Ruoteng Xiao turnt in Stuttgart kraftvoll wie immer. Foto: Baumann

Warum die Akrobatik bei der Turn-Weltmeisterschaft anstelle der Ästhetik im Vordergrund steht – und welche Konsequenzen das für den Sport hat. Eine Analyse.

Stuttgart - Der Zirkus ist in der Stadt. Die besten Artisten der Welt treffen sich in der Schleyerhalle. Höher, schneller, weiter und immer noch höher, das ist das Motto. Katapultartig springen sie ab von der blauen Bodenmatte. Und die waghalsigen Sprünge und Flüge sehen manchmal so aus, als sprängen die Artisten von einem Trampolin ab – und in der Luft gibt es dann Dreifachschrauben, Salti en masse und Drehungen, die in dieser knappen Sekunde in luftiger Höhe kaum noch zu erkennen sind.

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Die Show, die da vonstatten geht, heißt Turn-WM. Und nicht, was vielleicht auch passen würde, Sprungwettbewerb, Salto-Contest oder Cannstatter Turnzirkus.

Akrobatik steht im Vordergrund

Die Akrobatik steht nicht erst seit den ersten WM-Tagen in Stuttgart an erster Stelle im internationalen Spitzenturnen. Es ist eine Entwicklung, die kritische Stimmen hervorruft. Fabian Hambüchen, Olympiasieger 2016 und aktuell als Botschafter der Stuttgarter WM in der Schleyerhalle unterwegs, lässt sich in einem ruhigen Moment aufs Sofa im Pressezentrum im Untergeschoss fallen – und sagt: „Es wird alles immer wilder, die Turner packen immer mehr Schwierigkeiten in ihre Übungen – das Streben nach der Ästhetik und der sauberen Ausführung einer Übung, kommt mir dabei zu kurz.“

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Warum es diese Entwicklung gibt, liegt auf der Hand. Vor 13 Jahren gab es eine Modifikation der Wertungsvorschriften, es gibt seither in den Punktzahlen keine Grenzen mehr nach oben. Und seither auch keine Grenze mehr, sei es am Boden, am Reck, am Sprung oder auch schon bei den Abgängen vom Barren. Heißt: Wer als Turner immer waghalsigere Elemente einbringt, der erhöht den Schwierigkeitsgrad seiner Übung, was ihm einen höhren Ausgangswert bei den Punkten bringt.

„Früher war das Turnen langweilig“

Sophie Scheder, Bronzemedaillengewinnerin bei den Spielen 2016 in Rio, , sieht die Entwicklung positiv: „Es geht immer mehr in die Show-Richtung“, sagt sie, „und ich finde das gut. Dadurch kann man das Publikum viel mehr erreichen, denn früher war das Turnen für Außenstehende doch ziemlich langweilig.“ Früher, als es vor allem im Frauenturnen nicht nur Kraftpakete wie US-Superstar Simone Biles gab, sondern auch noch elegante, eher zierliche Athletinnen, die mit Ästhetik und punktgenauen Übungen überzeugten.

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Hambüchen betont dabei, dass der spektakuläre Triple-Double von Simone Biles sehr viel mit den Grundwerten des Turnens zu tun habe: „Das ist technisch hoch anspruchsvoll – aber auch im Frauenturnen gibt es die Tendenz zu immer mehr Show.“ Diesem Spektakel sind aber qua Betonung auf die gymnastischen Elemente und tänzerische Komponenten Grenzen gesetzt. Am Boden etwa und allen voran am Schwebelaken geht es bei den Frauen meist um technisch saubere Ausführung und Eleganz – bei den Männern aber sieht die Sache anders aus.

Kritik von Hambüchen

Hambüchen sagt dazu, dass „die Grundwerte des Turnens immer mehr in den Hintergrund treten“. Das saubere Turnen, die Eleganz und gymnastische Elemente zählten immer weniger. Oder, anders ausgedrückt: Der Salto steht über allem. Was also kann man gegen diese Tendenzen tun? Fabian Hambüchen sagt: „Eleganz und vor allem die saubere Ausführung müssen im Wertungssystem wieder mehr belohnt werden.“ Sophie Scheder dagegen betont, dass man am Spektakel festhalten solle: „Die USA machen es uns mit ihren nationalen Veranstaltungen vor – das sind die reinsten Partys, und nur so geht es, wenn wir die Leute erreichen wollen.“ Und zur Party, das meint Scheder, gehört auch Akrobatik.

Fakt ist, dass der Weltverband FIG gerade neue Wertungsvorschriften entwickelt, die nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zum Tragen kommen sollen – wie genau die aussehen, ist offen.

Hilft eine Vereinfachung des Punktesystems?

Fabian Hambüchen ist wie auch Sophie Scheder – Spektakel hin oder her – für eine drastische Vereinfachung der Wertungen. Scheder sagt, „dass wir das selbst teilweise nicht mehr kapieren“. Und Hambüchen meint, dass die meisten Leute mit den aktuell 13, 14 oder 15 Punkten, die grob vergeben werden, „nix anfangen können“. Er plädiert für ein System mit 10 Punkten als Topwert. „So, dass jeder sagen kann: Hey, der hat an die zehn Punkte erreicht, die Übung muss top gewesen sein.“

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Der Weltverband übrigens widmet sich dieser Tage in Stuttgart seinem aktuellen Lieblingsprojekt. Dafür kommt bei der WM am Pauschenpferd, an den Ringen und beim Sprung modernste Technik zum Einsatz. Die Kampfrichter können ein dreidimensionales und lasergestütztes Videosystem zur Bewertung nutzen. Am Ende gibt es ein dreidimensionales Bild einer Übung, jeder Winkel wird berechnet. „Ich bin zwar nicht so der Technikfreak, aber das könnte vieles verbessern“, sagt Fabian Hambüchen – und meint damit mittelfristig eine exaktere und transparentere Wertung von anspruchsvollen Elementen.

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