr kleine Frauenriege, die für den Deutschen Turnerbund (DTB) in die französische Hauptstadt reist. Weil das Team die Qualifikation verpasst hat – bei der WM in Antwerpen fehlen Elisabeth Seitz und Emma Malewski verletzt –, sind nur Pauline Schäfer-Betz und Sarah Voss fix dabei, den einen Quotenplatz gilt es noch zu besetzen. Die Konkurrenz ist nun um eine Turnerin geschrumpft.
Was Meolie Jauch vor allem deshalb als „sehr bitter“ empfindet, weil sie in den vergangenen Wochen auf einem richtig guten Weg war. Nach jahrelangen Rückenschmerzen hatte sie diese Probleme endlich in den Griff bekommen und konnte an allen vier Geräten turnen – und musste sich nicht mehr nur auf ihre Paradedisziplin, den Stufenbarren konzentrieren. Beim DTB-Pokal, der ersten wichtigen Standortbestimmung des Olympiajahres, schlüpfte sie prompt in eine Führungsrolle in der jungen deutschen Mannschaft, holte mit dem Mixed-Team Bronze. „Sie wird uns sowohl sportlich als auch menschlich in der kommenden Zeit sehr fehlen“, sagt nun der Bundestrainer Gerben Wiersma.
Der Niederländer schickte sofort Genesungswünsche, auch viele Kolleginnen und Kollegen wie Barren-Weltmeister Lukas Dauser meldeten sich bei Meolie Jauch, nachdem diese ihre Verletzung Mitte der Woche öffentlich gemacht hatte. Das tat gut, lindert aber die Schmerzen (physisch wie psychisch) nur wenig. Die größte Herausforderung für die 17-Jährige wird nun erst einmal sein, mit der ungewohnten Ruhe klarzukommen.
„Ich habe einen unheimlich großen Bewegungsdrang“, sagt sie und weiß: „Das wird noch hart.“ Denn wenn die Suche nach dem richtigen Arzt abgeschlossen ist, wird dieser das rechte Knie der Turnierin in drei oder vier Wochen operieren. Dann beginnt die monatelange Reha. „Wenn sie sich da durchbeißt“, sagt ihr Heimtrainer Robert Mai, „kann sie an der Aufgabe wachsen und größer zurückkommen.“ Als Vorteil sieht er, dass sein Schützling schon einmal wegen langwieriger Rückenprobleme einen zumindest ähnlichen Prozess hat durchlaufen müssen.
Meolie Jauch blickt den kommenden Monaten zwar grundsätzlich zuversichtlich entgegen und hat das Ziel, nach der Reha wieder auf Topniveau turnen zu können. Ein paar Zweifel begleiten sie dann aber auch: „Ob mein Körper die Belastung noch einmal aushält?“
Das wird die Zeit zeigen. Von der Meolie Jauch nun erst einmal mehr als genug hat.