Die Stuttgarter Turnerin Kim Bui hat die Olympischen Spiele in London fest im Blick. Am Stufenbarren hat die EM-Dritte durchaus Chancen auf einen Finalplatz Foto: dapd

Turner-Präsident Rainer Brechtken über die erfolgreichste Olympia-Qualifikation.

Stuttgart - Alle drei olympischen Sportarten, die im DTB vereint sind, werden bei Olympia 2012 dabei sein. Turner, Trampolinspringer  und Sportgymnastinnen – das gab es noch nie. „Wir fahren  die Ernte für unsere Arbeit ein“, freut sich Rainer Brechtken, Präsident des Schwäbischen und des Deutschen Turner-Bunds.

Herr Brechtken, in diesem Jahr sind erstmals alle drei Sportarten des Turnerbunds bei Olympia dabei. Macht Sie das als Präsident des Deutschen Turner-Bunds (DTB) stolz?
Stolz können die Athleten sein. Die haben die Leistungen erbracht, nicht der Präsident. Aber es ist grandios, das haben wir noch nie geschafft. Das ist eine Bestätigung für unsere Arbeit. Die Leistungen der Sportler und Trainer waren der entscheidende Punkt.


Welchen Verdienst hat der Verband?
Der Erfolg ist auch das Ergebnis von drei Weichenstellungen, die wir im Deutschen Turner-Bund seit 1996 umgesetzt haben. Wir haben erstens versucht, die Mentalität im Verband zu verändern. Es muss klar sein, dass der Spitzensport eine zentrale Frage ist für die Wahrnehmung als Sportverband. Wir haben als DTB viele gesellschaftliche Aufgaben, vom Kinderturnen über Gesundheitssport bis zu Angeboten für Ältere. Es war nicht einfach, den Mitgliedern klarzumachen, dass auch dieses Spektrum nur wahrgenommen wird, wenn wir im Spitzensport wahrgenommen werden. Und das wird man nur, wenn man zur Weltspitze gehört.

Und zweitens?
Es gab strukturelle Veränderungen. Wir haben uns professionalisiert. In einer neuen Satzung haben wir den Spitzensport, das heißt die Kaderathleten, ausgegliedert. Zu 98 Prozent befassen sich mit dieser Verbandssäule nun professionelle Leute. Es gibt klare Verantwortlichkeiten, und wir haben bei der Wahl unserer Cheftrainer an der Spitze (Andreas Hirsch und Ursula Koch, d. Red.) ein glückliches Händchen gehabt. Spitzensport funktioniert nur mit Professionalität.

Haben Sie sich auch etwas von anderen erfolgreichen Nationen abgeschaut?
Wir haben geschaut, wie andere Länder arbeiten. Dazu gehört auch der wissenschaftliche Teil. Wir arbeiten eng mit dem Leipziger Institut für angewandte Trainingswissenschaft zusammen und haben neue Methoden für unsere Stützpunkte entwickelt. Wir sind in allen drei Sportarten mittlerweile in Grenzbereichen angekommen, was die körperlichen Anforderungen der Athleten anbelangt. Deshalb gilt es auch sehr intensiv an der Vorsorge zu arbeiten, um das Verletzungsrisiko zu ­minimieren.

Fehlt noch Punkt drei des Erfolgsgeheimnisses.
Der ist das Leistungssportkonzept, das wir bei seinem Beschluss im Jahr 2002 passenderweise „Spitzensport 2012“ genannt haben – wir waren da sehr optimistisch. Eines der entscheidenden Elemente war, dass wir den Nachwuchs über das System der Talentschulen fördern und diese mit den Landes- und Bundesleistungszentren verknüpfen. Jetzt fahren wir die Ernte ein.

Alles super also, im deutschen Turnen?
Es gibt nach wie vor Defizite. Einzelne Landstriche zum Beispiel, die sich dem Thema Nachwuchsförderung noch nicht so annehmen, wie das wünschenswert wäre. Ich glaube ja, dass Talente in Deutschland gleichmäßig verteilt sind. Die sind nicht alle in Stuttgart, Berlin oder Chemnitz versammelt – es muss sie auch in Nordrhein-Westfalen, in Nordhessen oder Schleswig-Holstein geben.

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